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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-04-16 · Heft 16 (16.4.1915) · p. Seite 190

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 16 (16.4.1915)
Date
1915-04-16
Page
Seite 190 (sequence 10)
Language
German
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Artikel lieferte. Die von seinem Chef empfangene große journalistische Münze verstand Hahn meisterhaft in kleinem Gelbe unter die Leute zu bringen. Die „Provinzialkorrespvndenz" beeinflußte jahrzehntelang die öffentliche Meinung in Preußen, lind Bismarck war ihrem Schriftleiter allezeit für die gewandte Führung sehr dankbar. Wie mit Ludwig Bamberger, so war Bismarck Jahre hindurch mit Eduard Laster, einem der beredtesten Führer der nationalliberalen Partei im Parlament, befreundet. Er war ihm sehr dankbar, daß er lange ein warmer Fürsprecher der Sache der nationalen Einigung war. Als Laster jedoch im Februar 1873 über manche schwindelhaften Gründungen, namentlich über die Beteiligung des Geheimrats Hermann Wagener, des ersten Bortragenden Rates im Staatsministerium, an denselben, Aufsehen erregende Enthüllungen machte und später auch sonstige Regierungsvorschläge heftig angriff, wandte sich der Kanzler leider von ihm ab. Leider verfolgte ihn Bismarck mit seinem Haß selbst über das Grab hinaus. Bekanntlich beschloß das Repräsentantenhaus in Washington — Eduard Laster starb am 5. Januar 1884 in New Jork während eines Besuches in Nordamerika — für Lasker eine sein Andenken ehrende Resolution und übermittelte sie zur Abgabe im Reichstag dem Reichskanzler, der sie jedoch nicht annahm. Anläßlich eines parlamentarischen Diners im Februar 1873 kam es zur Aussprache zwischen Bismarck und Lasker, bei welchen: Anlaß der Kanzler dem „Helden des Tages" seinen Standpunkt in der Sache nicht verhehlte. „Aber ich habe doch Sie, Durchlaucht," bemerkte Lasker, „mit keinen: Wort angegriffen!" „Allerdings," erwiderte Bismarck, „aber Sie haben so nahe an mir vorbeigeschvssen, daß Sie mich bei einen: Haar getroffen hätten!" Doch gab es eine Periode im politischen Wirken Laskers, rvo der Kanzler es nicht ungern gesehen hätte, wenn der damalige Führer der nationalliberalen Partei in sein, des Ministers, Kabinett getreten wäre. Daß Bismarck viele Jahre hindurch mit der nationalliberalen Partei und deren namhaftesten und hervorragendsten parlamentarischen Vertretern, wie Ludwig Bamberger und Eduard Lasker, zusammenarbeitete und ihnen seine volle Sympathie zuwandte, erregte begreiflicherweise den heftigsten Zorn der Stockkonservativen und der Antisemiten. Doch imponierte dem Staatsmann das Jndianergeheul derselben nie und nimmer, und auch ihre Wühlereien vermochten nicht, ihn in seinen Entschlüssen irgendwie zu beeinflussen. Auf den Parlamentssoireen des Kanzlers erschienen wiederholt Abgeordnete jüdischer Konfession, so zum Beispiel die Herren Dr. Horwitz, Löwen st ein und andere, die sich zur freisinnigen Partei bekannten. Obschon diese in politischer Beziehung sich keineswegs auf dem Standpunkt ihres Gastgebers befanden, ihm vielmehr im Parlament wiederholt Opposition machten, fühlten sie sich doch von der Überwältigendei: Persönlichkeit des Ministerpräsidenten angezogen, und geivährte ihnen der gesellschaftliche Verkehr mit ihm eine wahre Freude. Die anregende Unterhaltung und die fesselnden Debatten bei derartigen parlamentarischen Soireen konnten nur dazu beitragen, den etwa noch vorhandenen scharfen Gegensätzen in konfessioneller Beziehung die Spitze zu nehmen. Der im Parlament so oft durch sein schroffes, rücksichtsloses Auftreten provozierende Staatsmann, der seine Gegner in Helle Wut zu versetzen vermochte, war hier in der Gesellschaft eine höchst gewinnende und versöhnliche Erscheinung. In zwanglosen Gesprächen mit den genannten Abgeordneten und deren Gesinnungs- und Parteigenossen sagte er, wie befriedigt und glücklich er darüber sei, daß er sich hier unbelästigt und ungestört zurückzichen und Mensch unter Menschen sein könne. Er fühle sich hier ebenso wohl, wie zum Beispiel auf seinen Gute Varzin, wo er meilenweit allein und oft ungekann spazierengehen könne. Daß es eine Zeit gab, wo Bismarck, vor die Alternativ gestellt, sich für einen Fortschrittsmann oder für einen Sozia! demokraten zu entscheiden, für den letzteren eintrat, selbst wenn er ein Jude war, beweist seine Zustimmung zu der Wahl de Sozialdemokraten Adolf Sabor, eines jüdischen Lehrer in Frankfurt a. M., im Jahre 1884. Bei einer Wahl zu: Reichstag für Frankfurt a. M. kam es im genannten Jahre z: einer Stichwahl zwischen Dr. Lucius und Adolf Sabor. V: der Stichwahl erhielt eine namhafte Persönlichkeit in Frau furt ein Telegramm: „Fürst wünscht Sabor." Diese Tatsack ist vor der Wahl und seit jener Zeit unter den Angehörige i aller Parteien Frankfurts oft besprochen, auch im Reichsta; erwähnt, aber niemals in Abrede gestellt worden. Die Wirkun blieb auch nicht aus; denn Sabor wurde in den Reichstag gl wählt. Dieser wunderliche Abgeordnete ist berühmt geworde durch sein geflügeltes Wort: „Das läßt tief blicken." (Schluß folgt.) Der nme Christ. Roman von Peter Ujväri. Uebersetzt von Rosa Trencseni. lSchlntz.) n der Mitte des Tempels, auf dem Almemor, wo der Bo: » beter aus der Thora den Wochenabschnitt vorlas, rie man schmetternd seinen Namen aus. AlsobdiePosaui: des jüngsten Gerichts ertönt wäre. Man rief ihn. Ihn, den Al trünnigen. den Verleugner, den Treulosen zitiert man vor d> Heilige Schrift, damit er sein Glaubensbekenntnis ablege uu den Segen spreche, daß er als Sohn des auserwählten Volke geboren wurde. Er hätte gern laut aufgeschrien und durfte e nicht, er wäre gern geflohen und konnte es nicht — sein Glieder waren wie zu Stein erstarrt, wie gelähmt. EMio vermochte er mit schwerer Mühe seine Hände aus dem Talli hervorzustecken und tastete mit ihnen nach rechts und link- Er suchte Samuel, von ihm Hilfe erwartend. Samuel, von tiefem Erbarmen ergriffen, neigte seinem Kopf auf das Betpult und wimmerte flehend: „Los'n nischt zu Büsches wern, Rebojne schel Ojlem. Hu mit'n Rachmunes, nor e bißl Rachmunes."') Die Leute wurden stutzig. Was ist das? Warum leistet de Ojrech dem Rufe keine Folge? ,,E' drimmelt"?) sagte einer. Nun, möglich, daß er schlummert. Die Nachbarn stieße ihn an. Littauer fühlte ein brennendes Weh in: Herzen; ai liebsten wäre er auf die Steinfliesen hingesunken und dort n gungslos liegen geblieben. Aber sein Instinkt sagte ihm, daß e hinaufgehen müsse, und koste es ihm auch das Leben. Er nah: seine ganze Kraft zusammen, erhob sich und ging langsam wankend auf den Almemor. Der Gabbe nahm das Mäntelchen von der Thora ab, de Vorbeter öffnet die Rolle, und Littauer nahm die Zizes in sein zitternden Hände, paßte dieselben den Buchstaben der Heilige! Schrift an und küßte sie. Dann wollte er den Segen spreche: doch vermochte er nicht den Mund zu öffnen, als ob ihm di Zähne aneinandergewachsen wären. Von seiner Stirne perlt h Herr der Welt, lasse ihn nicht beschämt werden! Habe Mitle: mit ihm, nur ein wenig Mitleid. h Er schlummert.

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