Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1915)
- Date
- 1915-04-23
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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198 ein rein persönlicher, von ihm selbst ansgebildeter, war zwar flüssig, doch derart einfach, daß er hin und wieder der Trockenheit nahe kam. Ein Vorzug desselben ist die große Klarheit. Der Praktische Sinn, das Ungekünstelte, welches sich durch seine Schriften wie durch sein ganzes Wesen zieht, wird von den italienischen Kunstkritikern für venezianisch angesprvchen, ebenso wie das Humorvolle für toskanisch. Doch beide Eigenschaften erinnern mindestens ebenso an seinen jüdischen Ursprung, ebenso wie die humorgewürzte glänzende Konversation und die Biegsamkeit seines Geistes. Diese gestattete ihm, sich auf drei Gebieten gleichzeitig zu bewähren und sich mit feiner Selbstironie darüber folgendermaßen zu äußern, als er im vorigen Jahre, nach einer Lehrtätigkeit von acht Lustren an der gesetzlichen Altersgrenze angelangt, jene ihm so ans Herz gewachsene Beschäftigung aufzugeben genötigt war: Er habe sich mit ihr nur ein geistiges Alibi schaffen wollen, um seine Schwächen als Romanschriftsteller mit den Unterrichtsvbliegenheiten und seine Mängel im Lehramt mit seiner Leidenschaft für die Romanschriftstellerei entschuldigen zu können. Auch sonst flocht er in seine offiziellen akademischen Reden, die er als Leiter der Hochschule vor einem ernsten Auditorium zu halten hatte, die eine oder andere humorvolle Bemerkung ein und verstand es dadurch, selbst den.gestrengen behördlichen Vertretern ein Lächeln abzugewinnen, um sie bald darauf durch eine das Innerste der menschlichen Seele ergreifende Bemerkung zur Rührung hinzureißen. Aeußerlich unscheinbar, bescheiden, ja schüchtern und wortkarg, wenig Gesellschaftsmensch, Feind von Formalitäten und Ehrungen, politisch gemäßigt-liberal, war Enrico Castelnuovo eine von der Mehrzahl der mitteleuropäischen Israeliten verschiedene Natur, ein echter Vertreter der italienischen. Den meisten dieser eignet eine kluge, wohlerwogene Zurückhaltung im öffentlichen Leben, obwohl ^hnen dieses durchaus offen steht. Auch wenn sie innerlich am Judentum festhalten, merkt dies der oberflächliche Beobachter schwerlich. Man wäre fast versucht, ihr Wesen als ein durch das ehemalige Marranentum beeinflußtes zu bezeichnen. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß sie in Zeiten, die für das Judentum bedeutungsvoll sind, nicht mutvoll das Wort ergreifen. So wird man es verstehen, daß derselbe Schriftsteller, welchen seine ganze Richtung nur selten zur Behandlung großer sozialer Probleme geführt, welcher l906 unter den Titel seiner Novelle „L’ultima" den auf Visitenkarten üblichen Vermerk P. P. C., das heißt „Um sich zu verabschieden", gesetzt hatte, es nicht übers Herz bringen konnte, einen Rontan ungeschrieben zu lassen, zu dem er seit längerer Zeit Stoff gesammelt, und welcher ein zeitgemäßes Thema, die Zersetzung des Judentums in Italien, zum Vorwurf haben sollte. So erblickte 1908 der „I lVlonealvo" betitelte Roman das Licht der Welt, Mehr als alle früher behandelten Gegenstände bewegte ihn, den Israeliten, dieser. Darum ist er auch eine seiner besten, wenn nicht seine beste Leistung geworden; bestimmt, nicht leicht vergessen zu werden. Der Roman ist mit seinem Herzblut geschrieben: während er sonst die menschlichen Schwächen mit Milde behandelt, hält er hier mit Kundgebung seines tiefsten Unwillens gegen die Hauptfigur nicht zurück, den jüdischen Streber, den Gernegroß, welchem zur Erreichung seiner niedrigen Zwecke alles feil ist, selbst die Verleugnung jeglicher Familientradition! Wie in einem Spiegel hält er seinen Stammesgenossen ihre Entartung vor und schildert die verschiedenen Typen des italienischen Judentums, den Zionisten inbegriffen, mit deutlichen Farben. Anstoß erregte naturgemäß in solchen Kreisen, welche selb st vor der Taufe stehen, der darin vorkommende Massenübertritt einer der sogenannten jüdischen Aristokratie ungehörigen Familie. Eine speziell jüdische Eigenschaft, sein übertriebenes Pflichtgefühl, hat sein literarisches Schassen beeinträchtigt. Da er es mit seinen amtlichen Pflichten sehr ernst nahm, gewann er es nicht über sich, die Lagunenstadt auf längere Zeit zu verlassen, um in anderer Umgebung neue Anregungen auf sich einwirken zu lassen. Und so ist sein Gesichtskreis stets auf das venezianische Milieu beschränkt geblieben; um so mehr ward er aber gerade hier geschätzt. So hat er denn bei dem als Romanschriftsteller ungleich bedeutenderen Antonio Fogazzaro die lebhafteste Anerkennung gefunden: er, der aus seiner antiklerikalen Gesinnung nie ein Hehl gemacht, bei dem Literaten mit stark katholischer Tendenz. Seiner Redlichkeit und Offenheit ward nach seinem Hinscheiden allgemein gedacht, unter anderem von dem bekannten Vertreter Venedigs im Parlament, Antonio Fradeletto, der ihm ein Menschenalter hindurch in innigster Freundschaft zugetan war. Venedig war stolz darauf, ihn als Schriftsteller, Lehrer und Menschen zu besitzen! Wiesbadener Frühlingstage. Von Venns Levy, Berlin. as Passahsest war erschienen und brachte uns den Frühling ins Land. Die Sonne erstrahlte uns wieder in ihrem alten herrlichen Glanz und erweckte in unseren Herze» die Sehnsucht nach dem Süden. Fast erschien uns dieses Verlangen wie eine Sünde. Sollen und dürfen wir wirklich an uns und unsere Erholung denken, während unsere Söhne und Brüder draußen in Feindesland in den Schützengräben liegen und für uns kämpfen und leiden? Haben wir aber nicht selbst schwere acht Monate durchlebt, die uns zwar Großes und Herrliches gebracht haben, die aber gar gewaltige Ansprüche an unsere eigene Gesundheit und besonders an unsere Nerven gestellt haben? Wir Aelteren, die wir daheim geblieben sind, haben lernen müssen, uns den gänzlich veränderten Verhältnissen anzupasien. Unsere Mitarbeiter und Helfer sind ins Feld hinausgezogen und kämpfen für das Vaterland — und wir haben doppelte und ungewohnte Arbeit übernehmen müssen. Da haben wir in dem schweren Winter uns oft hinaus gesehnt in die Erholung, und wir warteten auf den Frühling und wir hofften: Und dräut der Winter noch so sehr, es muß doch Frühling werden. Der Frühling ist gekommen und mit ihm das Fest der Befreiung, das wir alljährlich feiern zur Erinnerung an den Auszug der Kinder Israels aus Aegypten. Wir feierten die Sederabende in Berlin, und wir freuten uns, wie gedrückt voll die Synagoge an den beiden Festtagen war. Es geht unverkennbar ein tiefer Zug der Religiosität durch alle Kreise unserer Gemeindemitglieder, und wir hegen die Hoffnung, es wird so bleiben, auch wenn der Weltenkrieg beendet sein wird. Auch hier im schönen Wiesbaden wurden die Gotteshäuser an den Festtagen gut besucht. Am eindrucksvollsten aber gestaltete sich die Feier des Sederabends im Hotel „Kronprinz". Hier versammelten sich an 80 Kurgäste zur gemeinschaftlichen Begehung des Seders. In einem zweiten, anstoßenden Saale waren als Gäste 30 bis 40 Soldaten zur Feier des Seders erschienen. Die Haggadah hebt besonders die Pflicht hervor, Bedürftige mitspeisen zu lassen. In der heutigen Kriegszeit aber ist es uns ein Herzensbedürfnis, für unsere tapferen Krieger zu sorgen und ihnen als eine Dankesschuld Wohltaten zu erweisen. Diese Liebespflicht wurde in Wiesbaden durch Einladung der jüdischen Soldaten zur Teilnahme am Sederabend erfüllt. Nachdem Herr Rabbiner Dr. Adolf Kober die Haggadah vorgelesen hatte, hielt der Geheime Regierungsrat Professor Dr. HermannCohen aus Berlin eine längere begeisternde Ansprache an die Soldaten, die auf sie einen unvergeßlichen Eindruck machte. Von den vielen hier anwesenden Soldaten ist ein