Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- Seite 207 (sequence 3)
- Language
- German
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207 tben. Gewiß war es nicht wie zu Hause, die bekannten eben Gesichter fehlten, und trotzdem weilten wohl die Geinten aller Teilnehmer gerade an den Sederabenden doppelt! Hause. Wohl entsann man sich: noch vor einem Jahre ßest du an diesem Abend und lauschtest andächtig, wie der ater die Geschichte von dem Auszug der Kinder Israels erchlte, und gewiß dachte man damals nicht, daß man den -ichsten Sederabend, durch den Krieg von den Seinen getunt, weit in Feindesland verleben würde. Der Anregung lseres jüdischen Feldgeistlichen der 2. Armee, Herrn Rabbiners r. Levy, Berlin, zufolge hatte sich an beiden Sederabenden MC stattliche Anzahl Glaubensgenossen in dem ehemaligen 'uematographentheater in St. Quentin, Rue Cambrai 16, ngefunden. Durch Armeebefehl war es den irgend abkömmhcn Soldaten, zum Teil aus der Front, ermöglicht worden, gms zur Sederfeier nach hier zu kommen. Es waren alle 'argen vertreten: Aerzte, höhere Beamte und sogar ein eußischer jüdischer Leutnant. Anschließend an den Gottesmst in der hiesigen kleinen Synagoge, die wohl noch nie w so stattliche Zahl von Besuchern gesehen hat — in . Quentin gibt es zu Rosch ha Schono sowie an Jom Kipur Friedenszeiten kaum Minjan —, begaben sich die Teilhmer zusammen zur gemeinsamen Sederfeier. Herr Dr. Levy las ans der Haggada vor und erklärte den wächtig lauschenden Zuhörern die schwer verständlichen .eilen, von denen er annahm, daß sie nicht so leicht begriffen nden. Eine Freude war es zu sehen, wie nachher den Sölten, die zum Teil lange in den Schützengräben gelegen cten, die Sedermahlzeit schmeckte. Ein eigenartiger Kontrast n es: der festlich erleuchtete Saal mit weißgedeckten und amengeschmückten Tischen und die Soldaten in ihren von len Strapazen zeugenden Uniformstücken. Es war eine ier, die bei allen Beteiligten zeitlebens unvergeßlich sein wird. ml gebührt vor allen Dingen allster Herrn Dr. Levy den idcn jüdischen Schwestern Mally Drucker und Leoni Wolfs s Berlin, die trotz ihres ohnehin anstrengenden Dienstes ) bereitwilligst in den Dienst der gilten Sache gestellt tten. Wenn man die Speisekarte sieht, die eigens zu dem oeck hergestellt wurde und von der jeder Teilnehmer ein emplar als Erinnerung mitnahm, kann man sich wohl iken, daß einem an heiße Kämpfe und Entbehrungen ge- -l)nten Soldaten das Wasser im Munde zusammenlaufen lsste. Was es alles Gutes gab, können Sie aus dem beizenden Speisezettel ersehen, und vor allem waren es die azzeklöße, die nur eine Stimme des Beifalls fanden. Am ersten Abend waren es etwa 75 und am zweiten »end etnm 90 Kameraden, die an der Feier teilnahmen, und e waren voll Dank gegen diejenigen, welche sich um das Geigen des schönen Festes verdient gemacht hatten. Außer den .^genannten waren es die schon längere Zeit hier anwesenu Herren: Zivilarzt Dr. Auerbach, Berlin, Musketier Adler ehrer), der vor dem Kriege in der Schweiz tätig war, Unterlider Alfred Marx, Godesberg, vom Fernsprechdepot der 'eiten Armee, lind Unteroffizier Hugo Heide, Dortmund, m Kriegslazarett des 7. Armeekorps. Als wir uns am Schluß der Sederabende trennten, hatte er Teilnehmer den Wunsch, die nächste Sederfeier im Kreise \\n Lieben zu feiern. Ter Speisezettel lautet: Pessach-Feier zur Zeit des großen ieges. S t. Q n e n t i n , 29. rmd 30. März 1915 (14. und 15. Nisan r>). E r st e r Sederabend: Eier mit Salzwasser. — Suppe mit izzeklößen. - Rillderbraten mit Kartoffelbrei. — Kaffee. — Torte. -1 eite r Sederabend: Eier mit Salzwasser. — Rinderbraten r Kartoffelbrei. — Gemüsebeilage. - Mazzetlöße mit Backobst.— sfee. * Die „Schaubühne" bringt folgenden Artikel, dem wir hier gern Platz geben: Zur jüdischen Frag e. Von I u l i u s B a b. Der Zionisnnls ist eilt Saft, der eilig trunken macht. Wer ihn für ein Gift hält, soll deshalb an keiner Stelle eine zionistische Aeußerung unwidersprochen lassen. Max Epstein hat hier unlängst in das zionistische Horn geblasen, ohne dabei klarzustellen, ob er für die Lösung dieser Frage ein rein theoretisches oder ein persönliches Interesse hat. Ich halte es bei der Diskussion so nahe drängender Lebensfragen für besser, mit einer Aufklärung hierüber den Anfang zu machen. Ich erwähne also, daß ich nicht nur selber Jude bin, sondern mir auch durchaus bewußt bin, mit dieser Tatsache eine sehr belangvolle und nie zu unterschlagende Erbschaft empfangen - zu haben. Trotzdem und gerade deswegen sehe ich im Zionismus ein Dogma, das in unleidlicher Weise das wirkliche Leben vergewaltigt. Und zwar ein Dogma, das sich gewisse moderne Juden durch Anpassung (Assimilation!) an gewisse gefährliche biologische Dogmen ihrer „Wirtsvölker" geschaffen haben. Epstein ist nämlich durchaus im Irrtum, wenn er die zionistische Bewegung religiös fundiert glaubt: Herzt und beinahe alle späteren Führer des Zionismus waren religiös vollkommen indifferent. Ihre jüdische Staatslehre hat mit der Religion Mvsis nicht mehr zu tun als die Schlacht bei Wern mit Wobans Eichenhainen. Ihre Lehre und ihre Bewegung fußt vielmehr als Zwilling des Antisemitismus aus der Rassentheorie: auf jener unbeweglichen, sogar durch hundert Tatsachen (in der Schweiz und in Amerika zürn Beispiel) widerlegten Behauptung, daß das ganze Leben, vor altern auch die zur Staatsbildung befähigende und verpflichtende Kraft, von der Abstammung, der Rasse, dem Blrrt bedingt sei. Die Behauptung aber, daß das Blut in der Welt alles entscheide, ist genau so falsch, so wirkti-chkeitslos, so wirklichkeitsentstellend wie die des groben Nationalismus, dast es gar nichts zrr sagen habe! Es ist ein mächtiger Faktor, aber doch nur einer unter vielen, und zur Staatsbildung zum Beispiel sind viele Kräfte der Anpassung an geographische, geschichtliche, wirtschaftliche Gegebenheiten ebenso mächtig und oft mächtiger gewesen als das Blut. Daß irr diesem Augenblick etwa, um von derr Engländern ganz zu schweigen, die Politik der Holländer und Schrveizer den alldeutschen Nassetheoretikern viel Freude bereitet, glaube ich nicht. Mit dem Blute der Inden aber ist es so, daß es jahrtausendelang seine staatspolitische Unbegabtheit und zugleich seine religiöse > Genialität bewiesen hat, indem es in der Weltgeschichte das völlig! einzigartige Beispiel einer Gesellschaft schuf, die sich ohne irgendeine politische Schutzorganisation nur durch die Kraft einenden Geistes unter ungeheuren Gefahren behauptete. Wenn also den Juden ihre Geschichte irgendeine Verpflichtung auserlegt, so ist es die Pflicht, dieses erschütternde und immer noch zukunftsträchtige Beispiel der reinen Geistesgewalt, diese messianische Sendung aufrechtzuerhalten, ja lieber unterzugehen als vor der staatspolitischen Zwangsidee zu j kapitulieren. Soweit man Jude ist, ist man überhaupt nicht Staats»-! bürger — am allerwenigsten Bürger eines zionistischen Zukunsts-! staates! Aber man ist auch als Buddhist und Christ, überhaupt als I religiöser Mensch kein Staatsbürger. (Alle Versuche, staatsbürger-! liche Kriegspflicht mit dem Christentum oder irgendeiner anderen > Religion zur Deckung zu bringen, sind eine hoffnungslose Psafferei.); Dagegen ist der Mensch eben ein viel mannigfaltigeres Wesen, als sich : irgendein biologischer, religiöser oder sozialer Pfaffe träumen läßt.! Nicht von einer, sondern von zehn, von hundert verschiedenen, oft sich i widersprechenden Kräften wird das lebendige und durchaus fruchti bare Wesen des Menschen gebildet. So kann man wie ein Christ auch! ein bewußter Jude sein, und trotzdem durch die Lust, die den Leib, i die Sprache, die den Geist gebildet hat, einem Lande und seiner j schützenden Staatshülle so tief zugehörig sein, daß man durchaus! bereit ist, sein Leben für dieses Land auch im Kriege einzusetzen.! Man ist durchaus kein Fremder in Deutschland, weil man Jude ist,! denn man ist Jude mit ganz anderen Wesenskräften als mit denen, j die über nationale Zugehörigkeit entscheiden. (Auch mit irgend- | welchen politischen Entscheidungen hat das Jüdische an sich nichts zu tun: die Juden sind an sich weder konservativ noch revolutionär!) Auf die Art, luie die Juden den Krieg aufnehmen und letzten Endes geistig verarbeiten, wird ihre jüdische Religiosität, die menschheitliche Färbung ihres Blutes, gewiß von großem Einfluß sein. Daß.aber jemand, der sich noch als Jude fühlt, deshalb in seiner staatsbürgerlichen Entschließung lediglich bestimmt sein müsse von der Antwort