Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1915)
- Date
- 1915-04-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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y. Jahrgang Nr. 16 Berlin, 16. April 1915 Der Gemeindebote. 25eH«0t zur „Allxrmrinen Leitung drK IudrnkumK". ikorrelponüen?en und Aachrichtm. Deutschland. %%% Berlin, 13. April. Ter aus Palästina kürzlich ein getroffene chrer Rtaher K atz, der 'in den letzten fünf Monaten in Galiläa weilte, ab einem Redakteur des jüdischen Tagblattes „Unser Leben" folntbc Auskünfte über die dortigen Verhältnisse: Unsere Brüder in -aliläa haben unter den Weltereignissen in jeder Hinsicht, sei es .i ökonomischer, sei es in politischer Beziehung-, am wenigsten gelten. Herr Katz erklärt dies damit, daß die galilüischeu Kolonien on Ackerbau leben und selbst Brot und Gemüse erzeugen. Plan- 'gen sind fast keine vorhanden. Tie Broterzeugnng ist vom Weltmarkt unabhängig, alles wird im Lande verbraucht, so daß die Anstellung des Verkehrs aus die galiläischen Kolonien keine schädche Wirkung hatte. Während die Kolonien in Judäa schwer unter nil Mangel an Lebensmitteln zu leiden haben -- selbst Brot findet ch dort llnr in beschränktem Maße —, sind in den beiden alonien des Nationalsonds Dagania und Kinereth (von Merchawch abgesehen) sehr große Getreidevorräte vorhanden. Selbstcrständlich befinden sich nicht nur in den beiden Kolonien, sondern uch bei privaten Kolonisten beträchtliche Quantitäten von Getreide, i daß eine Hungersnot in Galiläa nicht zu befürchten ist. Tie Mitteilungen in den Zeitungen, daß die Negierung Getreide und 'iehl requiriert habe, bezieht sich nicht auf Galiläa. Nur in Teldaß bei Haifa hat die Negierung ein Getreidemagazin versiegelt, hne demselben aber Getreide zu entnehmen. Es ist aber zu erwarten, daß sie auch dieses Siegel in Kürze abnehmen wird. Davon bgesehen ist in Galiläa bisher keine weitere Requisition Vorkommen. Alle Kolonisten in Galiläa haben die ottomanische taatsangehorigkeit erworben. Tie Arbeiter in den Kolonien des ationalfonds hätten es nicht über sich gebracht, eine zehnjährige rbeit zugrunde gehen und die Kolonien ohne Arbeiter zu lassen, ie blieben alle auf ihrem Posten und erfüllen ihre Aufgabe, an?r sie die Behörden nicht hindern. Das Leben in Galiläa geht inen normalen Gang. Die Arbeit ist in keiner Weise unterochen, sondern wird mit Energie und Fleiß fortgesetzt. Arbeiter ad Arbeiterinnen, die keine Arbeit hätten, sind zurzeit nicht vormden. Auf die Frage, in welcher Weise die Arbeiter entlohnt i'lrden, da ja Bargeld nicht in genügender Menge vorhanden sei, ntwortet Herr Katz: Die Arbeiter erhalten ihren Lohn durch Berrreichnng von Getreide an Stelle des Geldes. Derjenige, der einen eberschuß über den eigenen Verbrauch besitzt, tauscht hierfür adere Bedarfsartikel ein. In dieser Hinsicht glauben sich die Leute - uralte Zeiten versetzt. Tie Verhältnisse mögen unbequem sein:? sind aber zu ertragen, insbesondere in den Kolonien, wo das cben einen ganz anderen Charakter als in der Stadt trägt. Wie sagt, ist in den Nationalsondssarmen Dagania und Kinereth uug Getreide für den ganzen Jischub in Galiläa vorhanden. Tagen herrscht in Judäa ein großer Mangel an den nötigsten Lebensitteln. Getreide ist in Judäa nur noch für eine bestimmte Zeit 'rhanden. Wäre der Verkehr im Lande selbst nicht eingestellt, so ürde sich der Mangel nicht so fühlbar machen. Leider sind die -ege sehr schlecht, und es sind auch keine Zugtiere für die Ueberihrung des Getreides vorhanden. Tiefe Störungen ließen sich och überwinden, wenn man wüßte, wie sich die maßgebenden utoritüten dazu verhalten würden. Es wurde darum beschlossen, e Ueberführnng des Getreides von Galiläa nach Judäa noch bis ir Klärung der Lage auszuschieben, lieber die Frage endlich, wie e kulturelle Lage in Galiläa jetzt beschaffen sei, erklärt Herr Katz, Hz die Verhältnisse in dieser Beziehung nicht schlecht seien. In! aifa ist die Realschule geöffnet, die Schulen in den Kolonien j inktionieren, und der Unterricht geht normal vor sich. Herr Katz tont nochmals, daß die Lage in Galiläa verhältnismäßig ganz lt sei. Verfolgungen kommen nicht vor, es wird ruhig und ckensiv gearbeitet. Diejenigen, die dort Kinder oder Verwandte tben, können über deren Schicksal beruhigt sein. Hauptsache ist, e mit Geldmitteln zu versehen. $$$ Berlin, 13. April. Geheimer Konsistorialrat Professor 1). Tr. Hermann L. Strack in Berlin schreibt in der „Kölnischen Zeitung": Ost und mit Recht ist darüber geklagt worden, daß Deutschland untätig gewesen sei, während England, sein schlimmster Feind, die öffentliche M-einung auf der ganzen Erde gegen Deutschland aufzureizen und für sie günstig zu stimmen unermüdlich au der Arbeit war. Nach dem Anfang des Krieges aber, sagt mau weiter, habe Deutschland in fernem Eifer, das Versäumte nachzuholen, zu viel getan und dadurch Anstoß erregt, namentlich in den Vereinigten Staaten von Amerika. Nu-n, nur sind überzeugt: Solange die Waffenausfuhr, welche ausschließlich unseren Feinden förderlich ist, aber die deutschen Verlustlisten vergrößert, nicht verboten wird, muß die Aufklärungsarbeit fortgesetzt werden. Zu w-ie völliger Urteilslosigkeit die gegen Deutschland ausgestreute Saat der Lüge und des Hasses noch jetzt sogar sonst kluge Leute bringt, dafür ist nur soeben ein merkwürdiger Beweis geworden. Judenchristen, namentlich in Ländern englischer Zunge und in Deutschland, haben wiederholt versucht, die christlich gewordenen Juden zu besonderen Bereinigungen national-religiösen Charakters zusammeuzuschliehon. Ein großer neuer Versuch dieser Art wird jetzt in Amerika gemacht, durch welchen die Judenchristen nicht nur der Vereinigten Staaten von Nordamerika, sondern auch Kanadas zu einem Bunde vereinigt werden sollen Tie gründende Versammlung wird vom 6. bis 9. April in New Port stattfinden. In der auch nur (im Hinblick auf meine Stellung innerhalb der Jndenmission) zugegangenen Einladung heißt es zum Erlveise der Zeitgemäßheit des neuen Unternehmens wörtlich: „Nahezu eine halbe Million Juden unter den Waffen. Juden gegen Inden fechtend. Zwei Millionen Juden in Polen und Galizien sind Bettler geworden, und Tausende wurden, darunter auch Nichtsoldateu, durch die einbrechenden Armeen getötet. Palästina ist vom Feinde besetzt (invaded), und der grausame Türke verspritzt all sein Gift (the cruel Turk is letting out all his venoni) gegen die armen Juden, indeur er ihre Heimstätten zerstört, alle Kolonien verwüstet und die Kolonisten vertreibt." Tie Mehrzahl „einbrechende Armeen" erweckt den Eindruck, daß die deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen friedliche Inden töteten. Dagegen genügt es, auf den Aufruf an die Juden Polens zu verweisen, der seitens der deutschen wie der österreichisch-ungarischen Obersten Heeresleitung gleich beim erstell Einrücken -in Polen Menschenrechte und Befreiung vom moskolnikischeu Joche verhieß. Und andererseits ist an die von den Russen noch in neuerer Zeit gegen die Inden verübten Greuel zu erinnern: der im deutschen Heere tätige Rabbiner Dr. Arthur Levy hat einen Teil dieser Schandtaten in zwei ergreifenden offenen Briefen an die Zeitschrift „American Hebr-ew" zu summengestell t. Und in diesen Tagen lasen wir mit Schaudern, daß die Russen (bei Nadworna in Galizien) ankündigteu, sie lvürden vor ihren Truppen 1500 verjagte jüdische Familien auf die gegnerische Armee treiben und sich selbst so gegen deren Kugeln zu sichern suchen! Und nun der Schlußsatz! Er ist eine von englischer Seite ansgesprengte Verleumdung. Ten Juden der Türkei, insbesondere den in Palästina wohnenden, ist nichts Böses geschehen. Das kann der amerikanische Botschafter in Konstantinopel bezeugen, Herr Atorgenthau, der, selbst Jude, gewiß ein unverdächtiger Zeuge ist. Die unmittelbar nach der Kriegserklärung der Türkei gegen den Dreiverband unter einem Teil der Juden Palästinas begreiflicherweise entstandene Aufregung und Angst hat bald ruhiger Stimmung Platz gemacht. Und die türkische Regierung hat sogar positive Beweise ihrer den Inden freundlichen Gesinnung gegeben. So hat sie den ausländischen Juden, zu denen besonders russische (und polnische) gehören, den Eintritt in den türkischen Untertanenverbaud erleichtert. Noch sei erwähnt, daß, während Rußland sich durch den Beilis-Prozeß von neuem geschändet hat, die gegen die Juden gerichtete „Blutbeschnldigung" seitens der türkischen Herrscher stets zurückgewiesen worden ist, so namentlich durch Soliman II. im 16. Jahrhundert und durch Abdul Medjid im Jahre 1840, vergleiche Nt. Franco, „Histoire des Israelites de FEmpire Ottoman", Paris 1897. 22 Berlin, 13. April. Die gegenwärtige Zeit, in der der Tod so viele junge Leben vernichtet, dürfte geeignet sein, das jüdische Publikum damit bekanntzumachen, daß in der „Jüdischen i! I