Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1915)
- Date
- 1915-04-23
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229195--71271-3283601- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Ten sollen Sie haben, Herr Polizeiwachtmeister", entgegneke Schindelinann, reichte ihn: den Geldschein und meinte innerlich: Dadurch werde ich noch nicht viel ärmer! Ein paar Tage später hatte Schindelmann den Besuch vom Stanowoi zu empfangen, der die Würde eines Schulzen bekleidet. Mit wohlwollendem Tone sagte er: „Es ist recht gut für unser Städtchen, wenn vermögende Leute wohnen bleiben, doch, da Sie als Jude Ihr Handwerk nicht mehr zu betreiben brauchen.... na, ein Tausendrubelschein vermag die Sache glatt zu machen!" „Einverstanden, Herr Stanowoi!" war die Antwort Schindelmanns, der das Geld herbeiholte und sich mit dem Gedanken beruhigte: Hätte ich elfhundert Rubel weniger gewonnen, dann wäre ich jetzt auch beglückt genug! Sein Ruf als Nabob drang jedoch weit über die Grenzen seines Städtchens, und es verging keine Woche, da nicht ein Beamter oder der andere aus der Gouvernementskanzlei bei ihm erschien. „Schindelmann erteilt jetzt Audienzen!" bemerkten lachend die Nachbarn. Erst amüsierte sich Schindelmann selbst über die hohen Offiziere in strahlender Uniform, die bei ihm ans und ein gingen. Es dauerte aber nicht lange, da verging ihm das Lachen, denn jede „Audienz" kostete ihm tausend Rubel und mehr. „Tu hast wenigstens den Trost dafür, jetzt unsere ganze hohe Obrigkeit von Angesicht 31t Angesicht zu kennen!" sagte der humoristisch veranlagte Melammed. Schindelmann seufzte, und im Geiste die stattliche Summe übersehend, die dies „Vergnügen" ihm schon gekostet hat, konnte er sich nicht mehr wie anfangs beschwichtigend zurufen: Tu wirst dadurch nicht viel ärmer! Eines Tages verbreitete sich das Gerücht, der Gouverneur sei zu einer Inspektion im Städtchen eingetrofsen. Schindelrnann fühlte sich instinktiv beunruhigt, und seine Ahnung hatte ihn nicht getäuscht. Er wurde nach dem Hotel befohlen, wo der Gouverneur abgestiegen war. „Wie kommt es denn, daß Sie hier noch wohnen, obgleich in Ihrem Hause keine Werkstätte vorhanden ist?" „Exzellenz, da ich so lange Buchbinder war . . ." „Ganz gleich, Sie müssen mir jedenfalls sofort 10 000 Rubel hinlegen..." Schweren Herzens mußte der bedrohte Schindelmann dem Befehle Folge leisten. Damit glaubte er, den reichen Tribut an die Behörden endgültig bezahlt zu haben. Doch seine Ruhe sollte bald wieder gestört werden, denn als er gerade einen Auslandspaß für sich'und seine Familie nehmen wollte, wurde ihm von einem der höchsten Gouvernementsbeamten erklärt, daß man schon lange scheel auf ihn sehe und daß vielleicht nur durch Niederlegung von 20 000 Rubeln als „Sühnegeld" gewissermaßen . . . „Aber ich könnte doch als Gildekaufmann . . ." „Zunächst sind die 20 000 Rubel unbedingt zu zahlen, und dann werden wir weiter sehen, was sich für Sie tun läßt." Schindelmann versprach die Summe zu bringen und verzichtete vorderhand auf den Paß. Er begann den Plan eines Ulnzugs nach dem jüdischen Ansiedlungsgebiet in Litauen in Betracht zu ziehen. Bis er aber in die Tat umgesetzt werden konnte, flogen noch sehr viel „bunte Lappen" für ähnliche Zwecke wie die vorher erwähnten. Als es nun ernstlich galt zil prüfen, ob Schindelmann noch von dem Reste seines Vermögens leben könnte, da sah er ein, daß er sich überhaupt nicht vom Platze rühren durfte und daß er schleunigst wieder anfangen mußte zu verdienen. Das alte Handwerkszeug wurde vorgesucht, die kleine Werkstätte aufs neue eröffnet. Schindelnrann hatte wieder das Wohnrecht, und sein tägliches Gebet schloß mit den Worten: „Gott bewahre mich vor dem großen Los!" Litkrsrilche Mttkilungrn. I ~ L itcr a r i sch e r R atgeb e r. Hernusgegeben durch JnM Avenarius vom Dürerbund. Georg D. W. Callwey, München l: lA Man wird es mir, der ich beinahe ein halbes Jahrhundert, ge 47 Jahre, literarisch tätig bin, nicht verargen, wenn ich bei ei nl kritisch-bibliographischon Werke, das ich dnrchzunehmen habe, nächst nach sehe, ob und wie es von mir spricht. In dem liegenden Werke ist nach dem Register — das übrigens ganz ml zureichend ist — mein Name zweimal genannt. Das eine « handelt es sich um mein Buch „Die deutsche Literatur und » Juden", das mit den Worten „aufschlußreich, aber nicht dm kritisch" charakterisiert ist; das andere Mat um mein gr ml populäres Werk über Goethe, worüber es heißt: „Die Biograp iel von Heinemann, Lewes und Geiger empfehlen wir absichtlich ni ml Was das Letztere orakelhafte Wort heißen soll, weiß ich nicht; I tröste mich mit dem wackeren Heinemann und dem zu seiner ,.!cl sehr verdienstvollen Lewes. Die Bemerkung über mein an ciml Stelle genanntes Werk ist so ziemlich das Törichteste, was geI werden kann. Bedenke ich aber, daß das von mir herausgegel 1« Goethe-Jahrbuch (34 Bände) überhaupt nie erwähnt wird, daß ul von mir bearbeitete Werk Jakob Burkhardts „Kultur der ul uaissaure in Italien" zwar ein halb dutzeudmat angeführt, se I in der neuesten Auflage, mein Name als Bearbeiter aber niemül genannt wird, während bei desselben Berfasfers „Cicerone" W. B dl als Bearbeiter regelmäßig angeführt wird, so glaube ich kei ml Fehlschluß zu tun, wenn ich meine, daß dies Verschweigen me: cm Namens oder das Verkleinern meiner Leistungen absichtlich Daß ich infolgedessen dem Werke nicht sehr günstig gegenüberft nl ist natürlich. Trotzdem bin ich vorurteilslos genug, das Werk nützliches Hilfsmittel zu würdigen. In diesem Zusammenhml habe ich freilich die umfassende Arbeit -- ein Werk von 732 Qu. r:I seiten - - nicht eingehend zu besprechen, sondern will die Aufm ttl samkeit meiner Leser nur aus den Abschnitt über „Judentrrn» lenken, der genau zehn Seiten einnimmt. Dabei ist zunächst rml sollend, daß dieser Abschnitt zwischen „Frauenfrage" und „Bo ml wirtschaftslehre" steht, nicht aber, lvo sein Platz wäre, nach 0 eil vor der katholischen Literatur, die sich sogar mit acht Seiten ml gnügcu muß. Sieht man nun den über Judentum handeln cnl Abschnitt an, so wird darin zwar mein Name als Herausgeber I „Allgemeinen Zeitung des Judentums genannt (die Stelle fm ml wie so viele andere, im Register), mein Buch über die Juden 1 I die deutsche Literatur wird aber in diesem Abschnitt nicht erwäl t] vielmehr steht es in dem Abschnitt über Literaturgeschichte. L?nl meinem Baker wird nur das eine populäre Werk über das Judrnil tum und seine Geschichte genannt, aber kein einziges seiner andemul Werte, während von Zunz und anderen nicht chixt neim! sondern zum Teil recht alte Schriften aufgeführt werden. Alrnrl dings wird einmal ganz kurz A. Geiger neben Zunz als Begrün ml der Wissenschaft des Judentums genannt. Der ganze Abschr \ macht den Eindruck, als wenn er von Herrn Buber oder ein m seiner Gesinnungsgenossen geschrieben wäre. Er ist durchs m zionistisch, einseitig und ungerecht. Es kommen darin unglauv ch viel Nachlässigkeiten vor: Ziegler wird einmal als L. Ziegler c nannt, Joel wird bald als Al., bald als H. Joel bezeichnet, er bekannte Talmudübersetzer Goldschmidt heißt hier Goldschm Franzos wird überhaupt nicht erwähnt, während Bernstein - M Kompert nicht fehlen. Die besondere Borliebe des ungenauemii Zu summen stellers kommt Achad-Haam und seinen Gesinnrn m' genossen, von Herzl bis Buber, zugute. Das Ganze ist von ei er Verwirrung ohnegleichen. Jüdische und christliche Schriftste.er stehen in bunter Reihe. Unbedeutendes wird breit gelobt. Bedeut m des kurz abgemacht oder ausgelassen. Während bei der Wirtschamm geschichte Sombart erwähnt ist, wird Caros ausgezeichnetes W ck überhaupt nicht angeführt; die bedeutenden Quellenwerke für Geschichte der Juden: die Regesten, das große Werk von Krakaier über Frankfurt, ebenso die meisten Veröffentlichungen der Gesellschmt zur Förderung der Wissenschaft des Judentums werden überhae nicht genannt, aber alles, was irgendwie von Zionisten staun.-, wird hervorgehoben. Ter ganze Abschnitt ist eine völlig zerfahret Zusammenstoppelung ohne wissenschaftlichen Wert. Wenn ich vrni diesem Abschnitte einen Schluß auf das ganze Werk ziehen darf, 'v nluß ich es als völlig verfehlt, in seiner Anordnung verkehrt u in seinen Urteilen als irreführend bezeichnen. L. G.