Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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206 Name werde vertilgt! Der Knabe erschrak, nicht über Spinoza, von dem er noch nie etwas gehört hatte, aber über den Fluch, der im Volke nicht Anbekannt war. Hieran mußte ich mich unwillkürlich erinnern, als ich später in meinen literar-historischen Vorlesungen den Satz Prägte: Spinoza war kein jüdischer Denker, aber ein denkender Jude." Das charakterisiert die Wesensart des Entschlafenen, die eine gewisse Aehnlichkeit mit der des Tannaiten Rabbi Möir aufwies, der selbst einem abtrünnigen Gelehrten wie Elisa ben Abuja in unverbrüchlicher Treue anhing und für sein Seelenheil betete. Diese edle Gesinnung zeigte auch Abraham Berliner im Verkehr mit Andersdenkenden, deren religiöser Freisinn ihn im Innersten des Herzens wohl schmerzte, für deren wissenschaftliches Streben aber er stets Sinn und Interesse besaß und ihnen die gebührende Achtung nie versagte. Die Devise seines Lebens lautete eben: Gerecht und wahr, gegen sich und gegen andere. Man darf ihm auch nachrühmen, daß er im wahren Sinne des Wortes ein Jünger Aharons war, denn er liebte den Frieden und strebte, ihn zu erreichen, liebte die Menschen und bemühte sich, sie zum Quell des Lebens zu führen. Frühzeitig hat Abraham Berliner, wie er selbst mitteilt, den Ernst des Lebens, frühzeitig aber auch die biblische Wahrheit kcnnengelernt: Gütig ist Gott dem Manne, wenn er das Joch in seiner Jugend trägt. Und Gott war ihm gütig, indem er ihn davor beschützte, die Worte des frommen Dulders sprechen zu müssen: Schneller als das Weberschiff fliehen meine Tage und enden hoffnungslos (Hiob 7, 6). Er half ihm über alle Kämpfe, Leiden und Sorgen des Daseins hinweg, krönte das Schaffen seines Geistes mit den schönsten Erfolgen, mit Ruhm und Ehre, und stand ihm bis zur letzten Stunde bei, das Ziel seines Lebens verfolgen zu können: Lehrend zu lernen und lernend zu lehren. Ehre seinem Andenken! Albert Katz. Dir Woche. Berlin, den 27. April 1915. er Chronist, der vor drei Wochen die Feder niederlegte, um sie nach einer kurzen Erholungspause wieder aufzunehmen. schmeichelte sich mit der Hoffnung, in ganz anderer Stimmung die Arbeit wieder zu beginnen. Diese Hoffnung ist getäuscht worden, denn eine sehr wesentliche Aenderung ist nicht eingetreten. Noch immer sehnen wir uns nach einer entscheidenden Nachricht aus dem Osten, aus Polen, woher seit langem keine Kunde zu uns gedrungen ist, und von wo wir ein wichtiges — wer will sagen, ob entscheidendes? — Ereignis ersehnen. Freilich in den Karpathen steht die Sache günstig. Der von uns gefürchtete, von den Feinden oft genug angekündigte Durchbruch der Russen ist nicht nur nicht erfolgt, sondern sie haben ihre Offensive aufgegeben, nachdem sie an vielen Orten die schwersten Verluste erlitten. Daher wird nun wieder ein neuer großer Streich pomphaft verkündigt, der gegen Ostpreußen gerichtet sein soll, die vielgeplagte Provinz, die nach den letzten Raubzügen russischer Horden auch unter Fliegerangriffen zu leiden hatte. Im Westen ist vielfach gekämpft worden. Im allgemeinen ist der Sieg auf seiten der Deutschen geblieben; namentlich in der Champagne sind von den Franzosen keine nennenswerten Erfolge errungen worden. Dagegen erreichte uns von dem belgischen Kriegsschauplatz, von dem man viele Wochen kaum etwas hörte, eine herzerfreuende Nachricht. Am 23. wurde amtlich gemeldet: In den gestrigen Abendstunden stießen wir aus unserer Front Steenstraate — östlich Langemarck — gegen die feindlichen Stellungen nördlich und nordöstlich von Wern vor. In einem Anlauf drangen unsere Truppen in neun Kilometer Breite bis auf die Höhen südlich von Pilkem und östlich davon vor. Gleichzeitig erzwangen sie sich in hartnäckigem Kampf den Uebergang über den Wernkanal bei Steenstraate und Het Sas, wo sie sich auf dem westlichen Ufer sestsetzten. Die Orte Langemarck, Steenstraate, Het Sas und Pilkem wurden genommen. Mindestens 1600 Franzosen und Engländer und dreißig Geschütze, darunter vier schwere englische, sielen in unsere Hand. Am folgenden Tage wurden verschiedene Angriffe der Franzosen und Engländer zurückgewiesen, Lizerne gestürmt; die Zahl der Gefangenen erhöhte sich auf 2400 Mann. Unser innigster Wunsch besteht darin, daß dieser bedeutende Fortschritt, den die Engländer nach ihrer Art zu verkleinern, ja in das Gegenteil zu verkehren suchen, nur der Anfang eines raschen und bedeutenden Siegeszuges sein möge. An demselben Tage wurde gemeldet: Amtlich. Berlin, 23. April. Die deutsche Hochseeflotte hat in letzter Zeit mehrfach Kreuzfahrten in der Nordsee ausgeführt und ist dabei bis in die englischen Gewässer vorgestoßen. Auf keiner der Fahrten wurden englische Sccstreitkräfte angetroffen. Trotz solcher Nachrichten wird selbst der geschworene Optimist, der für den Frühling sicher auf Frieden rechnete, seine Hoffnungen sehr herabstimmen müssen und sich darein ergeben, daß dieses Völkerwürgen, das nun schon dreiviertel Jahr dauert, noch eine Weile anhält. Wer hätte das beim Beginn des Krieges für möglich gehalten? Bei dieser Sehnsucht der meisten ist es natürlich, daß GerüchtevonFriedensVerhandlungen immer wieder auftauchen; sie waren am 16. in Frankfurt besonders stark. Die sogenannten Gutunterrichteten wollen bestimmt wissen, daß solche Unterhandlungen wirklich geführt werden. Im Gegensatz zu solchen Kombinationen, die sich wohl mehr auf Hoffnungen als auf bestimmte Tatsachen gründen und die in den letzten Tagen halbamtlich widerlegt worden sind, stehen die Befürchtungen, mit denen nicht bloß die geeichten Schwarzseher rechnen. Denn auf dem Balkan stehen die Sachen keineswegs friedlich, und der schon hundertmal als gesichert, ja als unterzeichnet ausgegebene Vertrag zwischen Italien und Oesterreich-Ungarn ist so wenig geschlossen und besiegelt, daß gerade in den letzten Tagen und Wochen die Gerüchte über Italien einen manchmal recht bedrohlichen Charakter angenommen haben. Sicher ist nur, daß Fürst Bülow noch in Rom weilt, wahrscheinlich, daß die Verhandlungen andauern, und es ist zu hoffen, daß sie einen guten Abschluß finden; nicht minder sicher ist es aber, daß seitens Frankreichs und Rußlands neue Gesandte nach Rom geschickt werden, von deren Eifer man sich viel verspricht, und daß die sogenannten Ententemächte ihre Lockungen und Drohungen nicht sparen. Sv ist auf allen Seiten Grund zur Unruhe und wenig Anlaß zur Freude. Und da noch der Frühling, dessen Erscheinen wir priesen, einem rauhen Nachwinter Platz gemacht hat, so will eine recht zuversichtliche Stimmung nicht aufkommen. Um so weniger, als gerade in den letzten Wochen viele Jahrgänge ungedienten Landsturms eingezogen worden sind, und auch die, welche bisher die Ihrigen bei sich haben konnten, genötigt werden, sie von sich zu lassen. Hoffentlich bringen die nächsten Tage und Wochen große Erfolge. Werden sie auch, wie zu fürchten ist, mit schweren Opfern erkauft, so verbürgt ein energisches und schnelles Fortschreiten unserer Truppen doch ein Erlahmen der Widerstandskraft und -lust unserer Feinde und nähert uns dem ersehnten Ziele: einem glorreichen Frieden. * Ueber eine Sederfeier in Feindesland wird uns geschrieben: Es dürfte Sie sowohl wie einen großen Teil Ihrer Leser interessieren zu erfahren, daß wir auch hier in St. Quentin nach althergebrachter Sitte die Sederfeier würdig begangen