Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1915)
- Date
- 1915-04-09
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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179 «LZ Der nrue Christ. Roman von Peter Ujväri. Uebersetzt von Rosa Trencsäni.s (Fortsetzung.) ©choma Jißroel!" rief Ure erschrocken aus. „Wir haben uns schon verspätet. Kommet. Na, was das für eine Freude in der Kile sein wird! Solche Orchemh E Spaß!" Samuel war es zumute, als wenn sich die Welt mit ihm sin Kreise drehte. Auch Litauer wurde von Schwindel erfaßt. Was sollte daraus werden? Dieser Mann ruft ihn in den Tempel. Es ist nicht recht, die Einladung abzuweisen, und auch nicht recht, mit ihm zu gehen. Nein, er durfte nicht unter die Juden gehen. Aergerlich über sich selbst, hätte er sich schlagen, ohrseigen können, daß er nicht die Kraft besaß, diesem Menschen die Wahrheit zu gestehen: „Geh', mein Freund. Kümmere dich nicht um mich. Ich bin nicht wert, von dir geliebt zu werden. Ich habe kein Herz wie du. Ich habe euch verleugnet." Aber eben dieses vermochte er nicht über die Lippen zu bringen. Hier, wo ihn die alten Erinnerungen, gleich Sonnenstrahlen aus längstvergangenen Zeiten, warm nmfluteten. In den Tempel konnte er doch nicht hineingehen. Er durfte die große Lüge seines Lebens nicht hineinbringen, damit sie dort noch größer wachse. „Kimmt's, kimmt's!" drängte Ure. Littauer zauderte. Aber drinnen im Tempel war man ihrer schon gewahr worden. Durch die offene Tempeltür hatte man sie bemerkt. Auch dem Gabbe wurde gleich gemeldet, daß Ure Greininger Gäste mitgebracht habe, dem Anschein nach vornehme Leute. Da sandte der Gabbe zwei Männer hinaus, um die Fremden hereinzubitten. „De Gabe loßt bajtn de Orchem."") Herzlich und warnr klang die Einladung, trotzdem wirkte sie auf Littauer niederschmetternd. Ein qualvoll würgendes Gefühl bemächtigte sich seiner, und Schtvindel erfaßte ihn. Will er keinen Skandal Hervorrufen, so darf er die Einladung nicht zurückweisen, und nimmt er sie an, dann begeht er einen Betrug. Er blickte auf Samuel, gleichsam hilfesuchend, doch dieser betrachtete unausgesetzt das Dach des Tempels, wo gar nichts zu sehen war. Ein Greis steckte sein silberhaariges Haupt zur Tempeltür heraus, lugte nach den Fremden und ries voll Ungeduld: „De Ojlem will dawenen."") Jetzt galt kein Zaudern mehr. Littauer wurde unter den Armen gefaßt und von den Leuten halb getragen, halb vorwärtsgeschoben, so daß er in wenigen Sekunden im Tempel war. Bei seinem Eintritt verstummte das Gemurmel, mau trat aus den Bänken hervor und streckte ihm die Hand entgegen. Mancher hatte dabei die Hand im Talles eingewickelt. Ans seinem Platze angelangt — man gab ihm einen Ehrensitz in der Nähe der Bundeslade — brachte der Schames auch für ihn einen Talles. Hundert und aber hundert Augen hefteten sich auf ihn: Wie ihn wohl der wengerische Ojrech umnehmen wird? Littauer griff nach dem Gebetbuch, und seine zitternden Finger spielten verlegen mit dessen Fransen. Und da las er in den funkelnden Augen der Leute ihre Gedanken und erschrak. Nein, hier durfte kein Skandal geschehen. Er warf das ') Solche Gäste! s) Der Tempelverwalter läßt die Gäste bitten. *) Die Versammlung will beten. zusammengelegte Tuch über die linke Schulter, so das; dessen vier Quasten nach vorn fielen. Daun befühlte er mit Daumen und Zeigefinger die Fäden, zählte dieselben, und als er fish überzeugt hatte, daß die Zizes nicht PußlH tvaren, nahm er den Talles auseinander, küßte dessen handbreite Silberbvrtc, sprach mit leiser Stimme den Segen, schlug das Tuch um seine Schultern und umwickelte seinen Kopf damit. Dann . . . dann sank er ans seinen Sitz hin. Der Vorbeter rief: „En Kumojche", und hundert Kehlen riefen es ihm nach. Doch Littauer hörte sehr wenig davon. Erinnerungen überfluteten seine Seele und umwogten ihn bald mit warmen, bald mit kalten Wellen. Und er sah, wie die Wellen zuerst duftende, farbenprächtige Blütenblätter brachten, zarte Zweiglein, welche die Strömung leicht erfassen konnte. Und dann wurden die Wellen immer stärker und schmutziger, und jetzt brachten sie schon kleine Wiegen, Betten, Tote. Der Str. in brauste, die Menschen jammerten, -und die Erinnerungen brannten in seiner Seele. Littauer durchlebte seine ganze Kindheit, und in jener darbenden, frierenden Kindheit litt er nicht so wie jetzt. Noch nie hatten ihn ähnliche Folterqualen gemartert. Ach, wie gut war es, daß er seinen Kopf mit dem Tallis umhüllen konnte. Keiner konnte sein totenbleiches Antlitz schauen, keiner den Ausdruck namenlosen Entsetzens in seinen Augen lesen. Und er konnte ungestört Einkehr in sich halten. Ach, wie weinte seine Seele, wie wand sie sich vor Schmerz, als in der Tiefe seines Herzens das unterdrückte Gewissen seine mahnende Stimme erhob. Und er hätte sich gern zu ihr gebeugt, sie ivie ein schwaches Kind gestreichelt und getröstet: Na, weine nicht, Gott ist gut. Wahrlich, Gott ist gut. Selbst die zerspringende Saite beraubt er ihres Klanges nicht. Und in dem verzweifeltsten Herzen läßt er noch etwas in süßen Melodien ertönen, >venn schon alles verstummt ist. Littauers Blick fiel auf den Platz, wo einst sein Vater gesessen. Und wie er hinsah, >var es ihm, als ob sein Vater auch jetzt dort säße und ihn mit verklärtem Lächeln betrachtete. Da überkam ihn mit sammetener Weichheit ein wohliges Gefühl. Der Tempel erschien ihm plötzlich heller, voll strahlender Heiterkeit. Durch die Tempeltür trat ein lachender Engel ein: die Vergangenheit, die Erinnerung des Kindesalters. Und als die Versammlung das „Echod Elajhajni, godaul Adajnajni" gesagt hatte, sagte er das „Tune Rebunen" und lächelte, froh darüber, daß er es noch so gut wußte, wie als kleiner Knabe. Hei, was waren das für unschuldige, harmlose Zeiten gewesen. Plötzlich war es ihm, wie wenn man ihm einen furchtbaren Schlag versetzt hätte. Sein Herz pochte laut, und in den Schläfen hämmerte ihm das Blut. Er war einer Ohnmacht nahe. (Schluß folgt.) Litersrilchr Mitteilungen. X \ c Co r o ß m e i ft c x desBerline r H n in v r s i n n lter itui> iMMicr .o eit. (ytnc Sammlung des Heitersten, Witzigsten nud Originellsten ans dem Beiche des Humors von Spree-Athen, heraus gegeben von Dr. Adolph Kohut. Berlin 1915. A. Hvfmanu u. Co. Das Buch verdient eine 'Erwähnung in unserem Blatte, obgleich es von jüdischen Dingen so gut wie gar nichts enthält, denn die gelegentlichen Witzchen über Inden, die darin Vorkommen, sind eher unerfreulich als angenehm. Eine Besprechung verdient es, weil es von einem der ältesten Mitarbeiter unseres Blattes herrührt, und ferner, weil die Humoristen, von denen Proben gegeben werden, we'uu auch keineswegs ausschließlich, so doch vielfach Inden sind. Denn außer Glasbrenner, Trojan, Warneke, Brinkmann, Dohm, Seydel, Schmidt-Cabanis, Stinde und manchen Unbedeutenden stehen sehr viele x) Unvorschriftsmäßig.