Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1915)
- Date
- 1915-04-23
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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195 zurück. Aehnliche Briefe haben wir auch von Polen aus Rußland und von russischen Politikern erhalten. Sie haben alle denselben Zweck: die Verantwortung für die gegen die armen Juden begangenen Greueltaten von sich abzuwälzen.! DasisteinsehrgutesZeichen. Sie fühlen die Schande und den Schmerz der Anklage, und trotz der an Grausamkeiten so reichen Kriegszeit wollen sie sich von dem schmerzvollen Vorwurf reinigen, daß sie aus religiösem Haß Blut vergossen hätten. Aber nun fragen wir unserseits: Wer hat jene unglücklichen Juden getötet? Wer hat ein so schreckliches Beispiel gegeben? Da alle erklären, daß ihre Hände rein von dem Blute der Aermsten seien, und da sich doch so viele Greueltaten nicht! als das Werk von Meuchelmördern erklären lassen, würde es! da nicht der Mühe lohnen, daß die österreichischen und; russischen Polen, ja die Russen selbst strenge und aufrichtige Untersuchungen anstellen, wobei sie auch die Opfer vernehmen! und ihnen zusichern müßten, daß sie die Wahrheit sagen! können, ohne Rache zu befürchten? Mit dieser Bitte nehmen > >vir Kenntnis von all dem, was uns diejenigen gesagt und ge-! schrieben haben, die Brandes' Behauptungen zurückweisen, i die Anklagen eines Mannes, dessen Worte von großem Gewicht j und nicht nur wegen seines literarischen und moralischen z Wertes, sondern auch weil er Polen geliebt und verteidigt hat, i als niemand die Seufzer jener freien und starken Männer > iiörte, für die wir die politische Selbständigkeit von neuem , rhossen." l Sicher hat Luzzatti recht, wenn er die Ableugnung der! Greueltaten gegen die Juden für ein gutes Zeichen erklärt. j Was aber die Beweggründe betrifft, die die Russen zu diesem Widerspruch veranlassen, so könnte man anderer Meinung sein als er. Es ist sicher weniger die Scham, religiöser Verfolgungen verdächtig zu sein, als die Furcht vor der Mißbilligung seitens der Neutralen. Aber sei dem, wie es wolle, wir können es nur sreudig begrüßen, wenn es den Juden in den neutralen Ländern gelingen sollte, das Los ihrer unglücklichen Glaubensgenossen in Rußland zu mildern. A. R. * Unter der Ueberschrift „Die Wahrheit über Palästina" veröffentlicht die „Frankfurter Zeitung" vom 10. d. M. folgenden Artikel von I. Horovicz (Jerusalem):! Die englischen Blätter, mit den „Times" an der Spitze, das Reuterche Bureau und ein ansehnlicher Teil der französischen Presse beiutl)ten sich in jüngster Zeit, die Sympathien der amerikanischen und europäischen Juden dadurch zu gewinnen, daß sie in spaltenlangen Ansätzen das bekannte Projekt erörterten, wonach die Tripelentente bereit väve, aus Palästina einen Judenstaat mit politischer Autonomie zu nachen. Anknüpfend an diese unmaßgeblichen Zusicherungen wußte die Ententepresse auch von Pogromen zu berichten, die in Jaffa stattles'unden hätten, und von Zerstörungen, welche die arabische Bevölkerung u den jüdischen Kolonien angerichtet hätte. Aber kein denkender Jude vird sich von dieser gleißnerischen Zukunftsmusik beirren lassen. Man 'raucht nur die amerikanisch-jüdischen Zeitungen ohne Unterschied der j wlitischen und religiösen Richtung zu lesen, um sich zu überzeugen, daß ieses plumpe Liebeswerben mit gebührender Verachtung zurückgewiesen oird. Und selbst die russischen Zionisten, welche man damit in erster 'leihe zu beeinflussen glaubte, weisen eine solche Zumutung mit der 'rößten Entschiedenheit von sich. Das vornehmste hebräische Organ der ivnistischen Organisation, der in Warschau erscheinende „Haschiloach", chreibt unter anderem: „Das englische Handelsvolk würde, so es esten Fuß in Palästina faßt, den Tod der jüdischen Kolonisation bedeuten . . . Sollte an Stelle Englands Frankreich seine Hand auf Palästina legen, so würden sich damit die Aussichten für die Juden um 'ichts verbessern. Man halte sich vor Augen, daß der vorher nie gealmte „arabische Antisemitismus" von Frankreich eingeführt wurde, iud daß diese importierte Giftpflanze von französischen Jesuiten in Palästina treulich gehütet wird. Wehe uns, wenn diese Herrschaften ve Oberhand inL Lande gewinnen." Diese Auffassung der Nächst- .'eteiligten ist um so ernster zu nehmen, als das Blatt schon aus Furcht vor dem russischen Zuchthaus und Sibirien beim Niederschreiben dieser Sätze sich große Zurückhaltung auferlegen mußte. Zu Pogromen und Verwüstungen ist es glücklicherweise in Palästina nicht gekommen. Es wird auch dazu nicht kommen. Die Türkei handelt auch in bezug auf die Kriegsgefangenen viel menschlicher als die 'bekannten feindlichen Staaten. Leider hat es aber die Ententepresse durch diese Treibereien erreicht, daß der sognannte „arabische Autisemitismus" wieder einmal aufgestachelt wurde, indem man erst die zionistischen Kreise des Sympathisierens mit England verdächtigte, um dann durch Unruhestiftungen das Ansehen der türkischen Regierung in den Augen der Welt herabzusetzen. In der Tat herrschte in den jüdischen Kolonien um Jaffa eine gewisse Besorgnis, daß es zu Ausschreitungen der aufgehetzten arabischen Bevölkerung kommen könnte. Zürn Glück hat diese Besorgnis nicht lange gedauert. Der Kommandant der 4. ottomanischen Armee und Admiral der Marine Dschamil Pascha hat in Jaffa und Umgebung in Tausenden von Exemplaren folgenden Befehl veröffentlicht: „Es wird mir mitgeteilt, daß unter der Bevölkerung Nachrichten verbreitet werden, wonach unsere jüdischen Brüder in Palästina ihre nationalen Pflichten nicht erfüllen und ihre Gefühle nicht mit denen der übrigen Ottomanen übereinstimmen. Da diese Nachrichten der Wahrheit widersprechen und schädlich sein können, befehle ich mit aller Strenge, alle diese Allsstreuungen vollständig zn unterdrücken. Schwer bestraft wird jeder, der solche Nachrichten verbreitet." Für die Veröffentlichung und zwecknläßige Verbreitung dieses Befehls haben auch die politischen Regierungsbehörden, die Gouverneure von Jerusalem und Jaffa in ausreichender Weise gesorgt. Um der Proklamation Nachdruck zu verleihen, besuchte der Befehlshaber der syrischen und palästinensischen Armee am folgenden Tage das jüdische Viertel Telabib in Jaffa und das hebräische Gymnasium, wo er voll den jüdischen Deputationen mit delu Ehacham Baschi all der Spitze feierlichst empfangen wurde. Auf die Begrüßungsansprachell antwortete der Regierungschef u. a.: „Ich habe zll euch volles Vertrauen und hoffe, daß ihr mit ilns gemeinsam arbeiten werdet. Wir werden euch trell sein und das Land wird euch Zuflucht bietell. Wir schätzen euch als gutes und treues Element." Dreiviertel Stunden lveilte der Kommandant in diesem herrlichen jüdischen Stadtviertel, dessen Einwohner durch die spekulativen Umtriebe der Enkeutepresse von größter Besorgnis erfüllt lv-aren. Dieser Besuch des Kommandanteil, dem in Palästina große Bedeutung beigelegt wird, hat in der jüdischen Bevölkerung von Jaffa und den Kolonien sichtliche Beruhigung ausgelöst. Tie ottomanische Regierung hat übrigens allch in verschiedenen Einzelverfüglmgen das wärmste Wohlwollen für die palästinensische Judenheit bekundet. So hat z. B. der Regierungschef angeordnet, daß die zlir Wegearbeit herangezogenen jüdischen Kräfte ain Sabbath von jeglicher Arbeit dispensiert werden. Dem Armenarzt der Deutsch-Holländischen Palästinaverwaltung in Saffed wurde gestattet, daß in Fällen, wo eine Operation nötig erscheint, der Kranke in das militärische Hospital zn G'iniu gebracht werde. Die jüdischen Soldaten wurden für das Passahfest beurlaubt. Die von den Regierungsbehörden zu billigen Preisen ailsgebotenen Lebenslllittel werden für die jüdische Bevölkerung mit dem größten Wohlwollen verabreicht. Es ist daher eine Verdrehung von Tatsachen, wenn man der türkischen Regierung ein Uebelwollen gegen ihre jüdischen Mitbürger andichtet. Der Minister des Innern T n l a a t Bei hat schon anläßlich der Frage der Einbürgerung der fremden Juden hu Ministerrat betont, daß die ottomanischen Juden scholl während des Balkankrieges in hervorragender Weise ihre patriotischen Pflichten erfüllten. Sie haben dem türkischen Vaterland besonders wertvolle Hilfe geleistet. „Ich bin dessen sicher," sagte der Minister, „daß nicht llur die Juden, die in der Türkei wohnen, sondern auch die Juden in anderen Staaten mit wahrhaften Sympathien dem türkischen Reiche zngetall sind und an seinem Geschick lebhaften Anteil nehmen." Auch der deutsche sowie der amerikanische Botschafter in Konstatttilwpel haben sich wiederholt energisch bemüht, die durch englische und sralizösische Zeitllngsberichte gezüchtete Verstimmung zu beseitigen. * Wir erhalten folgende Zuschrift: Leon Perez, der geistvolle und hoch talentierte Führer der Jargondichtung, ist dieser Tage in Warschau gestorben. Er war ein Kulturträger im besten Sinne des Wortes. Durch den in weitesten Kreisen, der Judenheit in Rußland, Polen und Galizien üblichen Jargoil