Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1915)
- Date
- 1915-04-16
- Page
- Seite 187 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229194--71249-3283578- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
18- N,s er bald zu hoher Blüte brachte. Weitsichtig, verstand er r, die im modernen Dessau stark wachsende Industrie zu > lterstützen, und wechselzeitig kamen seine Erfahrungen dem ( Leihen seines Geschäfts zugute. Sein verdienstvolles Wirken c. kannte die Bürgerschaft an, als sie ihn als Stadtverordneten > das Stadtparlament entsandte, ein Amt, welches er Pflichti at und in hohem Ansehen als Finanzsachverständiger , hend verwaltete, dann aber seines Alters halber nicht mehr I,: nehmen zu dürfen meinte. Ueber der Sorge für das Gei ,äft vergaß er nicht eifriger und gesegneter Tätigkeit für die I ossauer jüdische Gemeinde. Die Gemeinde hatte das Unglück, k iß seine kräftigsten Steuerzahler wie aus so vielen anderen > nnen Gemeinden ständig nach Berlin sich abwandten und i den Zurückbleibenden überließen, die Aufgaben der Ge- , einde so gut wie möglich zu erfüllen. Mängel waren in der ~ rwaltung der Gemeinde eingerissen, die dahin geführt i itten, daß Tempelgut der Gemeinde verloren ging, daß Las ' 'Pital der Gemeindestiftungen erschöpft wurde. Mit fester > >.d starker Hand griff Sonnenthal, der kurz nach seiner Ueberr :hme des väterlichen Geschäfts zum Repräsentanten und vor . ehr als fünfundzwanzig Jahren zum Vorsteher gewählt , nrde, in die schlechte Wirtschaft ein. Durch sparsame Verrückung schaffte er die verlorenen Kapitalien zurück, und ' ußte mit Anstand allen Aufgaben des Kultus zu genügen.?iner Arbeit ist es zu verdanken, wenn die damals arm ge-; ordene Dessauer Gemeinde über die böse Zeit hinwegkam >d befähigt wurde, in glücklicheren Jahren die Verwaltung c r reichen, mehr als fünf Millionen Mark betragenden Mittel i t Stiftung der Baronin v. Cohn-Oppenheim zu übernehmen, vor mehr wie zehn Jahren die Stiftung ins Leben trat, > vernahm Sonnenthal die Leitung und wußte sie durch Fähri hielten der Neugründung zu Ansehen und Erfolg auf weiten > obieten der Liebestätigkeit zu führen. Nicht zuletzt nützte er e r Gemeinde dadurch, daß er es verstand, junge Kräfte sich; Helfern zu gewinnen und eine glückliche Mischung von alten i id jungen Kräften in den Personen der leitenden Männer rbeizusühren. Gestützt aus das einmütige Vertrauen der Geu eindemitglieder, das ihm nur wenige Parteifanatiker ver-! gen, hat er trotz der schweren Zeit, in der wir leben, sich nicht scheut, im Kriegsjahre die Mühen und Schwierigkeiten einer Satzungsänderung auf sich zu nehmen, welche er jetzt glücklich i wchgeführt, und mit der er die Unabhängigkeit der Stiftung g genüber Interessenten sichergestellt hat. So erscheint nicht z letzt durch seine Lebensarbeit die Zukunft der durch die < üftungstätigkeit mit in den Mittelpunkt des deutschen s identums gestellten altehrwürdigen Dessauer jüdischen Ge- * inde gesichert. Ein selten glückliches Familienleben gab Gell unrat Sonnenthal die Kraft zu seiner nicht immer leichten ' beit. In jungen Jahren verheiratet mit Adele Lippmann, c -er Angehörigen der im deutschen Judentum bekannten und lj chgeehrten Aachener Familie Lippmann, hat er in des v iuses Frieden Erholung von den Stürmen geschäftlicher und ü neindlicher Tätigkeit gefunden. Die Göttin der Musik hat Heim an seinem Herde, und neben treuer Pflege der heranb ihenden Kinder widmete die Hausfrau der Pflege der Kunst il e Muße. Hochgeachtet und geehrt,' anerkannt auch vom - ndesherrn, der ihm hohe Titel und Orden verliehen hat, '• reitet der Geheime Kommerzienrat Hugo Sonnenthal, der i> ngst das siebente Jahrzehnt seines Lebens vollendet hat, rüstig dem achten entgegen. Möge ihn ein gütiges Schicksal r Defsauer Gemeinde, dem deutschen Judentum und seinen Zahlreichen Freunden noch lange Jahre in bester Gesundheit Und in ungetrübtem Familienglück erhalten! ** Bas lEnür des Milchen Lrody . Bon L. fl r a n k e l. Unter all dem Furchtbaren, was der Weltkrieg seit August 1914 an Leistungen brutalster Unkultur mit sich gebracht hat, stehen die „Taten russischer Barbarei ja entschieden im Vordergründe. Wer, wenigstens welcher Kenner der seltsamen westöstlichen Zustände jener Gegenden, die ihr unvergeßlicher Schilderer, Karl Emil Franzos, dort in doppeltem Sinn 511 Hause, als „Halbasien" klassisch abgespiegelt hat, hätte seit Rußlands Kriegszustand gegenüber dem Deutschen Reiche und Oesterreich-Ungarn daran gezweifelt, daß die panslawistischcu „Kulturträger" in erster Linie an den Hunderttaufenden armseliger Juden im ehemaligen Königreich Polen, gleichgültig, ob russischer oder österreichischer Staatsangehörigkeit, ihr Mütchen kühlen würden. So wimmelt denn auch die tägliche Chronik der kriegerischen Ereignisse namentlich aus dem kampfdurchtobten unglücklichen Galizien von Schrecknissen entsetzlichster Art, die ein überaus krasses Bild der Drangsale der kleinen jüdischen Bevölkerung liefern. Was z. B. der allbekannte, lebhafte Photograph verschiedenster sozialer Verhältnisse aus der östlichen Hälfte der Habsburger Monarchie, Roda Roda, in seiner Eigenschaft als Kriegsberichterstatter der Wiener „Neuen Freien Presse", jüngst nach der russischen Räumung des monatelang besetzt gewesenen Kolomea an solchen Schaudertaten verläßlich erzählte, bildet bloß ein einzelnes Blatt im dicken Schuldbuch der moskowitischcn Menschenschinderei, die oft unmittelbar ans Viehische grenzt und so ganz wortwörtlich als „unmenschlich" gebrandmarkt werden muß. Und nun meldet uns ein Krakauer Privattelegramm vom 23. März (abgedruckt in den „Münchener Neuesten "Nachrichten" Nr. 152), das die Zensur passiert hat, am Ende erner längeren Angabe über das Wüten der russischen Heeresleitung gegen die polnischen Legionäre knapp und nüchtern: „In Brvdy wurden sämtliche jüdische Häuser niedergebrannt." Genug Israeliten auf dem ganzen Erdenrund können die Tragiveite dieser unscheinbaren Nachricht ermessen. Denn es gibt wohl nirgends in der Alten oder der Neuen Welt, soweit Leute jüdischen Ursprungs irgendwelche Aufmerksamkeit der jahrhundertelangen Bedeutung jener russisch-polnischen Mehrheit der gesamten Judenheit schenken, einen heute erwachsenen Menschen, an dessen Ohr nicht wiederholt der Name dieser vielleicht einzigen bemerkenswerten „Jndenstadt" der Erde geklungen wäre: dieser Judenstadt, der eben als solcher Geltung und Bedeutung zukam und in gewissem Sinne bisher noch zukommt. Vor bald 2X> Jahren, anläßlich des 75. Geburtstage» eines der geistig hervorragenden Söhne Brodhs, Markus Landaus, habe ich versucht, das sicherlich kulturhistorisch fesselnde Wesen dieser in ihrer Blütezeit wohl relativ größten Judenstadt außerhalb des eigentlichen Osteuropa, unmittelbar au Oesterreichs Grenze gegen Rußland, festzuhalten. Ich bediene mich heute in Kürze der hauptsächlichsten meiner damaligen Ausführungen. Der handelspolitische und volkswirtschaftliche Rang dieser in M. Landaus Jugend vor dem „tollen Jahr" 1848 und dann noch bis ins dritte Viertel des 19. Jahrhunderts überaus wichtigen Handels- und Grenzverkehrsstadt, die auf ihrem Höhepunkte über 40 000 Einwohner, davon gut drei Viertel Juden, zählte, sodann die ganz eigenartige ökonomische und soziale Stellung dieser Brodyer jüdischen Kaufmannschaft ist leider noch nie und nirgends einigermaßen sachgemäß in h Dieser Aufsatz, unmittelbar nach dem bezüglichen traurigen Ereignis geschrieben und am 27. März an uns abgesandt, gelangte in unseren Besitz infolge postalischer Unregelmäßigkeiten erst nach über einer Woche, erscheint daher leider etwas später. Die Redaktion.