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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-04-30 · Heft 18 (30.4.1915) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 18 (30.4.1915)
Date
1915-04-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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79. Jahrgang Nr. 18 Berlin, 30. April 1915 Allgemeine eitung des Audenlums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnenients-pre'is-. durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 NT. — Postscheckkonto 32H. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: kluäolk Atosse, Verlin» Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf Moste, Berlin. tTtthtflf* Abraham Berliner. Bon Albert Kntz. — Die Woche.— 5J tlljull. Tie Festschrift zmn siebzigsten Geburtstage Jakob Guttmanns. Bon Dr. Paul Nieger, Hamburg. — Adolph Wagner und das Judentum. Von Tr. Paul Jacobs, Berlin. — Romain Rolland. VonLudwig Geiger. — Fünfzigjähriges Jubiläum der Zunz-Stiftung. Von Dr. Alphons I. Sußnitzki. — Feuilleton: Pogrom in Polen. Von Joachim Friedenthal. — Büchereinlauf. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg i. Pr., Posen, Hamburg, Limburg, Nürnberg, Offenburg, Olmütz, London. — Von Nah und Fern. — Aus Bädern und Kurorten. | Ubraham berliner. | er Nestor unter den zeitgenössischen jüdischen Gelehrten, Abraham Berliner, ist in der Nacht zum 22. April ans dem Leben geschieden! Sein plötzlicher Heimgang fällt in eine Zeit, in welcher der Tod reiche Ernte ans den Schlachtfeldern hält und wir ans der Traner um das Hinwegmähen so zahlreicher hoffnungsvoller Menschen nicht heranskommen. Allein dieses schmerzliche Bewußtsein kann nnd darf uns nicht hindern, die Stimme der Klage über das Hinscheiden eines Mannes wie Abraham Berliner zn erheben, dessen Leben nnd Wirken im Dienste einer großen Gesamtheit standen nnd ihr zum Segen gereichten. Unsere Lebensdauer — sagt der Psalmist — umfaßt siebzig and, wen» es hoch geht, achtzig Jahre. Abraham Berliner war es vergönnt, auch das achte Jahrzehnt zu überschreiten, nnd doch können lvir es kaum fassen, daß er unter den Lebenden nicht mehr weilt. Dieser alte, gebrechliche Mann war von einem — ich möchte sagen— ewig jungen Geist beseelt, der den Beschwerden und Widerwärtigkeiten, die das Greisenalter mit sich bringt, trotzte nnd den unerbittlichen Würgengel ans seiner Nähe verbannt zn haben schien. Freilich als ich ihn am Freilag, den 16. April, besuchte, da überkam mich ein gar banges Gefühl, denn zum erstenmal seit dreißig Jahren äußerte er nur gegenüber Todesbefürchtungen und tröstete sich nnd mich mit den Worten: „Ich bin sicher, daß zwei meiner jüngeren Freunde in meinem Geiste wissenschaftlich fortarbeiten werden." Er nannte mir den Namen des einen, „den andern" — sagte er mit schwacher Stimme, indem er mich eine Weile sinnend anschante — „kennen Sie mindestens so gut wie ich." Das waren seine letzten Worte, die er an mich richtete, und an die ich ewig denken werde. Es siird gerade zwei Jahre her, daß ich dem Verewigten anläßlich seines achtzigsten Geburtstages einen Festartikel, den sein Bildnis schmückte, widmete nnd unter anderem folgendes bemerkte: „Die Intoleranz ans dem Gebiete des Geistes, im Reiche der Theorie war nnd ist im Judentum eine erotische Pflanze, des allgemeinen Gedeihens unfähig; sie kann sich wohl des einen oder des anderen bemächtigen, die Meinung der Gesamtheit beherrscht sie nie. Diese beurteilt nnd schätzt die Männer ihrer Wissenschaft nicht nach ihrer religiösen Gesinnung, sondern nach ihren wissenschaftlichen Leistungen, die lichtverbreitend der Eintracht nnd dem Frieden in Israel dienen. Wer sein ganzes Leben in den Dienst der Wissenschaft gestellt, in ihrer Ergründnng nnd Fortentwicklung das Ziel und den Zweck seines Erdenwallens erblickt hat, der steht über den Parteien nnd Richtungen des Tages, nnd keiner von ihnen steht das Recht zu, ihn für sich allein in Anspruch zn nehmen. Er gehört ebenso wie die Resultate seiner wissenschaftlichen Studien der Gesamtheit an." Ein Forscher dieser Art war der nun für immer von nns geschiedene Abraham Berliner, nm dessen Tod nicht nur die Vertreter nnd Anhänger seiner religiösen Richtung, sondern alle diejenigen aufrichtig trauern, die in ihm einen der letzten jener großen Männer verehrten, die das Judentum als Wissenschaft gepflegt nnd gefördert haben. Ich muß es mir für heute versagen, ein Bild seines reichgesegneten Lebens zn zeichnen »nd die vielen Werke, mit denen er unsere Literatur beschenkt hat, hier namhaft zn machen. Wer sich dafür interessiert, den verweise ich ans die Festschrift „Birkath Abraham", die ihm zn seinem siebzigsten Geburtstage von einem intimen Kreis von Freunden nnd Verehrern überreicht wurde. Der Leser findet da unter den Beitragenden die glänzendsten Namen der jüdisch-literarischen Welt und zugleich die Titel aller Werke anfgeführt, die der Entschlafene in dem Zeitraum von 1866 bis 1903 veröffentlicht hat. Was nach dieser Zeit, in den letzten zwölf Jahren, von ihm erschienen ist, hat Schreiber dieser Zeilen in diesen Blättern ausführlich besprochen nnd hofft, ans die eine oderandere Publikation, die noch lange nicht genügend gewürdigt sind, gelegentlich znrückkommen zn können. Ich möchte heute, da ich ihm den letzten Scheidegrnß nachrnfe, nur das hervorheben, was ihn besonders vorteilhaft anszeichnete: die tiefernste Ueberzengnng, von der sein literarisches Schaffen getragen war, das redliche Streben nach Wahrheit und Erkenntnis, das ihm in seinem langen Leben voranleuchtete. Das bezeugen alle seine Werke, ganz besonders aber seine geradezu klassische Schrift „Ans dem Leben der deutschen Inden im Mittelalter" (2. Auflage, Berlin 1900), seine „Randglossen zmn täglichen Gebetbuch" sl. Teil 1909, 2. Teil 1912, Berlin) nnd „Ans meiner Knabenzeit" (abgedruckt im „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur" 1913). In diesen Schriften offenbarte nns Abraham Berliner das Innerste seiner Seele, die stets dem Licht entgegenstrebte. Bei der Lektüre dieser Schriften lernen wir ihn nicht mir als großen Gelehrten, sondern auch als edlen Menschen schätzen, ehren und lieben. In den Erinnerungen ans seiner Knabenzeit erzählt Berliner: „Bald darauf hörte man wie im Donner die Worte ansbvechen: Spinoza jimaeh Schemo, das heißt Spinoza, sein

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