Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1915)
- Date
- 1915-04-16
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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.192 Kinder, jedes Acchzcn der Weiber war ein Stich ins Herz, war Aufbäumen der verbitterten Seele, war ein Aufschrei zu Gvtt. War ein Aufschrei 311 jenem großen alten Gvtt, der sie herausgesührt hat aus dem Lande Mizrajim in ein Land, drinnen Milch und Hvnig flvß; der, ihrer Sünden zürnend, sie hinausgestvßen in den Gvlus auf den Weg des Leides ... In der Nische des Tores war ein Weib zusammengesunken. Ein Mann stand daneben, hielt die Hände Vvrs Gesicht und weinte. Er war ein großer starker Mann, mit edlen Zügen und tiefschtvarzem Barte. Das Weib hielt auf seinem Schoße ein kleines Knäblcin, dessen Stinunchen im Lärm untersank. Es war ein wunderschönes, feines Kind; auf seinen Wangen brannten rote Fieberflecke. Die Frau beugte sich über ihm und sang mit schrnerzdurchbebter Stimme: Rosinkelach mit Mandeln, Das ist die beste Schauere - mein Tonale wird lernen Tanre. Taure wird er lernen, S'fvrim wird er schreiben, und a Jid, a Talmid-chochem, wird mein Sonale bleiben. Das Kind starb sichtlich in ihren Händen. Eine tiefe, unberechenbare Regung hingebenden Mitleides und überquellendcu Erbarmens ergriff Lessers Herz. Er sah auf das elende kleine Wesen und auf die unglücklichste aller Mütter, deren Seele mit der Seele ihres Kindes zu fliehen schien; sah auf das Neberinaß all des Elends, das er bisher kaum geahnt hatte, und eirx Weinen preßte seine Kehle zu. Und es war ihm, als fiele sein ganzes Leben ins Dunkle, als sei alles ausgelöscht, was ihn bisher erfüllte, alle Neigungen und Wünsche. Und er fühlte nur das eine - es rang übermächtig mit seiner Seele das Verlangen, zu helfen mit allen seinen Kräften, mit seinein Leibe und seinem jungen Leben. Er hätte aufschreien mögen vor Schiuerz, doch keinen Laut brachte er über die Lippen. Seine 'Augen brannten heiß und schmerzhaft; ihm war, als hätte er Blut genossen, als wäre er berauscht; er sah nichts als Nebel und Flecke. Er riß den Pelz von sich, kniete nieder in den nassen Schnee und bedeckte das fiebernde Kind. Mechanisch griff er zur Börse und legte sie auf den Schoß der Frau. Der Knabe sehlng die Augen auf, die blau waren wie die Bläue des Frühlingshimmels. Ter Tod saß darin lind grinste Mar Lesser an, der nun nussprang und im heißen Drange die Straße hinablief. Er lief immerzu, durch dunkle Gassen und über hellbelenchtete Plätze, lief immer weiter und rascher. Plötzlich, von seinen Kräften verlassen, hielt er an. Seine Beine zitterten vor übergroßer Schwäche, sein Kopf war schwer und dumpf vor verhaltenem Weinen. Er lehnte an einem Laternenpfahle, dessen flackerndes gelbes Licht die schmutzigen Fluten des Dvnaukanales bespielte. Es strich kalt und scharf vom Wasser her. Mar Lesser schauderte. Und dann war ihm, als erwache er aus einem schweren Traume. Der Druck war gewichen, sein Herzschlag ging ruhiger, nur eine tiefe Müdigkeit lag schwer auf ihm. Er sah erstaunt um sich. Kein Mensch ging in den schneeverwehten Gassen; ein einsamer Wachmann schritt schwer aufstampfend am Brückenköpfe auf und ab. Bon Zeit zu Zeit sah er mißtrauisch zu Mar herüber, der erst jetzt den Frost zu spüren begann. Die Hände in den Taschen ging er langsamen Schrittes über die Brücke die Straße hinab. Er erkannte den Schottenring, und die elterliche Wohnung befand sich in der Rathausstraße. So ging er unbekümmert weiter, gesenkten Hauptes und vor sich hinbrütend. Er fiel vielen auf, der junge Mann im eleganten, kotbespritzten Anzuge, der ohne Ueberrock und ohne Kopfbedeckung, jeder Eile bar, mit einem gewissen Schlendrian seines Weges ging. Als Max Lesser in die Rathausstraße einbvg, sah er das väterliche Automobil geräuschlos Heranrollen. Im geschlossenen Wagen saß lesend sein Vater, Herr Benjamin Lesse', der große Finanzier. Max drückte sich vorüber; auf seine Lippen lag ein hartes Lächeln. In der Vorhalle des elterliche Palais sank er ohnmächtig zusammen . . . Man hob ihn auf; Dienstmädchen eilten, Diener liefen ra los und verwirrt; man telephonierte dem Hausarzte und schickt einen Wagen zu einem bekannten Professor. Das ganze Hau tvar in wildem Aufruhr. Max Lesser lag in seinen Bett und fieberte. Seine schön Schwester neigte sich über ihn und strich seine heiße Stirne m ihrer kühlen zarten Hand. Der Kranke aber stieß sie wo, neigte den Oberkörper vor, hob die Atlasdecke und schri. „Helft Menschen . . . helft . . . der Tod!" Literarische Mitteilungen. Spinoz a. L e bens b e s ch re t b it n ge ll u 11 d G e s p >r ü ch Uebertragen nnd he rausgegeben von Karl Gebhardt. Der ..Philosoph scheu Bibliothek" Band 96b. Leipzig 1914. Verlag von Felix Meinei Brosch. 2,50 Mark, geb. 3 Mark. Spinozas B r i e f w e ch s e l. Uebertragen nnd mit Einleitung Anmerkungen und Register versehen von Karl Gebhardt. Der „Phile sophi schon Bibliothek" Band 96a. Leipzig 1914. Verlag von Feli Meiner. Brosch. 4 Mark, geb. 5 Mark. Die beiden Bücher über Spinoza können zusammen bespräche iverden, obwohl sie Verschiedenes enthalten. Gewiß bedarf es mu keiner Rechtfertigung, daß nur in diesem Blatte Spinozas gedenken denn wir dürfen, mag man auch neuerdings gegen seine Selbständig keit mancherlei Bedenken hegen, ihn einen Großen nennen und dürfe ihn trotz seines schließlichen Uebergangs als den unserigen bezeichne. Die Sammlung von Biographien und Urkunden ist sehr nützliä weil diese meist in fremden Sprachen geschrieben nnd daher de meisten Lesern unverständlich sind. Die Biographien sind dnrchan nicht lauter Lobpreisungen; am anziehendsten ist die von Colerin die bei allem Gegensatz gegen die Lehre des Weltweisen doch n ganzen seiner Persönlichkeit gerecht wird. Auch die Urkunden habe mannigfaches Interesse, zum Beispiel die Auszeichnungen über di Eltern, besonders die Grabstätten. Höchst interessant ist auch de Bann, der gegen Spinoza von der Amsterdamer Gemeinde am gesprochen wurde. Die Briefsammlung enthält mindestens ebensoviel Stücke an Spinvz ivie solche, die von ihm herrühren. Auch sie darf an dieser Stell erlvähnt werden, obgleich keine Briefe von Inden oder an Juden darunter sind. Die Hauptkorrespondenten sind vielmehr Deutsch, und Ausländer christlichen Glaubens, und zwar: Oldenburg, de Briee Meyer, Blhenbergh, Hudde, Jelles, Leibniz, Boxel, Tschirnhaus. Die Stellung Spinozas zum Judentum bildet keineswegs de- Hauptinhalt; die wenigen Stellen über Juden, die im Register ver zeichnet sind, rühren alle bis auf eine von anderen Korrespondent her. Die einzige Stelle, die von ihm herrührt, handelt über de Brief an die Korinther. Spinoza meint, die Argumente des Pauln seien mit leichter Mühe zu widerlegen, und fährt fort: „Ganz al gesehen davon, daß die Christen alles, was die Inden nach bei Fleische genommen, nach dem Geiste ausgelegt haben." Sehr merk würdig ist ferner seine Ausführung über Pharisäer (S. 287), lv von einem jüdischen Märtyrer folgendes erzählt wird: „Ich selb weiß unter anderem von einem gewissen Juda, genannt der Treu der mitten in den Flammen, als man ihn schon tot glaubte, ein Hymne zu singen begann: „Dir, Gott befehle ich meine Seele," im der so mitten im Gesang den Geist aufgab." Der Briefwechsel hat ein großes allgemeines Interesse. Natürln iverden in erster Linie philosophische Fragen behandelt, auch Pvli tisches kommt gelegentlich vor, zum Beispiel Seite 137. Besonder, wichtig ist jedoch das Menschliche, Spinozas freundschaftliche Beziehuu gen zu vielen trefflichen Männern; sein inneres Wesen wird au mannigfachen Aussprüchen klar. Sehr merkwürdig ist die Art und zugleich höchst würdig, wie er einem Gegner entgegentritt (S. 268 f.) Auch einzelne Züge aus seinem Leben, zum Beispiel ein Traum (S. 71 f.) sind ungemein merkwürdig. Beide Bücher sind vortrefflich gearbeitet; große Einleitungen, sehr ausführliche Anmerkungen und gut gearbeitete Register erleichtern die Benutzung. L. G.