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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-04-23 · Heft 17 (23.4.1915) · p. Seite 197

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 17 (23.4.1915)
Date
1915-04-23
Page
Seite 197 (sequence 5)
Language
German
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197 Vereins „Dante Alighieri" zur Verteidigung der italienischen Sprache die irdischen Reste ab und bringen sie auf die Lidoinsel, wo nicht weit von der lärmenden Stätte des internationalen Badelebens ein stilles Plätzchen für die ewige Ruhe der Israeliten Venedigs aufgespart ist. Wenn es möglich ist, nach dein Leichengefolge zu beurteilen, welchen Kreisen ein Verstorbener im Leben angehörte, so war das hier der Fall: er mußte den Handelswie den literarischen Kreisen in gleicher Weise nahe gestanden haben. Und tatsächlich war Enrico Eastelnuovo — übrigens nicht zu verwechseln mit Leo di Castelnovo, Pseudonym des Schriftstellers Grafen Leopoldo Pulle — eine Persönlichkeit, welche in dieser Hinsicht an Friedrich Wilhelm Hackländer erinnert, wie folgender Ueberblick über seinen Lebcnsgang zeigt. Als Sproß einer jüdischen Kausmannsfamilie im August >839 zu Florenz geboren, trat er frühzeitig in Venedig in ein Bankgeschäft, das der Familie seiner Mutter gehörte. Doch sein Geist strebte nach einer höheren Sphäre, und so beschäftigte er sich nebenbei mit politischen, aber mehr noch mit literarischen Studien. Eine gemäßigt-liberale Zeitung, die er um 1870 unter dem Namen „Stampa" in Venedig ins Leben rief, hatte, obwohl seine Artikel beim Tode Mazzinis und Napoleons III. als feine literarische Erzeugnisse aufsielen, nur kurzes Leben. Später hat er zwar noch häufig für die Tagespresse Kritiken geliefert, zum Beispiel über Heyse und über Tolstoi, aber seine Hanpttütigkeit war seit dem Jahre >873, nach Aufgabe der praktischen Betätigung als Bankier, der Unterricht im Handelsrecht und Bankwesen an der Handelshochschule in Venedig, deren Leiter er von >905 bis 1914 sein sollte. Nebenbei bekleidete er Aemter in Bankinstituten, gab ein Handbuch über Handelsrecht heraus, gehörte zum Vorstand des Königlichen Handelsmuseums in Venedig und beschäftigte sich mit Studien zur Geschichte der Lagunenstadt. Dieser gewissenhafte, fleißige Lehrer des Handelsrechts, dem die Hochschule im historischen Palazzo der Foscari eine bedeutende Festigung ihrer pädagogischen und finanziellen Grundlagen verdankte, hatte sich bereits seit Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als er noch praktisch im Bankfach tätig war, in harmlosen Novellen versucht. Sie erschienen zuerst in venezianischen Lokalblättern und 1872 gesammelt als „Bacconti e Bozzetti“. Etwas bekannter machte ihn dann der Roman „II guaderno della zia“. lieber die damals ebenso wie heute recht engen literarischen Kreise Venedigs drang sein Name ins größere Publikum durch Aufnahme seiner Novellen und Romane in die erste literarische Zeitschrift Italiens, die „Nuova Antologia“, und später auch in die „Illustrazione Italiana“. Nachdem 1874 „Vittorina“ »nd „La Casa Bianca“ und 1876 die „Nuovi racconti“ erschienen waren, kam er in demselben Jahre durch „Lanretta“ als Romandichter in die Mode. Ebenso wie letzterer von mehr als vorübergehendem Wert sind der zwei Jahre darauf erschienene Roman „II prokessor Bomnalcko“ sowie „Le «Ine - convinzioni“. Unter seinen vielen Romanen und Novellen, wie „Dalla lincstra“, „La contessina“, „Troppo ainata“, | „Nella bottega del cainbiavalute“, „In baba del vento“,! „Nella lotta", worin die Macht eines moralischen Sieges gc-! schildert wird, „II lallo di una donna onesta“, „II ritorno | dell’ Aretusa“, „Nozze d’oro“, „Prima di partire“, „I congiug'i j Varedo“, „Sulla Jaguna“, „Natalia", „L’onorevole Paolo Leon-! forte“, „Dal primo amore alla soffitta“, „II signor Libero“, „Un disgraziato“, „L'ultiina“, „Margherita“, „Nevica“, „La mano della vicina“, verdienen besonders hervvrgehobcn zu z werden „Pilippo Bussini juniore", weil darin die eigenen Erfahrungen Castelnuovos im Bankierberufe niedergelegt sind, und „Sorrisi e lagrimc“. Letzterer 1882 erschienene Band Novellen ist für die Art unseres Schriftstellers, Tränen des Lachens mit solchen der Trauer zu mischen, bezeichnend. Schwebt doch im allgemeinen über seinen Darstellungen ein humorvolles Lächeln, jener ideale Zug von Güte, welcher die kleinen Schwächen, die den Menschen anhaften, leicht und gern verzeiht. Scharf als Beobachter, gemäßigt im Urteil, gut von Herzen, anständig in der Schilderung, von natürlicher, nicht gesuchter Moralität, so daß es in einem seiner literarischen Nachrufe heißt: „Er war Moralist und anständig, ohne Moralpredigten zu halten." Optimist, begeisterte er sich für alles, was schön und gut. Zart und feinfühlend als Künstler wie als Mensch. Die häßlichen Seiten des Lebens in aller Breite zu behandeln, ebenso wie Ausnahmetypen darzustelleu, das war ihm zuwider. Darum vermochte ihn auch der Realismus der Franzosen, welcher vielfach auf die italienischen Schriftsteller gewirkt hat »nd fortwirkt, nicht zu beeinflussen. Eher ließ sich in seinem gesunden Humor und Verimus manches Nachweisen, was an Dickens erinnert. Aber etwa ein Nachahmer desselben darf er darum nicht genannt werden. An den großen Romandichter von jenseits des Kanals erinnert auch seine wahrheitsgetreue Kleinmalerei des gesunden, ehrsamen Mittelstandes, dem er selbst angehörte. Nicht im Schaffen komplizierter Verwicklungen, sondern in der psychologischen Vertiefung der Charaktere — und diese nicht von Anfang an scharf ausgebildet, sondern sich im Laufe der Handlung formend, nicht phantastisch, sondern aus der Umgebung des Verfassers genommen —, darin liegen die Vorzüge Castelnuovos, der trotz der Alltäglichkeit des Dargestellten das Interesse des Lesers wachzuhälten versteht. Einer bestimmten literarischen Schule kann man ihn nicht zurechnen, aber er gehört der gesunden Richtung eines Vittoriv Bersezio, eines Anton Giüliv Barrili »nd Salvatore Farina an, welche in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in ihren Romanen und Novellen dem Publikum nicht schwierige soziale Probleme unterbreiteten, sondern sich damit begnügten, es in anständiger, einfacher Weise zu unterhalten. Vielleicht ist gerade in diesen Eigenschaften der Grund zu suchen, daß von den genannten Schriftstellern und auch von Eastelnuovo so manche Arbeit in deutscher llebersetzung erschien. Sein Stil, Enrico Castclnuovo.

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