Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1915)
- Date
- 1915-04-16
- Page
- Seite 183 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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183 texejews direkt gegen den Willen des Aaren erfolgt sein muß, wird ,r jeden, der die Skandalgeschichte Rußlands der letzten zehn Jahre mit, vollkommen klar sein. General Alexejew spielte in der Gerichte des russisch-japanischen Krieges eine so üble Rolle, daß der ar sich gezwungen sah, «ihn auf den völlig belanglosen Posten eines enators von Kiew zu versetzen. In dieser politisch nicht sehr wich-- gen Stellung hatte er es allerdings verstanden, in dem Beilisrozeß hinter den Kulissen als einer der rücksichtslosen Vertreter der chtrussischen-Leute-Politik mit allen unerlaubten Mitteln zu arbeiten, ie unerhörte Maßregelung aller Sachverständigen und der Veridiger in diesem Prozesse ist Alexejew zuzuschreiben. Auf sein Bereden hin ist der Staatsanwalt in diesem Prozesse, der sich an geistigen Anschuldigungen und unglaublichen Verdächtigungen der wischen Bevölkerung Kiews nicht genug tun konnte, in den obersten erichtshof nach Petersburg in eine bevorzugte Stellung berufen orden. * Unter der Ueberschrift „Der neue Vater der Lüge über die isischen Pogrome" bringen die „Münchener Neuesten Nachchten" in der Nummer vom 8. April folgenden interessanten rtikel: Der Ruhm der verflossenen russischen Gesandten in Konstantinopel, gnatiew, läßt den jetzigen russischen Munster des Aeußern, Herrn asouow, nichc schlafen. Was bedeuten die kleinen Lügen des von den Mohammedanern so treffend gekennzeichneten „Vaters der Lüge" gegen asonows eiserne Stirn, der in der Dumasitzung vom 9. Februar dieses ahres konstatierte, daß, wenn die Juden in dem von dem Kriege beofsenen Gebiete hätten leiden müssen, dies in keinem größeren Maßrbe sich ereignet hätte, als es auch bei der christlichen Bevölkerung der all war! Der neue „Vater der Lüge" erklärte denn auch kaltblütig, daß mr bösartige Erfindungen der Deutschen den Russen die Pogrome an- .wichtet" hätten. Englische Apologeten der russischen Regierung haben mm, bewußt oder unbewußt, Sasonows Konstatierung als uneraütterliche Tatsache anerkennen wollen. Aber selbst in England haben die russischen Lügen nicht durchaus rfangen können, und ein am 18. März im „Labour Leader" in London röffentlichter Aufsatz „Haben in Rußland Pogrome stattgefunden?" schäftigt sich mit der russischen Regierungslüge. Einiges daraus sei; dieser Stelle wiederholt: „Trotz Sasonows Ableugnungen sind die Pogrome und namentlich e Austreibungen ganzer jüdischer Gemeinden durch russische Behörden :s einer großen Anzahl Städte, Austreibungen, die in ihrer Brutalit mit den Martern der Inquisition wetteifern, durch zahlreiche und ständig wachsende Beweisstücke, welche in der russischen Presse ver- 'entlicht werden, bestätigt. Eine ganze Lawine authentisch bestätigter nächte ist so unwiderstehlich in ihrem Laus, daß es selbst der russischen ilitärischen Zensur unmöglich ist, die Tatsachen in Abrede stellen zu ollen. Diese Tatsachen, welche den Vorhang, der die Tragödie der . uden in Polen verhüllt, nur ganz wenig lüften, genügen aber vollmdig, um das Gewissen der Menschheit erschauern zu machen, obwohl s inenschliche Gemeinschastsgefühl durch die Brutalitäten des jetzigen ' Reges so schwer gelitten hat." Der Aussatz im „Labour Leader" zitiert des weiteren, um die Beraenheit von Sasonows feierlicher Erklärung zu beleuchten, eine Reihe rakteristischer Aufsätze und Berichte aus den russischen Zeitungen Wwh Woschod" und „Rasßwjet" vom vorigen und diesem Jahre, die Petersburg unter den Augen der militärischen Zensur erscheinen. Da ist zunächst ein Interview mit den Dumamitgliedern Keineß d Januschkewitsch Zitiert, die eine ganze Anzahl von Städten in dem - ui Kriege heimgesuchten Gebiete besucht haben: „Die Juden in all l sen Plätzen leben in Schrecken und Angst vor den Terrorisierungen. ' r kleinste Anlaß kann einen Pogrom Hervorrufen, deren schon eine ' oße Anzahl stattgefunden hat. Die Juden sind faktisch einer Will-! 'Herrschaft ausgeliefert, die bereits entsetzliche Resultate hervorl rufen hat. Zu Jurburg sind fast sämtliche jüdischen Häuser und v den geplündert worden, obwohl die russischen Soldaten den wärmsten npfang von den Juden erhalten und diese ihr letztes Stück Brot mit - ren geteilt haben." Ein Leitartikel der „Nowy Woschod" gibt einen Ueberblick über die :: den sechs Kriegsmonaten den Juden widerfahrenen Schicksale und ' gt u. a.: „Hunderte von unschuldigen Juden sind zum Tode verrusst, Zehntausende von ihren Geburtsstätten verjagt worden; zahlreiche Pogrome haben stattgefunden, und, was noch schlimmer ist, eine dicke Pogromatmosphäre ist geschaffen . . . (hier waltete dann der Zensor). Und in all dieser Zeit floß das jüdische Blut täglich auf den Schlachtfeldern in Strömen, und Hunderte und Tausende von Juden haben all ihre Habe verloren, da sie mitten in den schlachtendurchtobteu Gebieten ihren Wohnsitz hatten." Ein jüdischer Soldat in der russischen, in Polen kämpfenden Armee schreibt: „Es sind nun drei Monate, seit wir in Polen hin und her marschieren. In all dieser Zeit habe ich den Jammer und die Tränen, das Leid und die Verzweiflung der jüdischen Bevölkerung gesehen, die zu unfaßbarem Unglück verdammt ist. Aber die größte Bitternis ist für sie, daß diejenigen, die sie verteidigen sollten, sie am härtesten schlagen. All ihre Hoffnung setzten sie auf uns, die russischen Soldaten. Hier in Polen hörten wir zuerst das Heulen dieser menschlichen Schakale. Phantastische Geschichten jüdischer Spionage wurden uns erzählt, die Pogrome wurden öfsentlicht gepredigt." Das „Lodzer Tageblatt", ein vor der deutschen Okkupation in jiddischer Sprache unter der Zensur der russischen Militärbehörden Veröffentlichtes Organ, schreibt von anhaltenden Plünderungen durch die aus Tagedieben und halbreifen Burschen bestehende Menge in den Tagen vom 27. bis 30. Oktober; aber das Gemälde dieser Pogrome erbleicht vor den allein und ausschließlich gegen die Inden gerichteten Austreibungen aus Grodzisk, Skiernennee, Nowo-Alerandria, Irena, Kozienice, Mstcholova, Sochaczew, Lowicz, Gvra Kalwarja, Jwangorod und anderen Plätzen. „Rasßwjet" schreibt: „Am Abend des 29. Oktober wurde unter Trommelschlag das Dekret ansgerufen, daß die Inden Skiernewice und seine Umgebungen zu verlassen hätten. Repräsentanten der Inden wurden erst am 30. Oktober bei dem Kommandanten vorgelassen. Er sagte ihnen, daß er nicht imstande sei, etwas für sie zu tun. Andere Autoritäten aufzusuchen, war keine Zeit mehr, da der Befehl lautete, daß, wer nach 4 Ilhr noch in der Stadt oder Umgebung weile, den Kriegsgerichten übergeben werde. So begann der Exodus: Männer und Frauen, alt und jung, Kinder bis zu den Säuglingen mußten die Stadt verlassen. Keine Erleichterung wurde ihnen gewährt. All ihr Gut mußten sie zurücklassen, und sofort nach ihrem Ansmarsch begann die Plünderung durch die zurückgebliebenen Russen. Tie Auswanderer zogen in langer Reihe auf der Landstraße hin. Als sie die Stadt Bolimow erreichten, wo sie die Rächt znbringen wollten, wurde es ihnen nicht erlaubt. Die ganze Rächt mußten sie wandern. Das Jammern der Weiber, das Weinen der Kinder, das Schluchzen der Männer erfüllten die Lust." Das sind die Tatsachen, die russische Zeitungen unter den Angen der russischen Zensoren veröffentlichen konnten und die Herr Sasonow glattweg ableugnete! Der Aufsatz des „Labour Leader" schließt mit einer interessanten Erörterung über die antisemitische Politik der russischen Regierung, die er allein für diese Schrecken verantwortlich macht. Einzelne Veranstalter der vergangenen Pogrome hat man pro forma vor Gericht gebracht; aber der Zar hat sie begnadigt. Vor dem Kriege hat Purischkewitsch offen in der Dumasitzung festgestellt, daß die Presse der „Schwarzen Hundert" von der russischen Regierung subventioniert ist: anderseits sind diejenigen Leute, welche den verderblichen Einfluß der Reaktion wohl bekämpfen könnten, durch das autokratische Regime an Händen und Füßen gebunden. In Polen hat die Regierung eine Politik der Unterdrückung gegen die polnischen Demokraten und sozialistischen Elemente befolgt und damit den mächtigen Einfluß hervorgerufen und gezeitigt, den die reaktionäre antisemitische Partei der Rarodowa Demokratia, an deren Spitze Roman Tmovskh sieht, über die Polen ansübt. Daß die russische Negierung ganz allein für den tiefen Antagonismus zwischen Polen und Juden in Russisch-Polen verantwortlich ist, geht schon daraus hervor, daß man bcnfclbcn in Oesterreichisch-Polen nicht kennt. Die Rarodowa Temokratia ist die stärkste und bestorganisierte Partei in Russisch-Polen; sie führt seit 1905 die antisemitische Propaganda auf ihrer Fahne, und auch der Ausbruch des Krieges hat in ihrer Politik nichts geändert; im Gegenteil, sie treibt in ihrem Warschauer Organ, der „Gazeta Poranna", die wüsteste antifemitsche Agitation. So ist denn durch das Zusammenarbeiten der russischen und der polnischen antisemitischen Elemente in diesem Krieg die Position der Juden in Polen eine sich lang hinziehende Agonie geworden. Namentlich die Erfindungen über Verrat der Inden zugunsten der nnrückenden deutschen Heere haben eine schreckliche Wirkung ausgeübt. Infolge solcher absurden Beschuldigungen haben die militärischen Autoritäten hunderte unschuldiger Juden, darunter mehrere hervorragende Schriftgelehrte, aufhängen lassen. Die Brutalität der antisemitischen militärischen