Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1915)
- Date
- 1915-04-16
- Page
- Seite 191 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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191! i dicken Tropfen der Schweiß und von seinem Herzen das i /lut. Er klammerte sich an den Griff der Thora und ächzte l äglich. Plötzlich schien es ihm, als wenn sich im Tempel ein Sturm kr Empörung erheben würde. Fäuste ballten sich in der Luft, > utentbrannte Menschen ergreifen ihn, schütteln, zerren, stoßen! u und schreien: „Erünter fün Schülchn!"^) Daraufhin faßte er noch krampfhafter den Griff der Thora, v t läßt sich nicht davonjagen. Ist er da, so bleibt er da. Hochi; ütig warf er den Kopf in den Nacken und rief laut: „Borchü es Adanaj Hamwajrach."') Und je weiter er den Segen sprach, um so tiefer neigte sich >n Haupt, um so zitternder, um so demutsvoller, um so! ' Juchzender ward seine Stimme. Den Schluß hauchte er nur -on auf das Pergament hin, auf das gelbe Pergament, an das j i sich schmiegte, wie ein Kind sich an die Mutter schmiegt. j Dann wankte er hinunter.; Die Leute nickten ihm lächelnd zu: > „Eschkojech! Eschkojech!"') Doch er konnte die Begrüßung nicht erwidern. „Eraus!" flüsterte er dem Schames zu.! Der Schames führte ihn hinaus. Bei der Tür empfing ihn ainuel und lächelte ihm mit tränenvollen Augen zu. Doch als > in das veränderte Gesicht sah, erschrak er: „Gnädiger Herr! Um Gottes willen!" „Es geht zu Ende, Samuel ..." Samuel faßte ihn bei einem Arm, der Tempeldiener beim ideren, und so wurde er hinausgeführt. Draußen angekvmen, griff sich Littauer ans Herz, entglitt den Händen der : iden Männer und stürzte zu Boden. Im Tempel mochte man etwas bemerkt haben, denn die Äste der Versammelten strömte hinaus und umringte den! . kerbenden. j Samuel war neben Littauer hingesunken, hatte dessen Brust j i itblößt und rieb ihm die Herzgegend. Andere rieben ihm die " nlsadern an den Händen. Littauer atmete kaum mehr. Nur > ne Augen waren weit geöffnet, und seine Lippen zitterten. „Gnädiger Herr, gnädiger Herr!" jammerte Samuel Spitz. Littauer flüsterte etwas. Das war schon keine menschliche .. mache, doch Samuel verstand sie, neigte sich über den Ster-! : nden und begann zu sagen: „Uschamnu, bugadnu." Littauer sprach es ihm flüsternd nach, indem er halb die ngen schloß. Auf seinem Gesichte glätteten sich die Falten, i id von seiner Stirne leuchtete die ruhige Milde des Todes.! ,,E' gojssnt?"") fragte jemand. Samuel nickte bejahend. Erschüttert umstanden ihn die Leute. Einige murmelten | 1 ebete. Auf dem Tempeldache zwitscherten Sperlinge. Das waren c e Sterbepsalmen. Jemand rief laut: „Jetzt is'n de Neschume eweg."') „Burech Dajen eines", sagten die Leute. „Wvil is ehm ün! oil is der Neschume seine. Er is ewade e giter, schmeckediger , d gewen.") Das war die Leichenrede. Samuel blickte zum Himmel empor: „De host mit'n Rachmunes gehat,"") sprach er leise und t ückte sanft die gebrochenen Augen zu. '■■) Herunter vom Altäre! h Der einleitende Satz des Segens. •’’) Gott erhalte Euch in guter Gesundheit. *) Ist er in den letzten Zügen? ') Jetzt ist ihm die Seele entschwebt. s) Gesegnet sei der gerechte Richter. Wohl ist ihm, und wohl ist;ncv Seele. Er war gewiß ein lieber, guter Jude. ") Du hast dich seiner erbarmt. Junger Jude. Von I. Finger m a n n. ls Max Lester den Zirkus Busch verließ, gellte noch in seinen Ohren der Todesschrei des verunglückten Trapezkünstlers La Martinez. Und während er sich durch das Gedränge schob, manchmal von seinen Ellenbogen Gebrauch machend, sah sein geistiges Auge den herabsausenden Körper des unglücklichen Artisten, und er durchlebte noch einmal die blutige Szene, die sich ihm mit visionärer Gewalt aufdrängte. Es war dunkel geworden: eine frühe Winterdämmerung, die alles verhüllte und beschattete, grau in grau. Das Wetter war kalt und naß; der kotige Schnee zerrann unter den Füßen, sammelte sich in morastigen Pfützen und spritzte auf unter den Rädern dahinjagender Fiaker. Vom Volksprater her glänzten die roten Lichter der Schaubuden, und die Klänge ungezählter Drehorgeln, die ihre verbrauchten Schlager in den Abend hinausschmetterten und sich einander zu überbieten suchten, verschwammen zu einem Meer unartikulierter Töne, ohne Sinn und Klang. Aus dem dunklen Gewimmel von Buden, Schenken, Tanzlokalen und aus dem strömenden Menschenhaufen ragte in ruhiger Größe das Riesenrad, an dessen erzitternden, schneebereiften Stangen die winzigen, zuckenden Lichtchen der auf und nieder steigenden Waggons spielten ... Max Lester durchschritt den Stadtbahnviadukt. Eben lief ein Zug ein, der über seinem Kopfe hinwegdonnerte; doch er sah und hörte nichts, immer mehr in Gedanken versunken. Der Lärm wirkte einschläfernd auf ihn. Indem er sich dem Praterstern näherte, flössen alle Geräusche zu einer Schwingung zusammen, die er nicht hörte, nur fühlen zu glaubte, und sie schien ihm wie eine ferne Brandung. Sein Blick fiel aus das Gebäude der Nordbahn; es kam ihm wunderlich vor in seinem orientalischen Stil und symbolisch zugleich, wie eine Verheißung der Ferne. . . Er sah sich nach einem Einspänner um; auf dem nächsten Standplatze war keiner zu finden. „Bei dem grauslichen Wetter könnt' ma doppelt so viel' Wagen brauchen — 's ist halt a Kreuz, Euer Gnaden", beteuerte der Wüsterer, ein einbeiniger Invalide, indem er heftig an seiner kurzen Stummelpfeife sog. „Vielleicht drüben, bei der Nordbahn. Schamster Diener!" Max ließ einige Nickelstücke in die aufgehobene Rechte des dampfenden Alten gleiten, dann überquerte er die Straße, immer in Gefahr, von den zahllosen Wagen niedergestoßen zu werden, und kam glücklich aus die andere Seite. Vor dem Nordbahnhose herrschte reges Treiben. Ein Auswandererzug mußte eben eingetroffen sein, denn aus der mächtigen, rauchgeschwärzten Halle quoll ein unentwirrbarer Menschenstrom, der immer noch kein Ende nehmen wollte. Meist waren es Bauern aus Galizien, Ruthenen in weißen Schafpelzen, dicken Mützen und umgehängten Brotbeuteln. Sie waren alle mit Gepäck beladen, und Männer, Weiber und Kinder trugen auf dem Rücken mächtige Bündel. Dazu herrschte die Verwirrung Babels. Männer suchten ihre Familien, Mütter ihre Kinder, die wiederum weinend und ängstlich die Ihrigen suchten. Den Schluß des Zuges bildeten einige Judenfamilien. Max trat interessiert näher. Gebeugte Greise mit ehrwürdigen Bärten, gebrochene, verwelkte Frauen, zermürbte Männer, im Elend frühgereifte Knaben drängten sich da zusammen. Ihre notdürftige Bekleidung machte sie wehrlos gegen den Ansturm des Windes, der ihnen grausam den nassen Schnee ins Gesicht blies. Ein Kind schluchzte: „O Mama!", ein Säugling wimmerte, und die Männer standen statt, hilflos, erbarmungswürdig und sahen erschreckt auf die fremde Stadt, auf die fremden Menschen, die gleichgültig vorübergingen. Ihre erstarrten Finger konnten sich kaum vom Gepäck loslösen, und jeder Schrei der