Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1915)
- Date
- 1915-04-09
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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171 Hat sich erst diese Weissagung au jenem Lande verwirki rfjt, dann kann die gerechte Sache der Zivilisation trium- , stieren! Sie Mache. Berlin, den 4. April. uf dem Kriegsschauplatz hat auch in den letzten Tagen eine wesentliche Aenderung der Lage nicht stattgefunden, rotz heftiger und erbitterter Kämpfe ist weder im Osten noch i.it Westen ein Schlag von entscheidender Bedeutung gefallen. on dem von uns eroberten belgischen Gebiet konnte uns in; cm abgelaufenen Monat März auch nicht ein Dorf streitig cmacht werden; ebenso sind wir in dem ungeschmälerten Betz des nördlichen und östlichen Frankreichs geblieben. Im Osten sind nach einer Uebersicht der deutschen und der! sterreichischen Heeresleitung während des vorigen Monats lsgesamt 96 000 Russen zu Gefangenen gemacht worden. Alle "ersuche der Russen, über die Karpathen hinweg die tmgarische iefebene zu erreichen, sind bis jetzt, trotz Einsetzens becutender Verstärkungen seitens des Feindes, darunter der anzen Belagerungsarmee von Przemysl, an der eisernen Wehr rschellt, die von den deutschen und österreichischen Truppen ort errichtet ist. Der letzte Bericht über die Karpathenschlacht lautet: Sollte * den Russen mittels ihrer gegen die Karpathen geworfenen ^eeresmassen gelingen, stufenweise vorzugehen, so würden sie ies Vorgehen äußerst teuer bezahlen müssen. Die Mißerfolge, die der vereinigten englisch-französischen cchlachtflotte in den Dardanellen und vor Smyrna beschieden oaren, trugen und tragen dazu bei, das Prestige des Drei- -erbandes bei den Balkanvölkern zu schwächen, während sie mdererseits die Türkei mit Mut erfüllen, den Kampf um ihre ristenz unentwegt fortzusetzen. Schon volle acht Monate lastet dieser gewaltigste aller riege bleischwer auf den Völkern Europas, ohne daß der uhmvolle Friede, den Deutschlands Waffen erkämpfen müssen, ahe wäre. Allein das deutsche Volk ist weiterhin bereit, an er Seite seiner tapferen Bundesgenossen sich um den teuersten -reis die Sicherheit einer friedlichen Zukunft zu erkaufen und cn Feinden des Reiches, die aus Haß, Mißgunst, Neid oder l benteurerlust Millionen und aber Millionen Menschen in iesen wilden Kriegstaumel gestürzt, um ihr Hab und Gut gerächt, um ihr Familienglück betrogen und ihres vielverorechenden Lebens beraubt haben, zu zeigen, daß man nicht ungestraft mit kriegerischer Hand in das Kulturleben friedlich chafsender Völker hineingreift. Wir vertrauen auf Gott, den Lenker der Schlachten, und ühlen uns gestärkt und ermutigt durch die herrlichen Worte, ie der Kaiser am 1. April aus Anlaß der Bismarck-Feier ut den Reichskanzler gerichtet hat: Noch gilt es für aich wie für das waffentragende Volk, im Felde .uszuharren im heißen Kampf, um des Reiches Macht nach außen — zu schützen und zu stärken. Daß ms dies gelingen wird, dafür bürgen nächst Gottes Gnade der uns alle beseelende einmütige Wille zum Siege md das durch die Tat erprobte Gelöbnis „Jedes Opfer für ms Vaterland!" Der GeistderEintracht aber, der unser >olk daheim und auf den Kriegsschauplätzen über alles trennende sieghaft erhoben hat, er wird — das hoffe ich zu- 'ersichtlich — den Waffenlärm überdauern und nach glücklich rkämpftem Frieden auch die Entwicklung des Reiches — im \ nnern — segensreich befruchten und fördern. Dann wird ins als Siegespreis ein nationales Leben er- ' l ü h e n, in dem sich deutsches Volkstum frei und t ark entfalten kann. Dann wird der stolze Bau gekrönt, zu dem Bismarck einst den Grund gelegt. * Dem „Berliner Tageblatt" entnehmen nur folgendett Bericht über die russischen Gewalttaten in den Karpathenorten: W i e u, 2. April. Der Berichterstatter des „Wiedenski Kuryer Polski" schildert die Verwüstungen in den galizischen Karpathenorten: Die Ortschaft Stroze ist wie ausgestorben. In Grybow sind mehrere Häuserreihen vollständig niedergebrannt. Die unversehrt gebliebenen Häuser haben die Russen gründlich ausgeplündert. In Neusandeh ist neues Leben eingekehrt. Viele Flüchtlinge sind zurückgekehrt und die Kaufläden wurden größtenteils wieder geöffnet. Altsaudetz weist zahlreiche Spuren des Krieges atlf. Stärkere russische Truppenabteilungen hausten in Muszhna in der gewohnten Weise, und schlagende Beweise der russischen „Kulturmission" lieferten sie in denr Karpathenkurorte Krhniea, von wo sie auch erfolgreiche Beutezüge in die Nachbarorte unternahmen. In Turka fielen alle Geschäftsläden ohne Ausnahme der Raubsncht der Russen zum Opfer. Die Inden erscheinen hier auf der Straße, ungeachtet des strengen Frostwetters, entweder barfuß oder mit Leinenfetzen an den Füßen, da ihnen die Stiefeln von den Kosaken gewaltsam abgenommen wurden. Insbesondere hadert die Russen an den jüdischen Schankwirten ihr Mütchen gekühlt. Die Zahl der Brandstiftungen ist ganz enorm. In einer benachbarten Ortschaft befahl die Soldateska dem Rabbiner, einem siebzigjährigen Greise, ans dem Ringplatz zu tanzen, und als er sich dieser Zmnntnng erwehren wollte, wurde er durch Nagajkahiebe mürbe gemacht. Die Geiseln umrden gezwungen, darüber Auskmtft zu geben, wer von den Einwohnern Wertsachen und Geld aufbewahrt habe. In den meisten Karpathenortschaften herrscht die äußerste Not. Hendel und Gewerbe haben zu eristieren aufgehört. * Bor kurzem ist in Krakau eine Flugschrift von Jonas Kreppe! erschienen unter dem Namen „Ter Weltkrieg und die Judenfrage". Die „Deutsche Orient-Korrespondenz" -entnimmt der interessanten Schrift folgendes sehr beachtenswerte Kapitel: „Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man die Leidelt der russischen Juden aufzählen. Sie sind leider allzusehr bekannt. In keinem Lande der Welt gibt es jetzt ein besonderes Ansiedlungsrayon für die Juden, keine Gesetzgebung kennt das schreckliche ..krome Jewrej“ (die Juden ausgenommen), in keinem Staate wäre es möglich, öffentlich einen Blutmärchenprozeß ex officio zu führen, nirgends ist der Judenpogrom als System, als staatliches Hilfsmittel proklamiert. Dent Zarenreiche gebührt der traurige R-uhnt, den Judenhaß mit größtem Raffinement zu betreiben. Der offizielle Antisemitismus Rußlands drückt aber -auch schwer auf die Juden aller Länder. Fast sämtliche großen, jüdischen Organisationen sind infolge der traurigen Lage der russischen Inden ins Leben gerufen worden. Unzählige Millionen jährlich kosten die russischen Inden ihre europäischen Brüder. Die großen Millionenbudgets der jüdischen Organisationen. „Jea" (Jewish Colonisation Association), „Alliance Jfraolite Universelle", „Israelitische Allianz", „Hilssverein der detltschen Juden", „Eng-lish-Jewish Association", „B'nei-Brith-Logen", Zionismus usw. werden fast gänzlich dazu verbraucht, die Not der russischen Juden zu lindern -und den von dort flüchtenden Juden eilte neue Heimat und neue Existenzmöglichkeiten zu schassen. Wäre die Lage der Juden in Rußland erträglicher mtd menschenwürdiger, es gäbe heute schwerlich eine jüdische Emigrantensrage, einen Zionisntus, ei-nett Territorialismus, und der „Träumer des Ghetto", Israel Zangwill —- der jetzt der Wahnidee verfallen ist, der Zar würde noch einem Siege „seinen lieben Inden" ein besseres Los angedeihen lassen —, wäre schwerlich in die Lage gekommen, die Rolle eines Pfadfinders für eine neue jüdische Heimat zu spielen. Ein jüdischer Statistiker hat vor kurzem eine Ausstellung gemacht, wieviel der russische Judenhaß jährlich die Gesamtjudenheit kostet. Es kanten hierbei ganz unglaubliche, leider aber faktische Ziffern, heraus. Um nur einige Daten zu erwähnen: 30 Millionen Rubel jährlich werden delt russischen Juden als Lapowka, als Bestechung, seitens der russischen Beamten, erpreßt um -teilweise vor Willkür geschützt zu sein. Etwa 10 Millionen Rubel jährlich zieht der russische Staatsfiskus Volt denjenigen jüdischen Familieu heraus, deren Mit-, glieder infolge Emigration oder Ultordltultg in den Matrikenbüchern nicht rechtzeitig und Pünktlich zutn „Prisiw" (Militürasfentierung) erscheinen. Etwa 30 Millionen Rubel jährlich Zahlen die russischen Juden und die jüdischen Organisationen für die Aushaltung von