Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1915)
- Date
- 1915-04-09
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229193--71233-3283561- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
176 Gemeinde am Gottesdienste durch Gemeindegesänge nicht das geringste zu tun haben, andererseits aber geeignet sind, den jüdischen Gottesdienst in seiner natürlichen Entwicklung zu hemmen und seine Anpassung an die zeitlichen Verhältnisse zu stören. Ein gefährliches Wort, das falsch verstanden durch die Menge treibt, ist „D e r T e m p e l i st k e i n K o n z e r t s a a l". Wenn damit gesagt werden soll, daß der Gottesdienst nicht dazu mißbraucht werde, Kunstleistungen zu Produzieren, die das Publikum unterhalten sollen oder von ihm gar kritisiert werden, so ist das Wort ohne Einwand zutreffend. Aber nicht diese sehr seltenen Fälle sollen mit dem Schlagwort getroffen werden, sondern die Betätigung insbesondere der musikalischen Kunst in der Synagoge, wenn sie sich im Dienste der Religion und des religiösen Empfindens etwas ausgiebiger gestaltet, als die ausgefahrenen Gleise des Hergebrachten es gestatten mögen. Ich meine natürlich nicht, daß die Kämpfe des Kunstmodernismus in die Synagoge hineingetragen werden sollen, aber vornehmer Chorgesang, Sologesang und Orgelspiel, die dem zeitlichen Kunstempfinden in ästhetischer und künstlerischer Weise angepaßt sind, bei welchen sogar die Gemeinde durch geeignete Gemeindegesänge und dergleichen sich wohl betätigen kann, kann weit entfernt von Theater und Konzert gehalten sein. Die Kunst ist eine heilige Gottesgabe und darf nicht durch rückschrittliche Bewegungen, die unter den Schlagwörtern „Schlichtheit" und „Einfachheit" sich zu decken suchen, verbannt werden; sie braucht nicht vor den Toren der jüdischen Tempel haltzumachen. Die Heilige Schrift kennt recht wohl den geheimnisvollen Zauber derselben und hat ihr die Pforten des jüdischen Gottesdienstes weit geöffnet. Warum soll sie jetzt ivieder daraus vertrieben werden? Im Anschluß an diese Darlegungen mutet einen das in Berlin geprägte Wort „Berlin hat seinen L e Wando w s k i" eigentümlich an, weil damit ausgedrückt wird, daß die Berliner Synagogen anderen Komponisten verschlossen sein sollen. Wer wollte Lewandowski und seine Verdienste um den Synagogengesang antasten? Aber kann und darf die Entwicklung der Synagogenmusik für alle Zeiten mit Lewandowski abgeschlossen sein? Darf eine führende Gemeinde, wie Berlin, durch obiges Schlagwort allen Synagvgenkomponisten den Mut rauben, auf diesem Gebiete Neues und Wertvolles anzubahnen und zu schaffen? Sollte ein Sulzer wertlos geworden sein und können die Arbeiten der Zeitgenossen und Nachfolger eines Lewandowski nicht einmal einer Prüfung seitens der Berliner Gemeinde unterzogen werden, da doch jede neue Tvnschöpfung mit dem Schlagwvrt „Berlin hat seinen Lewandowski" abgewiesen wird? Weil Bach ein Heros der Kunst gewesen ist, darf es keinen Haydn, Mozart, Beethoven, Brahms usw. geben? Es ist eine schwere Versündigung gegen die Entwicklung der synagogalen Musik, wenn Berlin auf diesem Standpunkt verharrt und einen neuen Schulchan aruch der Synagogenmusik ausstellt. Ein weiteres Schlagwort ist der sogenannte „protestantische Gottesdienst" in der Synagoge. Es ist durchaus unzutreffend. Der deutsche Gemeindegesang und die Orgel sind cs allein, die dieses Schlagwort verursacht haben. Der weitestgehende jüdische Gottesdienst ist aber noch weit entfernt von einem „protestantischen". Ich kenne keinen jüdischen Gottesdienst, der nicht auf dem jüdischen Gebetbuch aufgebaut nnd aus dem herkömmlichen Gottesdienst sich herausgebildet hätte. Auch der in seinem Aufbau wohl am weitesten abweichende Gottesdienst der jüdischen Reformgemeinde in Berlin weist ans den herkömmlichen jüdischen zurück und hat keine Aehnlichkeit mit einem „protestantischen" Gottesdienst. Und nun das Schlagwvrt vom „christl ich en Chor" ir der Synagoge. Warum eine solche Aufregung, wenn einig? Nichtjuden in der Synagoge den Chor unterstützen? Mi? scheint, daß diese Tatsache, welche schon seit Jahrzehnten unangefochten in vielen Gemeinden bestanden hat, gerade jetzt s? ungeheuerlich dargestellt wird, weil um jeden Preis reaktionä gewirkt und der Chorgesang womöglich ganz aus dem jüdi schen Gottesdienst wieder verdrängt werden soll. Wer hat sic! bis jetzt darum gekümmert, ob Juden oder Christen vom Cho herabsingen, wenn es nur schön geklungen hat? Man ho meistens davon gar nichts gewußt. Wem so sehr daran gelegen ist, daß das Schema Jisroc nicht aus unberufenen Lippen uns entgegenschallt, der sollt vor allem dahin wirken, daß das Vorbeterpnlt von Elemente! freigehalten werde, die nicht neki chapajim uvar levov, nich „reiner Hand und reinen Herzens" sind. Es ist häufig schwer zu unterscheiden, wo größere Religiosität und höhere Achtum vor dem Judentume zu finden ist: bei den christlichen ode jüdischen Chorsängern! Wer gar behauptet, eine solche „Gedankenlosigkeit' käme auf der „anderen Seite" nicht vor, der irrt gewaltig. Irl weiß, daß orthodoxe Juden eher in eine Kirche gehen als u ein liberales jüdisches Gotteshaus; ich weiß, daß Juden liebe', in der Matthäus-Passion von Bach in der Kirche mitsinge, als jüdische Gesänge in einer Synagoge; ich weiß, daß Jude, auch beim Gottesdienst in der Kirche sich am Gesang beteiligen habe aber noch nie gehört, daß sie als Juden aus der Kirch? gewiesen worden wären. Ich kann sogar verraten, daß ich au? einer früheren Stelle bei der Erkrankung des christlichen Orgo nisten vom protestantischen Geistlichen ersucht ivorden bin, bei» Gottesdienst die Orgel zu spielen, und in unserem Seminm haben jüdische Zöglinge neben ihren christlichen Kameradei fast jeden Sonntag in der Kirche im Chor mitgesungen. Solch? „Gedankenlosigkeiten" der anderen Seite könnte ich unzählig? berichten. Ist das Heranziehen christlicher Chorsänger wirklich se schwerwiegend, daß gerade jetzt, in einer Zeit, da die Feld geistlichen aller Konfessionen im Felde Amtsbrüderschas üben, zu Hause eine Frage angeschnitten wird, die der Lieb losigkeit und Trennung unter den Konfessionen neue Nahrung geben muß? Es ist ja selbstverständlich, daß die Juden in die Synagoge und die Christen in die Kirche gehören, aber ist es so himmelschreiend, wenn Inden in der Synagoge nicht singen wollen oder nicht können, daß einige christliche Sänger zur Vervollständigung des Chores herangezogen werden? Steht das Schema Jisroel nicht in der Bibel für die Christen so gut wie für die Juden? Es ist im harmonischen Chor oft wirkungsvoller als das gedankenlose Hersagen der heiligsten Worte und Gebete, das so häufig im jüdischen Gottesdienste zu beobachten ist. „Musik allein ist die Weltsprache nnd braucht nicht übersetzt zu werden, da spricht Seele zu Seele." ' H e n l e, Hamburg. Lin rührendes Leugnis jüdischer Leindesiiebe. Von Ludwig Geiger. 3 m Jahre 1803 tobte ein heftiger literarischer Kampf in Berlin und anderwärts für und wider die Juden. (Der Kürze halber sei anfGraetz, Geschichte derJnden,Xl,255ff. und 612 ff. verwiesen.) Einer der heftigsten Rufer im Streit war der Jurist Grattenauer. Er wurde, wie man erzählt, zu seinen ungerechten und maßlosen Beschuldigungen veranlaßt ent-