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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-04-09 · Heft 15 (9.4.1915) · p. Seite 170

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 15 (9.4.1915)
Date
1915-04-09
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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170 Auch Aschur ist ihnen verbündet, sie sind eine Stütze den Söhnen Lots. Bei dir, Ewiger, berge ich mich. O, daß ich nicht zuschanden werde ewiglich! Durch deine Gerechtigkeit rette mich. Rette mich vor Uebeltätern und vor Blutmenschen, hilf mir, denn siehe — auflauern sie meinem Leben, es rotten sich gegen mich Freche, ohne mein Verbrechen und ohne meine Schuld^ Ewiger. So mögen sic verstrickt werden in ihrem Hochmute, so vom Meineid, so von der Lüge, die sie erzählen." Diese Worte künden ein Meer von Leiden in der Brust des Volkes, zugleich aber auch ein rührend kindliches Vertrauen auf die endliche Hilfe Gottes. Was hat es in diesem Vertrauen so unerschütterlich gemacht? Was gab ihm den Mut, einer ganzen feindlichen Welt zu widerstehen? Nichts anderes als das Bewußtsein der gerechten Sache, die es vertritt: sein heiliges Recht auf E x i st e n z und F r e i - he i t. Von Haus auS in den mustergültigen Grundsätzen seiner staatlichen Verfassung erzogen, die, weil sie die Würde des Menschen als Gottes Ebenbild hoch bewertet, weder im Staate noch in der Kirche eine despotische Unterdrückung der Geister und der Gewissen duldet, ist es mit dieser moralischen und intelligenten Lebensauffassung seiner Zeit um viele Jahrhunderte vorausgeeilt; denn das Judentum ist keine starre Religion, es atmet Geist und Leben. Man braucht nur einen prüfenden Blick in seine reiche Literatur zu werfen, um das freie Spiel der Geister zu erkennen, in Moral, Religion und edler Menschlichkeit das als heilige Pflicht festzustellen, was allen Menschen nützen und sie fördern kann, nach dem altisraelitischen Lebensmvtto: „Du sollst ein Segen sein für alle Geschlechter der Erde." Daß das Judentum dieser seiner weltgeschichtlichen Aufgabe als seiner gerechten Sache sich im Lauf der Zeiten immer mehr bewußt wurde und danach strebte, ihr zu entsprechen, beweist die allbekannte Tatsache, daß die Juden in allen Staaten, dahin das Geschick sie geführt, sich auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit mit Eifer zu beteiligen suchten. Lange Jahrhunderte hindurch haben Mißverstand, Mißgunst, Vorurteile. kleinliche Konkurrenzfurcht und Habsucht in den oberen und unteren Kreisen der Bevölkerungen die Juden au dieser heißersehnten Beteiligung verhindert. Die sogenannten heiligen Kriege wie die Kreuzzüge und die Jnauisitiouen, die in gewissen Formen noch in unsere Zeit hineinreichen und die schrecklichste Plage der Welt bilden, weil sie nicht wie die politischen Kriege dem Gegner nur die physische Existenz rauben wollen, sondern dem Andersgläubigen jttgleich auch die seelische Existenzberechtigung absprechen -- die heiligen Kriege trugen das meiste zu dieser Verhinderung bei/ Hunderttauseude Juden konnten ihnen zum Opfer fallen, aber ihre gerechte Sache konnte man nicht aus der Welt schaffen. Soweit unsere geschichtlichen Erinnerungen zurückreichen, war cS Antiochus Epiphanes, der König von Syrien, der im Jahre 167 vor Beginn der üblichen Zeitrechnung den ersten Glaubenskrieg gegen die Juden entfesselte, ans welchem diese aber unter Führung der großen Heldenfamilie der Makkabäer glanzvoll hervorgingen. Haben sie hier aktiv mit bewunderungswürdiger Heldenkraft ihre gerechte Sache vertreten und verteidigt, so geschah das noch größere Wunder, daß sie dies später, von ihrer Heimat losgerissen und unter den Völkern zerstreut, die vielen, vielen Jahrhunderte hindurch mit noch größerem Heldenmut Passiv unter noch nie dagewesenem opferreichen Duldersiun getan. In der neueren Zeit, da der Menschengeist durch tieferes Denken und Forschen angefangen hatte, sich vom Bann mittelalterlicher Beschränktheit und Engherzigkeit zu befreien, die verjährten Vorurteile fallen zu lassen und den Menschen als Weltbürger in seiner besonderen Stellung zu dem Staate, dein er angehört, zu schätzen, da hat man auch die moralischen und intellektuellen Qualitäten der Juden zu beachten begonnen und ihre gerechte Sache zu würdigen. In allen Ländern tra diese Wendung zur besseren Auffassung des Lebens ein, tun Rußland blieb bis auf den heutigen Tag im tiefsten Mittel alter stecken. Die finstere Macht der grausamen Despotie brüte über diesem traurigen Reiche und erzeugt die bösen Geiste: der politischen und religiösen Verfolgungssucht, die bis zun Wahn der Selbstzerfleischung sich steigert. Dort wird die ge rechte Sache nach Sibirien verbannt, speziell die der Jude: durch blutige Pogrome unterdrückt, und die Vertreter der poli tischen Intelligenz werden in Marterkammern geworfen und von „echtrussischen Leuten" traktiert. Der Prophet Jesaia hält in einer Vision (Kap. 2l eine Rundschau über die damaligen Völker. Er betrachtet da- Volk der Jdumäer und vernimmt einen zweimaligen Angst ruf aus Jdumäa: „Wächter, wie weit ist es in der Nacht?", mit der Wächter spricht: „Es kommt der Morgen, aber es ist dock noch Nacht." Das ist auch die Signatur unserer jetzigen Zeit: de: Morgen der Kultur ist bereits längst angebrochen, aber es it doch noch finstere Nacht; die Völker zerrütten und zerfleische: sich gegenseitig im wildesten Kriege, der jemals in der Wel geführt wurde. Aber diese schwere Nacht wird wohl frühe oder später weichen, Bildring und Aufklärung, Ordnung, Rech und Sitte werden wieder in ihre Rechte eingesetzt werden, nu von Rußland ist nach allem, was die Welt noch in Friedens zetten von diesem Lande Schauderhaftes gesehen und gehör: kaum zu hoffen, daß die über ihm gebreitete „greifbare ägyptische Finsternis in absehbarer Zeit auch nur um ein Ge ringes aufgehellt werden wird. In welch trübem Lieh? muffen nun aber die Verbündeten dieses Reiches, England ui: Frankreich, erscheinen, die, in den Traditionen einer hohe Kultur ausgewachsen, sich nun im Verein mit der Wuttriefen den russischen Despotie gegen die gerechte Sache Deutschland und gegen den Frieden Europas verschworen haben. Wer.: könnten bei diesem traurigen Schauspiel, das diese sich a i Rußland verschriebenen Verbündeten auf der Weltbühne dar bieten, die Worte Gretchens ans dem Sinn kommen, die sie a: Faust, der sich dem Teufel verschrieben, richtet: „Es tut mir lang' schvn weh. Daß ich dich in der Gesellschaft seh'." Auf die „Wiedergeburt Europas" dürfen wir aber nick eher hoffen, als bis sich an jenem Barbarenreiche die Wor! der alten Propheten erfüllen, die sie einst auf das asfyrisck Reich geweissagt haben: „Wehe der Stadt des Blutes! Gau ist sie des Luges, der Gewalttätigkeit voll, das Rauben ho: nicht auf. Und es geschehe, wer dich sieht, der soll vor di fliehen und sprechen: „Zerstört ist Ninive! Wer soll um ß Beileid zeigen? Woher soll ich Tröster für dich suchen? All welche die Kunde von dir vernehmen, klatschen in die Händ über dich, denn über wen erging nicht deine Bosheit beständi. Du hast beraubt viele Völker, so beraube dich der ganze M von Völkern wegen des Blutes der Menschen und der Gewal tat an dem Lande, der Stadt und all ihren Bewohnern; den > der Stein aus der Mauer schreit, und der Sparren aus de:! Holzgerüst ruft es: „Du hast mit Schande beraten dein Han-: viele Völker zu vernichten, indem du deine Seele verwirktest. Da hob der Ewige zu mir an und sprach: „Schreibe diese Offei barung deutlich auf die Tafeln, auf daß sie geläufig sei de: Leser. Und wenn auch der weintolle Räuber, der weit aufgeta wie das Grab seine Gier, und der gleich dem Tode nicht sa: wird, an sich gerafft hat alle Völker, werden nicht diese alt. einen Spruch über ihn erheben und eine Gleichnisrede: „Weh dem, der aufhäuft, was nicht ihm gehört, und der sich aus bürdet schwere Schuldenlast?"

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