Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-04-23 · Heft 17 (23.4.1915) · p. Seite 203

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 17 (23.4.1915)
Date
1915-04-23
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229195--71270-3283600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

n cm Bismarck, denn er zeichnete sich als Publizist durch eine r taunliche Fixigkeit und jongleurhafte, ich möchte beinahe ii. M, affenartige Geschwindigkeit aus. Was dieser Mann zu a len vermochte, mag schon der nachstehende Fall beweisen. >l lhrend Bismarck auf dem Berliner Kongreß nur die Rolle » es „ehrlichen Maklers" spielte und Lord Beaconsfield sich in t einem Kompromiß mit Rußland zufrieden geben mußte, il rtraf sich Herr Oppert de Blowitz selbst und schlug seinen »enen Rekord, indem er seinem Blatt, den „Times", den Berii er Vertrag sandte, bevor derselbe noch im Original unterjfi ljnet war! Was Bismarck dem englischen Schriftsteller Sidney Whit- »an in Varzin im Oktober 1891, als dieser bei jenem zum L'i fucf» war, erzählte, beweist die hervorragende Rolle,' die der i, ühmte und berüchtigte Interviewer auf dem Kongreß gep.elt hatte. Bismarck sagte damals, in gewissen Regionen r te man daraus gedrungen, daß der „Chevalier" de Blowitz » i der preußischen Regierung für seine Verdienste eine Aus- . hnung erhalten sollte. Der Kanzler meinte, die III. Klasse h Kronenordens würde ausreichend sein, doch wurde dem- H .enüber eingewendet, daß für eine so geriebene Persönlichc die II. Klasse des Kronenordens angemessener wäre. Der l ijt habe sich dagegen gesträubt, indem er sagte, daß noch i i Journalist bisher eine so hohe-Auszeichnung erhalten x-te, doch wolle er nicht leugnen, daß es nur einen Blowitz n - der Welt gebe. In dieser kritischen Lage habe er nun den i> ichluß gefaßt, die Angelegenheit durch Lord Beaconsfield i scheiden zu lassen. „Gebt ihm die II. Klasse," habe der > tische Ministerpräsident gesagt, und so habe der „Chevalier" Blowitz in der Tat den Kronenorden II. Klasse erhalten. l erlich war der Journalist auch mit dieser Dekoration noch i ht zufrieden, und er grollte Bismarck, daß er ihm nicht noch V nzvoller auszeichnete! Ueberaus sympathisch war Bismarck der ausgezeichnete; itische Schriftsteller Moritz Benedikt, Herausgeber der . euen Freien Presse", dem er anläßlich seiner Anwesenheit i Wien im Juni 1892 eine Unterredung bewilligte, über die )i Schriftleiter des Weltblattes hochinteressante Referate verlu ntlichte, die in der ganzen gebildeten Welt, sowohl durch iii. cn Inhalt wie durch ihre Form, ungeheures Aufsehen her- » riefen. Entzückende und reizvolle Genrebilder entwarf 1 ritz Benedikt von dem Titan der Politik, der fast drei Jahr- , nie hindurch die Geschicke Preußens und Deutschlands lenkte. ,1 Der Biograph des größten deutschen Staatsmannes wird > ht umhinkönnen, die Schilderungen des Wiener Publizisten;> benutzen. Die vorstehenden Blätter, deren Ausführungen keineswegs l' i Kombinationen, sondern lediglich aus geschichtlichen und «»ndlich belegten Tatsachen sowie persönlichen Eri>: innigen beruhen, werden hoffentlich endgültig den t iveis erbringen, daß der Mitbegründer des Zutschen Reiches, Otto v. Bismarck, nichts » r n i g e r a l s e i n A n t i s e m i t w a r, u n d d a ß e r v o n! - b e r feindlichen Gesinnung gegen Juden und Judentum vollständig s r e i g e s p r o ch e n werden u u ß. Von einer grundsätzlichen Abneigung gegen seine h ischeu Mitbürger konnte bei ihm nie die Rede sein. Einb ne Aeußerungen, die er in jugendlichem Alter im Parlament - fanden in seinen späteren Reden nie mehr ein Echo, u bensalls hatte er auch nicht die geringste ethische Verwandt- >ft mit Rassen- und Glaubenshetzern. Wie hätte eS auch anders sein können! Er, der zu den n usten und lautersten Charakteren, zu den tugendhaftesten -keuschen aller Zeiten zählte, dessen moralische Vorzüge mit btuer staatsmännischen Genialität Hand in Hand gingen, »nißte ja von jenen „katilinarischen Existenzen" weit abrücken. die, an den Grundfesten des Staates rüttelnd, letzten Endes die soliden Fundamente desselben und der Gesellschaft untergraben müssen. Dieser Mann, dessen Pflichttreue, Opferwilligkeit, Gewissenhaftigkeit und vor allem glühende Vaterlandsliebe uns allen als Muster voranleuchten, und der gewiß auch ferneren Geschlechtern noch als Vorbild dienen wird, war eben aus einem ganz anderen Holze geschnitzt wie die Judenfeinde. Schindrlmsmi. Nacherzählt von Marie B e ß m e r t n l). arme Buchbinder Schindelmann lebte unbehelligt von der Polizei in einem Städtchen bei Kiew, da fein Handwerk ihm gleichsam-den Freibrief gab, auch da zu wohnen, wo das Ansiedelungsgebiet der Juden eigentlich schon aufhörte. „Man muß den lieben Gott auch einmal etwas zu tun übriglassen in Geldsachen!" sagte sich der bescheidene Schindelmann, als die Nachbarn ihm vor der Ziehung zuredeten, eine Staatsprämie für seine geringen Ersparnisse zu kaufen. Da letztere dazu nicht ausreichten, lieh er sich noch von einem Freunde eine Summe und — wagte es mutig, ein sogenanntes „Billett" zu erschwingen. „Nicht für uns ist dergleichen vorgesehen!" ries er lächelnd aus, als es heimlich in seiner Seele klang: am Ende sollst du gar der glückliche Gewinner sein! — Arbeit und Sorgen ließen ihm hinterdrein gar keine Zeit übrig, sich frohen Zukunftsträumen zu widmen. Der launigen Fortuna machte es aber Spaß, den zahlreichen Leuten ein Schnippchen zu schlagen, die sich für ganz besonders berechtigt dünken, von ihr bevorzugt zu werden. Der Hauptgewinn fiel auf die Nummer und Serie, die Schindelmann ahnungslos gewählt hatte. Im Handumdrehen wurde der unbeachtete Buchbinder aus den Schild gehoben, als Kapitalist von — 200 000 Rubeln. Er selbst konnte es zunächst nicht fassen und glauben, daß der fast scherzhafte Versuch, zu spielen, von solch einem schwindelnd hohen Erfolg begleitet sein könnte. Anfangs wußte er sich in die Lage des reichen Mannes gar nicht recht zu finden, und eine Art von Unbehagen kroch sogar an ihn mitunter heran und flößte ihm ein Schamgefühl ein, das ihn ärgerlich stimmte. „Es ist ja schließlich keine Schande, das große Los zu gewinnen, und ich bin auch nicht der erste, dem es unerwartet in die Hände fiel!" sagte er wie beschönigend zu seinem Freunde, als er ihm das Darlehn mit Zinsen zurückerstattete. Rascher, als er je vermutet hatte, gewöhnte sich jedoch Schindelmann an seinen reichen Besitz, und den Kopf höher haltend als früher, dachte er: Warum sollte mir denn nicht auch einmal etwas Gutes passieren können? Die neue Würde und Finanzkrast legte ihm sofort neue Pflichten aus. Er liquidierte seine kleine Buchbinderei und richtete sich eine behagliche Wohnung ein, in der auch der langersehnte Bücherschrank anzutreffen war mit den selbstgebundenen Büchern. „Du wirst gewiß bald nach dem Auslande reisen, du kannst es dir ja leisten!" sagte ein Verwandter, und er erwiderte: „Ach nein, es hat mir noch nie so gut gefallen in unserem Städtchen, als gerade jetzt, wo ich mich nicht um das tägliche Brot zu quälen brauche!" Er sollte sich anscheinend jetzt erst überzeugen, wie gern er von allen gesehen und wie sehr er wegen seiner Ehrlichkeit und Bescheidenheit geschätzt wurde. Zu den Gästen, die ihn in den ersten Tagen nach dem Gewinn besuchten, gehörte der Polizeiwachtmeister, der ihm vertraulich zuflüsterte: „Dein Wohnrecht, Schindelmann, soll dir unbenommen sein, und — mit einem Hundertrubelschein gebe ich mich zufrieden!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.