Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1915)
- Date
- 1915-04-09
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
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172 Schulen, Lehrkräften, Studium der jüdischen Kinder im Auslande usw., da ihnen die russischen Stantsschulen zum grüßten Teile unzugänglich sind. Die Emigration der Juden ans Rußland erfordert jährlich einen Kostenaufwand von ca. 50 Millionen Rudel. Hierzu kommen noch die gewaltigen Millionensummen, welche von Zeit zu Zeit nach jedem Pogrom seitens der diversen jüdischen Organisationen zmn Ersatz der erlittenen Schäden, zur Versorgung der Witwen itw> Waisen gesammelt und ansgegeben werden müssen — fürwahr, das Budget etne§ ganzen Staate* oder die Kosten eines kleinen Krieges! Alle diese gewaltigen Summen gehen jedoch ohne jeden realen Nutzen zugrunde! Welche segensreiche Kulturarbeit konnte damit geleistet werden! Welche gelvaltigen Summen werden hierbei verbraucht, die, auf anderen Gebieten verwendet, der Judenheit und der Menschheit zum Heil und Segen gereichen könnten! So sieht die traurige Bedeutung Rußlands für die Judenfrage aus! Ist es da zu verwundern, wenn die Juden aller Länder so sehnsüchtig die Niederlage Rußlands und den Sieg der europäischen Zentratmächte herbei wünschen?!" * lieber die russische Hetze gegen die Juden wird der Berliner „National-Zeitung" unter dem 30. März von der russischen Grenze geschrieben: Unter den Polen lverden von russischer Seite in letzter Zeit Flugblätter und Flugschriften verteilt, in denen die polnische Bevölkerung mehr oder minder versteckt gegen die Juden ansgehetzt und in denen in ziernlich llnverblümter Form zur Veranstaltung von Jllden-! Pogromen anfgefordert wird. Tie Juden werden als die größten Feinde des Polentunis hingestellt, sie bedienten sich der Deutschen, um die Polen besser uilterdrücken zu können. Alle „Mißverständnisse" zwischen Polen und Russen in letzter Zeit seien auf jüdische Intrigen zurückzu- , führen. Welln die Juden vertrieben sein werden, dann loerde sich unzweifelhaft Polentnm und Russentum infolge gemeinsamer slawischer Abkunft brüderlich Vereinen. * Unter der Ueberschrift „D i e Q u a l e n derIuden in Rußland" veröffentlicht die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" folgende beachtenswerte Notiz: In einem Briefe an die Redaktion der „Nnßkija Wjedomosti" treten namhafte russische Gelehrte, Schriftsteller, Reichsratsmitglieder in warmen Worten für die Juden Rußlands ein, „deren Leiden, lvie man mit tiefer Betrübnis und Verwunderung sehe, durch neue und immer lvieder neue Qualen erhöht lverden". „Denken wir daran, wir russischen Leute, daß es auch für den russischen Inden kein anderes Vaterland gibt als Rußland, denken wir daran, daß es für den Menschen nichts Lieberes gibt als die Erde, auf I der er geboren wurde; verstehen wir, daß das Wohl und die Macht Rußlands, das Glück und die Freiheit des russischen Volksstammes untrennbar verbunden sind mit dem Glück und der Freiheit aller j der Stämme, die zum Bestände des großen russischen Reichs gehören — verstehen wir das, wenden wir uns an unseren Verstand, unser Gewissen und stellen wir für uns aus als eine der Bedingungen des staatlichen Aufbaues das Aufhören der Judenverfolgungen und ihre vollständige Gleichberechtigung mit uns." Unterzeichnet ist der Aufruf u. a. von Leonid Andrejelv, Professor Winogradow, Professor Gernet, Maxim Gorki, Reichsratsinitglied d)l Kowalewsky, Peter Strnve, Professor Tngan-Baranowskh, Gras I. I. Tolstoi, Graf Alexej Tolstoi und vielen anderen. Im „Golos Moskwh" ist der gleiche Aufruf. * Bon einem Glaubensgenossen in Lodz geht uns nachstehender Artikel zu: Deutsch e n it d I u d e n. Es gibt hier zweifellos fast keinen einzigen Deutschen oder Inden, der es nicht empfinden würde, daß sein Herz und seine Seele seit fünfzehn Wochen von einer erdrückenden Last befreit sind. Er atmet Freiheit und Gleichheit. Tie Seinigen oder doch diejenigen, die ihm näher stehen, sind um ihn. Erinnern lvir uns nur an den Einzug der Russen! Mußten da nicht soundso viel deutsche Kolollisten der Rache der Wahnwitzigen unschuldig zum Opfer fallen? Sollten nicht am 30. Oktober alle Inden aus Lodz ausgewiesen werden? Glücklicherlveise ließ sich jene Verordnung „auf russische Art" . . . ausheben. Immerhin wurde die gefährlichste Bewachung der militärischen Telephon- und Telegraphen Urne von Lodz aus bis dicht an die Kampffront einzig und allein de; Jllden überwiesen. Hier die Tatsachen und dort die schönen Reden der Duma . . . Diese Schmach hätte jeden, der noch einen Funken Ehrgefühl ii; Leibe hat, veranlaßt, sofort das Weite zu suchen. Aber leider konnte: viele beim besten Willen nicht umhin dazubleiben, denn die Grenz war geschlossen lind die Realisierllng ihres Beruiögens eine zu schwer Aufgabe. Selbst heute staunen wir über die Menge der Deutschen und Inder die sich noch passiv verhält und es nicht wagt, obwohl im Herzen stcn deutsch gesinnt, wenigstens aus Dankbarkeit sich offen für den Dem scheu zll erklären. Dies geschieht meistens aus sinnloser Furcht, di ihnen von manchen . . . eingetrieben wird. Wenn die Tatsache: allen Zweifel ausgehoben haben, dann wird uns die Zahl derjenige Leute, die „echt deutsch gesinnt" sind, eine große Ueberraschun■; bringen. Leider gibt es auch Elemente, die aus gemeinen Geldrücksichte immer noch Anhänger der „barbarisch-asiatischen Kultur" sind, obwoh ihre Nation noch jetzt auf die gemeinste Art und Weise mißhalldel wird. Die Betreffenden scheinen auch in dieser Hinsicht äußerst stmnps sinnig zu sein; denn, wenn die deutschen Waffen siegen, dann wird da Absatzgebiet für unsere Erzeugnisse mindestens im: das Zehnfach größer und geregelter als bisher. Dies darf aber auf uns gar keinen Eindruck machen, denn solch- Elemente sind der Allswllrf der Nation, und Abfälle gibt es bekanntlic! überall. . . * Aus London wird unter dem 31. März berichtet, das; Lori Rothschild gestorben ist. Baron N a t h a n i e l M a y e' de Rothschild ist sünfundsiebzig Jahre alt geworden. Er war als der Sohn des Baronets Lionel Nathaniel Rothschild am 8. November 1840 in Piccadilly, London, geboren und wa gleich seinem Baker Chef des Londoner Zweigs der große;. Bankdynastie, der aus der von Mayer Anselms drittem Sohn begründeten Manchester Firma hervorgegangen ist. Der Ber storbene, der sich Zeit feines Lebens politisch wie sozial all Stockengländer gefühlt und geführt, war der erste Lord seine-: Namens, wie sein Vater das erste jüdische Mitglied des eng lischen Unterhauses überhaupt gewesen ist. Er bekleidet. Ehrenstellen in der Verwaltung von London und gehört, früher auch als Kapitän der Aeomanry an. Er war, ehe ei zum Peer ernannt wurde, zwanzig Jahre lang, von 1865 bk 1885, liberales Mitglied des Unterhauses für Aylesburh marschierte aber im Oberhause in den letzten Jahren mit an stütze der Lords, die gegen die demokratische Steuerpolitik Lloyd Georges und gegen Homerule Front machten, obschon er nach seinem 15 400 Acres betragenden Landbesitz noch Icnuy nicht zu den allergrößten englischen Grundherren zählte. Die Kunstsammlungen, die er in seinem Landsitze Tring Park und in seinem schönen Hause in Piccadilly vereinigt hatte, bargen außerordentliche Schätze. Lord Rothschild war, wie fast alle Rothschilds, mit einer Verwandten, Emma Louise, der Tochter Mayer Karl Rothschilds von Frankfurt, vermählt. Die Lord schaft wie die Leitung des Londoner Welthauses geht air seinen ältesten Sohn, den 1868 geborenen Dr. Phil. Lione! Walter Rothschild, über, der unvermählt geblieben ist. Die englische Judenheit verliert in dem Dahingeschiedenen einen ihrer hervorragendsten und einflußreichsten Vertreter. * Wir erhalten aus Jassy in Rumänien folgenden Bericht über die Tätigkeit der Kommission der Loge Wnei Brith Neo Samuel (Jassy) zur Hilfeleistung der Geflüchteten aus den Nachbarländern: Als die Loge die traurige Lage derjenigen erfahren hatte, die infolge der Besetzung der Bukowina zu leiden hatten, nahm sie, ergriffen von den zu Herzen gehenden Worten des Rabbiners Dr. Meier Thenen, gegenwärtigen Mentors der