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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-04-09 · Heft 15 (9.4.1915) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 15 (9.4.1915)
Date
1915-04-09
Page
Seite 178 (sequence 10)
Language
German
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178 die Hände über dem Kopf zu snin inen schlugen, einen guten Witz mit Bleichröder. Sie sagten, daß, wenn man diese Summe selbst von Christi Gebiert an zähle, man mit derselben nicht fertig ivürde. Darauf wies der Kanzler auf feinen Bankier hin, indem er lächelnd meinte: „Deshalb habe ich mir diesen Herrn mitgebracht, dieser zählt von der Erschaffung der Welt an." Bismarck hatte grenzenloses Vertrauen zu Bleichröder, aus dessen Vorschlag der König und Kaiser Wilhelm I. den Bankier in den erblichen Adelsstand erhob. Mit größter Genauigkeit, Gewissenhaftigkeit und genialer Kombinationsgabe verwaltete er nicht allein das Privatvermögen des von ihm überaus hochverehrten Staatsmannes, sondern erhöhte dasselbe noch in beträchtlichem Maße. Es dürste wenig bekannt sein, daß Bismarck Gerson v. Bleichröder auch für manche politische Missionen benutzte. Zu jeder Zeit hatte der Bankier Zutritt zum Kanzler, denn er war für ihn eine höchst wichtige Mittelsperson, namentlich in den Jahren von 1866 bis 1870. Was Bismarck dem deutschen Botschafter in Paris, dem Grafen von der Goltz, nicht offiziell mitteilen wollte, enthüllte er dem Bankier zu dem Zweck, damit es Kaiser Napoleon erfahre. Bleichröder, der Vertreter des Pariser Rothschild in Berlin, schrieb dann alles an seinen französischen Chef, und dieser hatte bekanntlich intime Fühlung mit dem Kaiser der Franzosen. Der Finanzmann war die einzige Person, die ohne Anmeldung jederzeit bei Bismarck zugelassen wurde. Man erzählt, daß, wenn Bleichröder zum Fürsten reiste, alle Hamburger Züge in Friedrichsruh anhielten. Er soll außer dem Welfenfonds auch den Reichsinvalidenfonds verwaltet haben. Das freundschaftliche Verhältnis zwischen Altreichskanzler und Bleichröder war den Antisemiten ein Dorn im Auge. Ein Führer derselben, der Rittmeister und Landrat a. D. Herr v. D i e st - D a b e r, fühlte sich deshalb bemüßigt, in Briefen an Bismarck diesem den dringenden Rat zu erteilen, die Beziehungen zu dem jüdischen Bankier abzubrechen. Da solche Mahnungen absolut nichts fruchteten, drohte Herr v. Diest mit allerlei Enthüllungen vor der Oeffentlichkeitz ja, er hatte sogar die Dreistigkeit, an den alten Kaiser Wilhelm l. allerlei denunziatorische Eingaben zu machen, um den Kanzler zu verdächtigen und ihn zu stürzen. Schließlich konnte sich der Fürst vor den überaus gehässigen und feindseligen Nachstellungen des Herrn v. Diest- Daber nur dadurch schützen, daß er Strafantrag gegen ihn stellte. In zwei Instanzen wurde der Angreifer wegen Beleidigung des Kanzlers zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, j Trotz dieser empfindlichen Strafe verhielt sich Herr v. Diest > nicht ruhig, sondern veröffentlichte noch im Jahre 1897 unter | dem Titel „Bismarck und Bleichröder" eine Schmähschrift gegen den Kanzler, ohne daß jedoch diese vermocht hätte, auf den Ehrenschild dieses großen Mannes auch nur einen Schatten zu werfen. Noch kurz vor dem Rücktritt Bismarcks spielte im Leben des Kanzlers Gerson v. Bleichröder eine wichtige Rolle, gewissermaßen als „ehrlicher Makler" des Staatsmannes. Der berühmte Führer des Zentrums, der Abgeordnete W i n d t - h o r st, wollte ani 14. März 1890 den Fürsten besuchen, um mit ihm eine wichtige Unterredung zu pflegen. Da er nicht genau wußte, ob er auch empfangen iverden würde, wandte er sich an den vertrauten finanziellen Ratgeber und Freund Bismarcks, an Bleichröder, mit der Bitte, diese Zusammenkunft vermitteln zu wollen. Natürlich beeilte sich der letztere, den Wunsch des hervorragenden Parlamentariers zu erfüllen. Der Kanzler war sofort bereit, Windthorst zu einer Unterredung zu empfangen. Selbst in einer Zeit, als die Wogen des Antisemitismus in Berlin aufs höchste gestiegen waren, hatte die Freundschaft zwischen dein Staatsmann und Bleichröder auch nicht ei: Haar von ihrer Herzlichkeit eingebüßt. Der Schlüssel zu bei intimen Verhältnis Bleichröders zu Bismarck war in der un bedingten Hingebung des Finanziers an den Kanzler zu suche,:. Der Staatsmann wußte, daß er auf den Bankier bauen könnt wie auf einen Felsen und ebenso auf dessen Diskretion. Vv einem Besuch im Kanzlerpalais zurückgekehrt, erzählte Bleick röder mit Vorliebe von Bismarck, wie er ihn getroffen, wa? er gesagt hatte — der Kern der Unterhaltung aber war bu ihm begraben, und mit eisernen Zangen hätte ihm keiner ei i ihm von Bismarck anvertrautes Geheimnis entreißen könnei. I n Bismarcks Gegenwart durfte kein Fremder wagen, über Bleichröder zu witzeln, und al > einmal eines d e r Familienmitglieder nur eine leise Anspielung machte, so rollten di? Augen des Kanzlers, und der vernichtend? Blick gebot Stillschweigen. Fast alle Publizisten, die Bismarck gleich beim Begiu 1 seiner Ministertätigkeit in den Kreis seines Vertrauens zo>. waren Juden. In erster Linie zählte zu diesen Ludwi i Bamberger, der spätere Reichstagsabgeordnete, der dure i den Staatsmann schon zu einer Zeit in die eigentlichen B weggründe und Triebfedern seiner Politik eingeweiht ward als noch niemand wußte, wo der preußische Ministerpräfidei i eigentlich hinaus wollte. Als Bismarck daher 1870 in de u Krieg nach Frankreich zog, berief er den ausgezeichnete i Publizisten ins Hauptquartier, damit er die große deutsche un ' ausländische Presse über seine politischen Ideen und strebungen auf dem laufenden erhalte und sie aufkläre. T r Minifterprästdent schätzte diese zu jener Zeit speziell in Rhei Hessen angesehene Politische Persönlichkeit von stark nationa liberaler Färbung außerordentlich, indem er mit Fug mo Recht davon überzeugt war, daß niemand für politische Ei: Wirkungen geeigneter sei als er. Bamberger war es auch, der auf Wunsch Bismarcks n i 18. August 1870 nach Nancy und Anfang September mit de I deutschen Präfekten des Unterelsaß nach Hagenau ging ui; ’ dort das erste deutsche Blatt auf französischem Boden in Leben rief. Am 8. August übergab der Kanzler seinem publizistische: Sprachrohr zur Veröffentlichung Kopien des eigenhändige > Schreibens und geheimen Vertragsentwurfes von Benedetl des Botschafters des Kaisers der Franzosen am Berliiu ' Hofe, vom 5. August 1866, worin der Napoleonide von Bc ' Vichy aus für Frankreich ein Stück Rheinpreußen, Rhein bayern und Rheinhessen verlangte. Bismarck erzählte da? Einzelheiten, wie zum Beispiel, daß Benedetti sich geäuße: habe: „Si non, c’est la guerre.“ Als Bismarck ihm vorstell! , daß das doch ein gar zu unsinniges Verlangen sei, Hai? Benedetti erwidert: „3i non, c’est la perte de la dynastic." Freilich sollten später, als Bamberger gleich Eduard Lasll r und anderen israelitischen Abgeordneten im Reichstage gegn i die Schutzzollpolitik und sonstige der nationalliberalen Pari! nicht genehme Maßregeln und Anschauungen des Kanzlers süi erklärte, die Beziehungen zwischen beiden sich lockern. D>> Kanzler griff seinen früheren Verehrer und Biographen Bamberger hatte unter anderem auch ein für Bismarck sel? sympathisches Werk über ihn in französischer Sprache g schrieben — aufs schärfste an, so daß schließlich, wie das >?> Leben oft zu geschehen pflegt, aus warmer Freundschaft d? ausgesprochenste Feindschaft wurde. Als daher Bismarck 18! > entlassen wurde, gab Bamberger zum Jahrestage dieses eignisses in der Zeitschrift „Nation" seiner Genugtuung über den Sturz des einst so allmächtigen Mannes nnverhohle>> Ausdruck.

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