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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-04-23 · Heft 17 (23.4.1915) · p. Seite 196

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 17 (23.4.1915)
Date
1915-04-23
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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196 suchte er aufkliirend aus diese Massen zu wirken und erzielte dabei bedeutende Erfolge. Perez wurde 1851 in Samostj, im Gouvernement Lublin, geboren. Im Jahre 1876 trat er mit einem hebräischen Gedicht in dem Journal „Ha-Schachar" in die Arena der Literatur. Es folgten hinterdrein weitere schöne Dichtungen im Hebräischen. Der Gedanke seiner voltsanfllüreudeu Mission veranlatzte Perez, sich seit 1888 der Wege der Jar-gondichtung zuzuwendeu. Es lag ihm besonders daran, den fanatischen Glaubensgelwssen, die sich der Welt imb ihren Strömungen verschließen, neue Wege des Denkens und Empfindens zu weisen. Er bemühte sich besonders, ins Boltsbewußtsein und in die Voltsseele einzudringen, was sich in seinen prächtigen poetischen Erzählungen widerspiegelt. Man darf wohl annehmen, daß Schalou: Asch manche Anregung, bei Perez gefunden hat, der sich in seiner letzten Schafsensperiode mehr dem Symbolismus zuwandte. Neben seinen Gedichten in der Sammlung „Jiddsche Bolksbibliothek" und seinen „Volkstümlichen Geschichten" und Legenden verdient auch sein lyrisches Drama „Die goldene Keit" (Kette) erwähnt zu werden, die als Perle der Jargonliteratur zu werten ist. Im Jahre 1901, gelegentlich seines 50jährigen Geburtstages, wurden seine sämtlichen Werke in Warschau und in Amerika herausgegeben. Der Beifall, den die russischen und anderen fremdsprachlichen Uebersetzungen der Dichtungen von Perez fanden, veranlaßte die russische Perlagsanstalt, „Zeitgemäße Probleme", an die Vorbereitung einer russischen Auflage dersellben heranzutreten. Perez wurde im vorigen Jahre Ehrenmitglied der Petersburger „Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden", ferner war er Ehrenmitglied der „Jüdischen Literaturgesellschaft". In den letzten Jahren machte ihm sein Herzleiden viel zu schaffen, das auch seinen Tod beschleunigte. In Warschau ist er zur letzten Ruhe gebettet worden, betrauert von der ganzen jüdischen Gesellschaft in Rußland und Polen. # Ter österreichische Reichsratsabgeordnete H e i n r i ch Reizes, dessen offenen Brief an den russischen Minister des Aeußeren, Sasonow, wir in Nr. 11 dieses Jahrganges S. 12-3 bis 124 veröffentlichten, gibt jetzt gegenüber einem seitens der russischen Regierung in die Welt gesetzten dementierenden Kommunique folgende öffentliche Erklärung ab: „Meinen offenen Brief an den Minister des Aeußeren, Sasonow, stellt die russische Regierung in einen: dnrch die Petersburger Telegrapheuagentnr versendeten Communiquv ein öffentliches Dementi entgegen, in welchen: sie meine tatsächlichen Angaben ableugnet. Demgegenüber erkläre ich kategorisch, daß ich die in dem offenen Briefe enthaltenen Anschuldigungen gegen die russische Negierung und deren Armee vollständig aufrechterhalte, da sie in jeder Hinsicht aus Wahrheit beruhen; ja, sie geben kaum einen geringen Bruchteil dessen wieder, was von den Nüssen an Grausamkeit und Schenßlichkeiten aller Art an den Juden verübt wurde. Jeder Tag bringt dafür neue Beweise. Tie darüber in der Bukowina und den von den österreichischen Truppen jüngst befreiten Städten und Gegenden Südostgalizieus ausgenommenen Protokolle enthalten Schilderungen, welche Schauder erregen. Man dünkt sich in die Zeit der Tartareneinbrüche zurückversetzt. Mord, Raub und Schändungen ohne Zahl; keine Spur einer menschlichen Regung! Bedarf es aber auch einer gewichtigeren Illustration der Wahrhaftigkeit der obigen Beschuldigungen als des bekannten grauenerregenden Befehles des russischen Obersten Armeekommandos? Westlich von Jaroslau müssen alle Juden ihre Wohnstätten, in denen sie schon seit Jahrhunderten leben, verlassen; sie müssen Haus, Hof, Hab und Gut aufgeben und zum Wander- und Bettelstäbe greifen; im Reste Galiziens aber werden die Juden in ihrer: Aufenthaltsorten interniert — all dies mit einer Begründung, welche daraus hinausläuft, daß die Juden den: Staate, dessen Bürger sie sir:d, die pflichtgemäße Trerre und Anhänglichkeit bewahren. Nicht besser ergeht es den Inder: in Rußland und Nrrssisch-Polen. Diesbezüglich rvill ich eirüges aus der Rede des Dumaäbgeordnetcr: Ezcheidze ansührer:, welcher sagte: „ . . . Hunderttarrsende russischer Juden wurden unter die Waffen gerufen, und gleichzeitig wird der Druck der Rechtlosigkeit selbst für einen Augenblick auch den jüdischer: Verwundeten gegenüber nicht schwächer. Systematisch und unaufhörlich verbreiten die Diener der Reaktion ungeherrerliche Gerüchte und offene Verleumdungen gegen die jüdische Bevölkerung. Diese Politik hat irr der: an den Kriegsschauplatz angrenzenden Gegenden zurr: Vergießen eines Meeres von Blrrt und zrrr vollständigen Vernichtung des gesarrcker: Vermögens der ruhigen jüdischer: Bevölkerung geführt." Dies die Worte eines russischen Abgeordneten vor der versammelten Durra: ir: Gegenwart der russischen Regierung. Ein anderer — Rußland gegenwärtig gewiß nicht ungünstiger gesirrnter — Zeuge, der Kriegskorrespondent der Londoner „Daily Mail", berichtet seinem Blatte, sein Automobil sei auf der Fahrt rrach Warschau durch Scharen von Inder: am Vorwärtskommen gehindert gerveser:, welche durch Russen gewaltsam aus ihren Wohnstätten vertrieben wurden. Die Frauen, Kinder und Greise brachen unter den Mühsalen der Wanderung, Hunger und Plagen Zusammen, während die waffenfähigen Männer den Russen Kriegsdienst leisten nnrßten. Die russische Regierung leugnet das Vorkommen vor: Pogromen ab: ein solcher ist leider sogar in meiner Vaterstadt Lemberg vorgekonnnen, wobei viele U::schuldige umgekommen und verletzt wurden. Ties war die Visitenkarte, welche die russische Kultur in der herrlichen, freiheitsliebenden Stadt abgegeben hat. Andere Einzelheiten anzuführen, ist hier nicht am Platze; wer sie erfahren will, lese in de:: in London — ::icht in den Zweibund staaten — erscheinenden „Jewish Ehronicle" den Artikel des bekannten amerikanischen Schriftstellers Kennau, „Der Zar und die Juden" und anderes nach. Worum es der russischen Negierung bei ihren Dementis zu tun ist, habe ich schon in meinem offenen Briefe erwähnt und folgt aus dem Kommunique der Petersburger Agentur; sie will die öffentliche Meinung der neutralen Staaten und insbesondere der dort wohnenden jüdischen Bevölkerung irreführen. Einen nennenswerten Erfolg wird sie nicht erzielen. Vielleicht haben sich anstulgs Angehörige der neutralen Staaten dadurch verleiten lassen, daß der Entente Frankreich und England angehören, deren Verdienste um die Freiheit in vergangenen Zeiten nicht bezweifelt werden können. Gege::würtig aber ist es für jeden klar, daß es die Pflicht sämtlicher Juden der neutralen Länder ist, ganz und voll für den Zweibnnd einzutreten, wem: sie der jüdischen Sache nicht abtrünnig sein wollen. Für die jüdische Frage kommen Engla::d und Frankreich mit ihrer: zusammen 350 000 Juden wenig in Betracht; hingegen Hütte ein Sieg der Entente die Präponderanz der russischen Reaktion in Europa und eine furchtbare Verschärfung der schon unerträglichen Knechtung von sechs Millionen! russischer Inden zur Folge: sie würde eine Million Juden, welche in Galizien und der Bukowina wohnen, der österreichischen Freiheil teilhaftig und mit ihr verwachsen sind, vor die Wahl stellen, siel, unter das schreckliche — um so schrecklicher, weil ungewohnte - Joch der russischen Barbarei und Rechtlosigkeit zu beugen oder das Heimatland zu verlassen. Bei wem das Gefühl für die Freiheit und das Geschick seiner Mitmenschen nicht erloschen ist, für den ist die Wahl nicht schwer, aus wessen Seite er sich mit seinen Sympathien zu stellen hat: auf die Seite des grausigen, finsteren Rußland oder des hochkulturellen Deutschland und des freien Oesterreich. Heinrich Reizes, Reichsratsabgeordneter. Lnriro «Lattelmmvo geboren mit 17. August 1889 in Florenz, gestorben am 22. Januar 191.1 in Venedig. Von Prof. Tr. Ermanno Loeviuson in Nom2) in trüber Januarmorgen, so trüb wie bereu die Lagunenstadt im Winter nur leider allzu viele aufzuweisen hat. Ein kreuzloser Sarg, von sechs Studenten der Handelshochschule Venedigs getragen, gefolgt von der hohen Prophetengestalt des ehemaligen Ministerpräsidenten Luigi Luzzatti, herbeigeeilt aus Rom zur Beisetzung seines geliebten Schwagers, sowie den Spitzen der literarischen und Handelskrerse Venedigs, wird auf die einfache Gondel der jüdischen Begräbnisgenossenschaft „Aisei icorllia e Pieta“ gesetzt, um dem Wunsche des Verstorbenen gemäß auf dem Kirchhof von San Michele in Jsola eingeäschert zu werden. Am Nachmittage desselben Tages holen die Vertreter der Handelshochschüler sowie des h Unlieb verspätet. Die Red.

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