Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1915)
- Date
- 1915-04-23
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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194 diese Arbeiten gerade von den wissenschaftlichen Vertretern der Scholastik mit aufrichtiger Dankbarkeit begrüßt worden. Auch mit systematischer Religionsphilosophie hat sich Guttmann beschäftigt, allerdings meist nur in kleineren Abhandlungen, wie „Ueber Dogmenbildung im Judentum" (1894), „Ueber die Bedeutung des Judentums in der Gegenwart" (1903), „Die Lehre von der Versöhnung im Judentum" (1910). Auch manche seiner Predigten sind kleine philosophische Abhandlungen. Die Königl. Staatsregierung hat Guttmanns Verdienste um die Wissenschaft im Jahre 1912 durch Verleihung des Titels Professor anerkannt. Ein Mann von ungewöhnlicher Arbeitskraft, von weitem Blick, von starker Selbstlosigkeit hat Guttmann stets an den allgemeinen Angelegenheiten des Judentums regen Anteil genommen. Er war seit langer Zeit Mitglied des Ausschusses des Rabbinerverbandes und er ist unter den Lebenden, nächst Maybaum, am tatkräftigsten und wirkungsvollsten für seine Erweiterung zum Allgemeinen Rabbinerverband eingetreten. Ein Mann von entschieden liberaler Gesinnung, trat er persönlich stets mit großer Mäßigung auf und genoß infolgedessen auch das Vertrauen der konservativen Kollegen. Die Folge seiner allgemeinen Beliebtheit und die Anerkennung seiner Verdienste um den Verband und seine Pensionskasse war die Wahl Guttmanns zum geschäftsführenden Vorsitzenden an Stelle von Maybaum, so daß er auch in diesem Ehrenamte Joels Nachfolger wurde. Auch in anderen jüdischen Verbänden, wie dem Hilfsverein der Deutschen Juden, dem Deutsch-Israelitischen Gemeindcbund, dem Verband der deutschen Juden wirkt er segensreich. Nirgends aber ist seine Hilfe so wertvoll, seine Kraft so unentbehrlich wie in der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, deren stellvertretender Vorsitzender er seit ihrer Begründung ist. Mit unermüdlicher Ausdauer und nie versagender Freudigkeit widmet er sich den Angelegenheiten der Gesellschaft; keine ihrer größeren Unternehmungen kam zur Vollendung, ohne daß er ihrer Organisation und Durchführung seine einsichtsvolle Leitung gewidmet hat. In Anerkennung seiner hohen Verdienste widmet der Ausschuß der Gesellschaft dem Jubilar eine wissenschaftliche Festschrift, die ihm an seinem Geburtstage überreicht wird. Wir rufen unserem geschätzten Mitarbeiter, dem vortrefflichen und bewährten Leiter des deutschen Rabbinerverbandes, von ganzem Herzen den altjüdischen Glückwunsch zu: Läurech jomim tauwim! Die Woche. Berlin, den 20. April. ast gleichzeitig mit dem Beginn des Frühlings haben, wie der Korrespondenz „Heer und Politik" geschrieben wird, auf beiden Kriegsschauplätzen im Osten und Westen starke Offensiven eingesetzt, und die „Times" verraten uns, daß es sich hierbei um einen gemeinsamen Plan handle. Durch diese gemeinsame Offensive sollte der Sommerfeldzug 1915 eingeleitet werden. Es ist ja nicht das erste Mal, daß gleichzeitig im Osten und im Westen heftige Offensiven einsetzten. Schon die erste große Offensive Joffres war mit einer Offensive der russischen Kräfte an der deutschen Grenze verbunden. Damals haben ihnen die Offensiven nichts genutzt, denn das deutsche Heer steht fester eingewurzelt als je auf französischem Boden, und das russische Heer hat sich inzwischen recht erheblich von unseren Grenzen zurückziehen müssen. Nun soll der Sommerfeldzug 1915 wohl das bringen, was die Winteroffensiven nicht vermocht haben. Zwar ist das Wetter noch nicht sehr sommrig, und in Polen sowie in den Karpathen hat der tiefe Schnee einem unergründlichen Schmutz Platz gemacht. Die Schwierigkeiten des Feldzuges sind besonders im Osten nicht geringer geworden als zur Winterszeit, und es dürfte bei den schlechten Wegen in Rußland noch lange dauern, bevor irgendein brauchbares Kampffeld entsteht. Nichtsdestoweniger haben unsere Truppen gezeigt, daß die neueste Offensive 'mit ziemlicher Sicherheit denselben Verlauf nehmen wird wie dir früheren. Die russische Offensive, die mit ungeheuren Menschen nrassen unternommen wurde, ist tatsächlich jetzt schon im Verenden. Die Menschenmassen allein tun es nicht, und die Verluste in den Karpathen, die in die Hunderttausende gehen haben das russische Heer, das weder an Waffen noch ai Menschenmaterial geeigneten Ersatz hat, stark verkleinert. Der militärische Zusammenbruch dieses Riesenheeres if ebensowenig aufzuhalten wie der wirtschaftliche. Die Tatsache daß die russische Kriegsanleihe so wenig Liebe in Rußland selbs gefunden hat, zeigt, daß das russische Volk selbst an einen Erfolg nicht glaubt. Schon bei Beginn des Krieges haben Russen die in Deutschland weilten, erklärt, daß ein Sieg Rußlandgegen Deutschland schon aus wirtschaftlichen Gründen unmöglich sei. Die Ansicht dieser Großkaufleute hat jetzt ihren all gemeinen Ausdruck in dem Fiasko der russischen Kriegsanleih gefunden. Im Westen hat der Sommerseldzug die Kämpf, zwischen Maas und Mosel gebracht. Jo ff re hat einige Tag: vor Beginn der großen Offensive zu den belgischen Truppe: geäußert, daß das französische Heer in den nächsten Tagen in Herzen Belgiens sein und von dort aus endgültig nach Deutsch land Vorstoßen werde. Ein Mann wie Joffre, der eine, Namen zu verlieren hat, sollte mit solchen Ruhmredigkeitei mehr zurückhalten, die einem englischen Zeitungsmanne viel leicht anstehen. Der schlichte und wahre Bericht unsere-: Generalstabes hat gerade in den letzten Tagen mehrfach Ge legenheit gehabt, die „Siegesmeldungen" des französische! Generalstabes auf ihren wahren Wert zurückzuführen. Neu trale Blätter erklären, daß die Kämpfe für das deutsche Heer glänzend stehen. Noch mehr! Englische Blätter fragen, worb die Siegesmeldungen Joffres begründet seien, da sie keiner!: Geländegewinn feststellen könnten. Diese kurzen Bemerkunge» dürften genügen, um den wahren Wert der französischen Sieg: zu erkennen. Auch hier ist der Beginn des Sommerfeldzugc-: kein Gewinn für die Angreifer. Soeben haben wieder d e u t sche Luftschiffe der englischen Küste Besuche abgestattei und damit die Gegenrechnung für die französischen Luftangriff! auf die offenen Städte Freiburg, Müllheim und Rottweil vorgezeigt. Auch der Unterseebootkrieg entwickelt sich in der alten Weise weiter. Wir können jeden Angrif' aushalten und werden dann zu gelegener Zeit selbst unser: Waffen weiter in das Feindesland hineintragen. Der Sommerfeldzug 1915 ist in jeder Beziehung für uns von glücklichem und hoffnungsreichem Anfänge. Der weitere Verlauf wird diesen Beginn rechtfertigen. -O Man schreibt uns: Vor einigen Wochen hatte Luigi Luzzatti im „Corriere belli, Sera" einen flammenden Protest gegen die Mißhandlungen der Juden in Russisch-Polen veröffentlicht und insbesondere darin die Polen ermahnt, sich den Juden gegenüber nich! dasselbe zuschulden kommen zu lassen, was sie selbst von den Russen stets so bitter empfunden haben. Daß Luzzattis Wort, nicht ohne Wirkung geblieben sind, zeigt folgende Notiz von ihm im „Corriere della Sera" vom 29. März: „Der Vorsitzende des „Polnischen Ausschusses" (8upr«im Comitato Polacco) in Wien schreibt uns einen sehr interessante» .. Brief mit der Absicht, uns zu beweisen, daß die Polen in Rußland und Galizien keinen Anteil an den Ausschreitungen haben, daß vielmehr die Schuld daran auf die Russen zurückfällt. Er weist auf die von Georg Brandes erhobenen Anklagen