Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1915)
- Date
- 1915-04-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 15 Berlin, 9. April 1915 Allgemeine eilung des Judentums. Lin unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Pre'rs: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32%. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Kuciolk Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße %6-%9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Beelin. Tttft&ft* gerechte Sache. Von Rabbiner Dr. Ludwig Pick, JlllJfll*« Berlin. — Die Woche. — Unsere Feldprediger. — Das ldische Technikum in Haifa. — Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. Martin ernhardt. — Glossen zur Gemeindegesangssrage. Von Heule, Hamburg, in rührendes Zeugnis jüdischer Feindesliebe. Von Ludwig Geiger. —?ismarcks Stellung zum Judentum und zu den Juden. Von Tr. Adolph — Feuilleton: Der neue Christ. Roman von Peter UjvLri. lebersetzt von Rosa Trencseni. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judenums"). Berlin, Posen, Breslau, Hamburg, Leipzig, München, Nürnberg, aln, Altena (Westfalen), Hannover, Wien. — Von Nah und Fern. Sie gerechte Lache. Von Rabbiner Dr. Ludwig Pick, Berlin. in Hochgefühl liegt in dem Bewußtsein, eine gerechte Sache zu vertreten. Der Furchtsame wird mut- und ertranensvoll, der Schüchterne herausfordernd, der Schweigame ein Jesaias, ein Demosthenes an Beredsamkeit. „Wie ein- >. inglich überzeugend ist doch die Sprache der Gerechtigkeit", uilt Hiob den ungerechten Freunden entgegen, deren Worte v als Scheinreden verwirft, die nicht imstande sind, das Bewußtsein seiner Schuldlosigkeit zu erschüttern. Wie der Refrain lies Liedes kehrt jetzt in allen Kriegsgesprächen, soweit die wutsche Zunge klingt, das Wort von der gerechten Sache eustschlands wieder: in den Ansprachen des Kaisers, in?n Reden des Reichskanzlers, in den Bvrträgen der Gelehrten, > den Aufsätzen der deutschen Presse. Das Wort von der .rechten Sache ist zur hochragenden, über ganz Deutschland 'ehenden Fahne geworden, unter der sich alle Stämme, alle ' arteten des Reiches, die Anhänger aller politischen und restlichen Bekenntnisse einmütig und mit Begeisterung scharen. . o groß ist die Macht dieses ein Hochbewußtsein in sich schließen- . nt Wortes der gerechten Sache, daß selbst unsere Gegner, soi lld sie ihre Völker und ihre Heere zur größten Opferwilligkeit ud Tapferkeit anspornen wollen, ihre feindliche Haltung gegen : us unter allerlei Sophismen als eine zwingende Folge ihrer . rechten Sache darstellen. Wo ist denn nun aber das Kriterium des Wahren und f alschen in diesem welterschütternden Kriegsfälle? Wo sind i e unterscheidenden Merkmale der gerechten und der ungerechten wache, wenn beide Parteien das Motiv der Gerechtigkeit für 1h in Anspruch nehmen? Ein Satz der talmndischen Moral l utet: „Liebe den Frieden und jage ihm nach — suche ihn unter - ofern zu erwerben und zu erhalten." Diejenige Partei nun, i e die Betätigung dieses allgemeingültigen Moralgrundsatzes r n dem Ausbruch des Krieges für sich geltend machen kann, iuifj aus diesem furchtbaren Völkerprozeß als die! > r i st i s ch, m o r a l i s ch und nach unseren Be- >> iffert von einer sittlichen Weltordnung auch als kriegerisch obsiegende hervorgehen. Diese Partei ist loeifellos Deutschland, das, wie die Depeschen des Parisers vor dem Ausbruch des Krieges beweisen, sich aus allen Kräften bemüht hat, wie das Wort des Moralsatzes es in diesem Falle treffend ausdrückt, „dem Frieden nachzujagen, um ihn zu erhalten". Als Illustration zu diesem gewaltigen politischen Welthandel kann uns ein in kleinen Dimensionen sich abspielender politischer Vorfall dienen, wie er im Buch der Richter, Kapitel 11, mitgeteilt wird. Der König der Ammvniter überzieht Israel plötzlich mit Krieg. Jephta, der Richter und Heerführer Israels, sendet Boten an den ammonitischen König, um nach dem Grund dieses Ueberfalls zu fragen. Er erhält die Antwort: „Israel habe (vor dreihundert Jahren) bei seinem Auszuge aus Aegypten einen Teil seines Landes vom Arnon bis zum Jabok weggenommen, er »volle es jetzt zurückhaben." Jephta beweist ihm an der Hand der geschichtlichen Begebenheiten, daß sein Anspruch völlig unbegründet ist, und spricht: „Ich habe nichts gegen dich verschuldet, du aber tust mir Böses, gegen mich zu streiten; es richte der Ewige, der Richter, heute zwischen den Kindern Israels und den Söhnen Ammons." Da aber der König der Söhne Ammons nicht hörte auf die Worte Jephias, die er ihm entboten, „da kam über Jephta der Geist Gottes, und Jephta zog ans, wider die Söhne Ammons zu streiten, und der Ewige gab sie in seine Hand. Und er schlug sie von Aroer bis gen Minnit, zwanzig Städte, und bis Abel Keramim, einen überaus großen Schlag; und die Söhne Ammons wurden gedemütigt vor den Kindern Israels." — Hier haben wir ein biblisches Miniaturbild, das in kleinen Maßen die gewaltigen Züge des gegenwärtigen Völkerkrieges in seiner Entstehungsgeschichte und in seinem weiteren Verlauf widerspiegelt: die Gegner Deutschlands sangen den Krieg gegen dasselbe mit Unrecht an; und wie es von Jephta heißt: „Es kam über ihn der Geist Gottes" — was mit anderen Worten heißen soll, daß der Geist der gerechten Sache Israels ihn beseelte, und er so den Sieg errang —, so ist auch zu hoffen, daß das deutsche Volk im Zeichen seiner von Beseligung getragenen gerechten Sache den glücklichen Enderfolg erringen wird. Israel hat seit dem babylonischen Exil ungleich länger und mehr gekäinpft und gelitten als irgendein Volk auf Erden. Deutschland hat in diesem gewaltigen Kriege nicht weniger als acht feindliche Staaten gegen sich, die es zu vernichten das heißeste Verlangen haben; aber es gibt doch auch neutrale Staaten, die, wenn auch nicht f ü r, so doch auch nicht g egen es sind; Israel hat aber alle, alle Völker der Welt gegen sich gehabt, kein einziges war auch nttr neutral geblieben, wie die Psalmisten klagen: „Mein Gott, schweige nicht und raste nicht, denn sieh', gegen dein Volk halten sie listigen Rat und verschwören sich gegen deine Schützlinge, sprechend: Wohlan, laßt uns sie vertilgen, atts mit dem Volke! und nicht gedacht werde Israels Name fürder. Sie schließen einen Bund: die Zelte von Edom und der Jischmestm, Moab und die Hagrim, Gbal und Ammon und Amalek, Peleschett samt den Bewohnern Zors.