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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-04-16 · Heft 16 (16.4.1915) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 16 (16.4.1915)
Date
1915-04-16
Page
Seite 188 (sequence 8)
Language
German
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188 der Literatur zur Geltung gekommen. Nicht nur in der Belletristik, wo man aus K. E. Franzos' meisterlichen galizischpodolischen Judennovellen, ferner ans den Erzählungen des hochbejahrt (geboren 19. August 1827) noch vor kurzer Zeit in Teplitz lebenden Brvdyers Leo Herzberg-Fränkel — er war, nach längerer journalistischer und publizistischer Tätigkeit, 1854 bis 1896 Sekretär der k. k. Handels- und Gewerbekammer in seiner Baterstadt und veröffentlichte „Bilder aus Rußland und Bessarabien" (1849), „Polnische Juden", Geschichten und Bilder (1866), „Geheime Wege", Erzählung (1895), — einigermaßen Einblick in das ganz abgerundete Milieu jener großenteils großkaufmännischen Judenschaft gewinnt. Es fehlt eben eine unmittelbare Darstellung der wirklich abnormen gesellschaftlichen Verhältnisse des alten Brodh, d. h. der von der qualitativ wie quantitativ weit überwiegenden Nachkommenschaft einer starken Judeneinwanderung „aus dem Reich", d. i. aus Süddeutschland, beherrschten Freistadt während der ersten drei Fünftel des vorigen Jahrhunderts. Aus drei Gründen hebe ich dies hier nachdrücklich hervor. Einmal, weil sich so selten die Gelegenheit bietet, das Ungerechte, ja Unzulässige des Mitleids, um nicht zu sagen der Mißachtung zu tadeln, mit denen sehr viele „deutsche Juden" ans die sogenannten „polnischen" Brvdher und deren — jetzt freilich nach dem Wegzuge aller irgend etwas vorstellenden jüdischen Bewohner sozusagen verfallenen Heimat herabznsehen belieben. Zweitens, weil das Thema, die alte Brvdher deutsch-jüdische Sphäre mit der Feder festzuhalten, eine Aufgabe, wenn nicht Pflicht der jüdischen lind der deutschen Kulturgeschichte wäre. Man höre nur, daß bis vor einem Vierteljahrhlindert Brodh, als größte und wichtigste Stadt nach dem pvlnisch-ruthenischen Lemberg, der Landeshauptstadt, und dem allpvlnischen heiligeil Krakau, der Krönungs- und alten Reichshauptstadt, allein alls dem ganzen Osten der Monarchie durch d e il t s ch e Abgeordnete im österreichischen Reichsrat zu Wien vertreten war: zivei Mitglieder der ersten Fainilie der Stadt, Meyer Edler und Ritter v. Kallir und dessen Nathan, sowie ein Mitglied einer den Kallirs nahverwandten, hochangeseheiren und geistig ungemein rührigen Familie, den Advokaten Tr. F. L a n d a u. Und drittens betonte ich im November 1912 das Bemerkenswerte dieser Stellung Brodys deswegeii, iveil kaum jemand berufener und schriftstellerisch geeigneter dafür sein dürfte, den vielseitigen und doch so individuell festgeprügten Charakter Brodys zu verewigen, als unser damaliger Dreivierteljahrhnndert-Jubilar, Dr. Markus Landau in Wien. In der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" sind dann zu Ende 1912 einige besonders bezeichnende Abschnitte aus M. Landaus handschriftlich längst abgeschlossenen „Lebenserinnerungen" erschienen, die eben seine in Brodh verbrachten ersten 42 Jahre umfassen, nachdem bereits mehrere Jahre früher in der „Beilage zur Allgemeinen Zeitung" und in Dr. Blochs „Oesterreichischer Wochenschrift" einige Kapitel zum Abdruck gelangt waren. Leider ruht vorläufig im übrigen dieser wohl einzige Belag Brvdher „Memoiren" ungedruckt im Schreibpult und harrt noch der Auferstehung, um ihre Fülle packender Abschilderung jenes bunten deutschjüdischen (viel mehr als jüdisch-deutschen) Lebens am Rande des gewissermaßen noch morgenländischen Wolhynien mit naturgetreuer Kleinmalerei auf völkerpshchologisch, ja auch bloß lediglich empfängliche Leser, und zwar nicht etwa allein auf jüdische, wirken zu lassen. Jedenfalls zeigt schon der Inhalt dieser bisher hervorgetretenen Stimmungsbilder aus der Jugend, das ist aus der Zeit, da Brodh blühte und gleichsam den Ton angab in Handel und Wandel unter den Juden der ganzen weiten Sphäre des verflossenen Polenstaates, Landaus hervorragende Fähigkeit, die besonders im Bildungswesen mannigfach einzigartigen Zustände greifbar zu umspannen, mit erprobter Menj schenkenntnis und Humor. Vielleicht würde es zur Ueberzei , gung von der erstaunlichen Höhe, welche deutsche Bildung bei; klassischen Periode in jener galizischen Grenzwarte Oesterreich;! erlangt hatte, beinahe genügen, wenn man Dr. M. Landau I dort genossenen Unterricht verfolgt. Genoß er ja alle Bi-; dungSmöglichkeiten auf jüdisch-religiösem wie deutsch-schu! l schein Gebiete, welche die wohlhabenderen strebsamen jüdische >! Familien Brodys sich geschaffen hatten. Er besuchte d! deutsche Real- bzw. Handelsschule, wo er auch, wenigsten. , rein formell, die Grundlage zum späteren außerordentliche,,? ja autoritativen Wissen im italienischen Schrifttum gewan,.! Danach Kaufmann geworden und bis in seine Vierziger hinein j geblieben, fußte M. Landau trotzdem für seine glänzend ll.-! währte wissenschaftliche literar- und kulturhistorische Wirksau - , keit ausschließlich auf den Lehrstunden jener deutschjüdischen j Realschule, deren Erbschaft er freilich dann eifrigst weiter au. i gebaut hat. Vielfach launig, versetzen seine Schilderungen au - \ den Knabenjahren ihn und uns in seine Schulerlebnisse zurü, j Ich könnte aus persönlicher Erfahrung noch viele Ai i brvdher Kaufleute unscheinbaren Auftretens anführen, dere,! vortreffliche Verstandes- und Geistesbildung dort erworbc > i war und sich dann draußen zu schier musterhafter Mensche: und Weltbildung erweitern konnte. Allerdings, und das i , eben das Entscheidende, mit der Fortwanderung fast ctlh. bessergestellten jüdischen Familien nach der Reichshauptstac: Wien und nach Norddeutschland, besonders nach dem alte; Geschäftsreiseziel der Brvdher Blessebesucher, Leipzig, in dessen jüdischer Gemeinde bis vor einem Menschenalter die Brodh, bei iveitem überwvgen, ging seit rund 1860 jene Wertschätzun > und Pflege deutscher Kultur merklich zurück, und als nun gor iin Jahre 1860 mit der Aufhebung der gerade vor eine,; Jahrhundert durch den edlen Menschenfreund und Jude, schützer Kaiser Josef II. verliehenen Würde als „freie Handelsstadt" der früher höchst beträchtliche Transithandel imm, mehr verfiel, unterlag das eigentlich nur durch die Judeuscha verkörperte deutsche Wesen dem Polonismus rasch. Do- Schulwesen wurde ebenso polonisiert wie gleichzeitig die beide, bisher deutschen Landesuniversitäten Lemberg und Krakau, und ans die genannten deutschen Abgeordneten zum Wien, Reichsrat folgten nun Stockpolen, zuerst ein Christ mit bei.; deutschen Namen Otto Hausner, darauf der Jude Dr. By Sv streifte Brodh ziemlich schnell mit seinem erblassende , Range als führender Handelsplatz — die neueste Auflage vo; Brockhaus' Konversationslexikon beläßt ihr diesen übrige» noch, während das Meyersche mit „immerhin ist der Hand,, noch ziemlich bedeutend" eher das Richtige trifft — auch feil. Stellung als Vorposten und eine Oase deutscher Kultur am jüdischem Boden am Eingang zu Europas Halbasien ab. Un' wenn der Brody-Artikel bei Brockhaus auch die heutige,; zwei Dritteln israelitische Einwohnerschaft als „meist deutsch bezeichnet, so darf man dies nun nicht mehr als deutsc jüdisch, wie ehemals, sondern nur noch als jüdisch-deuts i anffassen. Der russische Vandalismus aber wird sich aus sein, r Beobachtung der Millionen „lieber Juden" unter den wesz lichen Untertanen des Zaren recht wohl bewußt gewesen sei-', , daß er nicht nur der aufs ärgste gepeinigten Bevölkeren 1 mosaischen Bekenntnisses, sondern der verhaßten deutsch, >! Sprache und Zivilisation den fühlbarsten Schlag versetzte, am j er soeben in Brodh die Häuser ihrer jahrhundertelang um' schütterlichen Pioniere den fressenden Flammen preisgab. Kerlnn und seine Juden. ie Besetzung der Provinz Aserbeidschan durch du' Türken macht in Europa wieder aus das Schicksal de, jüdischen Bevölkerung Irans aufmerksam. Wie immer diese, Weltkrieg ausgehen mag, die inneren Verhältnisse Persiem

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