Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1915)
- Date
- 1915-04-09
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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177 weder durch das Drängen seiner jüdischen Gläubiger, bei denen er arg verschuldet war, oder durch eine große Summe, die ihm oon vornehmen antisemitischen Christen zu seinem Vorgehen gegeben worden war. Er zog sich infolge des Uebermaßes einer Angriffe den grimmigsten Haß der Juden zu und soll ogar von einem auf der Straße geohrseigt worden sein. Grattenauer starb noch in demselben Jahre und Hinterieß die Seinigen in der dürftigsten Lage; um dieser Not u steuern, traten Inden ein. Dies geht hervor aus folgendem Schreiben Jfslands, das mir freundlichst zur Verfügung geteilt worden ist. (Der Direktion des königlichen Hausarchivs it Charlottenburg sage ich für die mir gewährte Erlaubnis eiten Dank.) Der Schreiber des Briefes ist der berühmte Direktor des königlichen Schauspielhauses, A. W. Jffland 759—1814, der nicht gerade ein ausgesprochener Jttdensreund, wer noch viel weniger ein erklärter Judenfeind war! der tdressat ein Beamter, an den sich Jffland in Theatersachen u wenden hatte, entweder der Kanzleisekretär Niethe oder, vas aus dem Ton des Brieses wahrscheinlicher, der Kabinettsat Behme. Von den in dem Briese erwähnten Persönlich- ' eiten ist der eine Pauli, ein Christ, Theatersekretär, Jfslands echte Hand. Die zwei anderen sind Juden: Dr. Böhm, ein beannter Arzt, Liepmann, Mitglied einer noch heute weitverueiteten Familie, Bankier, vielgenannt, wegen seines Reichnms und seiner Wohltätigkeit gerühmt. Das Schreiben, das n schönster Weise wahrhafte Nächstenliebe, Mildtätigkeit gegen die Hinterlassenen eines Feindes bekundet, und das geade dadurch der Bekanntmachung wert ist, trägt das Datum: :0. Oktober 1803, und lautet folgendermaßen: „Herr Liepmann hat gestern Herrn Pauli die mündliche susicherung gegeben, daß er aus drei Jahre an Grattenauers Familie jährlich dreihundert Taler geben wolle. Ich fand Pauli in der innigsten Rührung, die sein rediches Herz mit Energie für Sie aussprach. Herr Liepmann atte ihm gesagt, ein verehrter Mann habe den Gedanken in eine Seele gelegt. Vorher war Dr. Böhm bei Pauli und übergab nebst dem rsten Termin die Zusicherung, auf vier Jahre jährlich 5 Taler aus seinen Mitteln an Grattenauers Familie zu ahlen." Msmarcks Stellung?um Judentum und?u den Juden. Von Dr. Adolph K o h u t. HI. (Nachdruck verboten.) chon frühzeitig kam Otto v. Bismarck mit ualnhafteit Bankiers jüdischen Glaubens in Berührung. So lernte er l ls preußischer Bundestagsgesandter in Frankfurt a. M. den damaligen Chef des Hauses M. A. v. Rothschild u. Söhne, en Freiherrn A m s ch e l (A n s e l m) Maye r v. Rothch i l d, persönlich kennen. Da ich die Beziehungen des deuthen Staatsmannes zu den Rothschilds an d i e s e r S t e I l e hon früher eingehend geschildert habe, kann ich mich hier Nerz fassen. Nur einige interessante und bezeichnende Er-! anzungen seien mir bei diesem Anlaß gestattet. Mit Vorliebe gab Bismarck, wenn er bei guter Laune war, l nbsche Anekdoten von Anselm Rothschild zum besten. Hier! ur einige davon. Der Frankfurter Bankier habe einmal in "iner Gegenwart mit einem Getreidehändler über Weizen- : erkauf gesprochen. Der Händler sagte zum Verkäufer, daß >r als reicher Mann doch nicht nötig habe, den Preis des Heizens so hoch zu stellen. „Was, reicher Mann," erwiderte der alte Herr, „ist mein -heizen darum weniger wert, iveil ich ein reicher Mann bin?" Als der alte Rothschild 82 Jahre alt war, begann er zu kränkeln, und als der Arzt der Familie erschien, äußerte er die Befürchtung, es werde jetzt wohl mit ihm zu Ende gehen. „Ei, warum denn," versetzte der anwesende Bundestagsgesandte, „Sie haben ja kein chronisches Leiden und sind eigentlich'ganz gesund. Sie können cs auf 100 Jahre bringen." Der Baron schüttelte den Kopf und erwiderte: „Wenn Gott der Herr mich kann haben zu 82, warum soll er mich da nehmen zu 100?" Der alte Metternich habe ihm, Bismarck, mitgeteilt, daß, als der berühmte österreichische Staatsmann einst bei Rothschild gewohnt, dieser ihm bei der Abreise nach dem Johannisberg ein Dejeuner mit auf den Weg gegeben, bei dem auch sechs Stück Johannisberger Schloß gewesen wären. Auf dem Johannisberg wären sie ungeöffnet ausgepackt worden, und der Fürst hätte seinen Weinverwalter kommen lassen lind gefragt, was die Flasche bei ihm koste. „12 Gulden," hätte dieser geantwortet. „So, nun schicken Sie dem Baron Rothschild dieselben sechs bei der nächsten Bestellung wieder zu, berechnen Sie sie ihm aber zu 15 Gulden, weil sie dann älter geworden sind." Im Frühjahr 1857 hatte Bismarck, und zwar nur ein einziges Mal im Leben, den Versuch gemacht, auf Grund seiner Kenntnisse von Staatsgeheimnissen in Papieren zu spekulieren; doch ist ihm dieser Versuch schlecht bekommen. Er erhielt damals in Berlin den Auftrag, wegen der Neuenburger Geschichte mit Napoleon J1I. zu sprechen. Er sollte ihn fragen, wie er sich zu der Sache stelle. Nun wußte er, Bismarck, daß der Kaiser der Franzosen sich günstig äußern und dies einen Krieg Preußens mit der Schweiz bedeuten würde. Er begab sich nun zu Rothschild und sagte ihm, daß er das und das Papier zu verkaufen gedenke. Er hätte nämlich eine kleine Partie davon, und es wollte damit nicht in die Höhe. „Das würde ich nicht tun," sagte Rothschild, „das Papier hat gute Aussichten, das tverden Sie sehen." „Ja," sagte Bismarck, „aber wenn Sie den Zweck meiner Steife kennten, würden Sie anders denken." Dieser erwiderte: „Das möge sein, lvie cs wolle, er würde nicht zum Verkaufe raten." Trotz alledem habe Bismarck seine Papiere verkauft und sei nach Paris gereist. Dort sei Napoleon sehr nett und liebenswürdig zu ihm gewesen. Zwar habe der I'Imuzivreur den Wunsch des Königs Friedrich Wilhelm IV., durch Elsaß- Lothringen marschieren zu dürfen, nicht erfüllt, da das in Frankreich zu vielen Aufregungen Anlaß gegeben hätte, aber sonst habe er das Unternehmen vollkommen gebilligt. Sv weit hatte der Vertreter Preußens Erfolg. Aber er hatte nicht mit seinem König gerechnet, der sich inzwischen eines anderen besonnen und die Sache ansgegeben. Und so sei cs nicht zum Kriege gekommen. Von da an seien die verkauften Papiere fortwährend gestiegen, und deren früherer Besitzer konnte es nur tief bedauern, daß sie nicht mehr die seinigen waren. Der von den Antisemiten so maßlos angegriffene Bankier Gersonv. Bleichröder zählte Jahrzehnte hindurch zu den Vertrauten Bismarcks und seines Hauses. Er verwaltete sein Privatvermögen und leistete ihm in allen finanzpolitischen und finanztechnischen Fragen wichtige Dienste. Namentlich war dies beim Abschluß des Friedens Deutschlands mit Frankreich der Fall, als er die von denn letzteren Staate zu zahlende Kriegsentschädigung regelte und dabei die Interessen des Vaterlandes in glänzender Weise zu wahren wußte. Bekanntlich leistete sich Bismarck, als die französischen Unterhändler über die Forderung Bismarcks von fünf Milliarden