Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1915)
- Date
- 1915-04-02
- Page
- Seite 166 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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166 hat, schaltete naturgemäß jene patriarchalische Gastfreundschaft allmählich aus, doch augenblicklich ist fie wieder am Platze! Die vereinsamte Witwe, deren Mann in fremder Erde sein Grab gefunden hat, der sorgenvolle Vater, dessen einziger Sohn draußen tapfer für das Vaterland kämpft, der Flüchtling, den die rohe Gewalt von Haus und Hof vertrieb, und all unsere Brüder und Schwestern, die jetzt unter der Last von Kummer und Nöten seufzen, ihnen gilt es solch ein Geschenk der Liebe zu machen. Sie schmachten nach dem Ton der edlen Menschlichkeit, nach einem ruhevollen Geborgensein, und sei's auch nur für kurze Stunden. Und wird der eine oder andere an der Svdertafel durch die Anwesenheit eines Fremden auch etwa verlegen, vermißt er dadurch den vollen Zauber der Passahweihe, so mag es als geringes Opfer überwunden werden in der angenehmen Erkenntnis, daß dafür einem Leidenden das Gefühl der öden Verlassenheit genommen, seine Gemütskräfte gestärkt und seine Hoffnung belebt wird auf bessere Tage in Zeiten des Friedens und der gedeihlichen Arbeit. Und jedes Opfer der Daheimgebliebenen ist heute ja schließlich nur ein ganz wichtiges Tribut der Dankesschuld für die uneingeschränkte Hingebung und die grenzenlosen Opfer, die stündlich auf dem Schauplatz des Weltkrieges in die Erscheinung treten! Btr neue Christ. Roman von Peter UjvLri. Uebersetzt von Rosa TrencsLni. (Fortsetzung.) ^^^as klang nicht so, als wenn er gesagt hätte, daß er auf die Gasse hinaus wolle. Es hatte einen anderen Sinn, und Littauer verstand denselben. Samuel ging auf den Friedhof hinaus. Littauers Herz krampfte sich vor Schmerz zusammen. Noch vor zwei Jahren hatte er sich vorgenommen, aus Kewer Uwes') nach .Hause zu kommen. Und jetzt ist er da und kann nicht hinausgehen, getraut sich nicht hinauszugehen. Ach, welche Erleichterung wäre cs doch für seine arme, gepeinigte Seele, wenn er sich an den Gräbern von Vater und Mutter satt ausweinen dürfte. Als Samuel zurückkam, sagte er bloß: „Ech hob iberul geweint." Er hat überall geweint, auch an den Gräbern der Eltern Littauers. Langsam, trübe schlichen die Stunden hin. Littauer schickte nach einem Arzt, da er sich sehr unwohl fühlte. Samuel blieb bis zum Abend bei ihm, dann ging er zum Gottesdienst. Er hätte jubeln können, wenn Littauers Zustand nicht so beängstigend gewesen wäre. Wie schön und hell war doch der Tempel. Wie glänzten die vielen seidenen Kaftane. Wie süß war das Gemurmel der Betenden. Hei, wenn doch Littauer diese Wonne mit ihm genossen hätte. Umsonst, in Ungarn hat inan kein ähnliches Vergnügen. Tags darauf machte sich auch Littauer auf die 'Beine. Mit unsicheren Schritten ging er die Gasse entlang, und es fror ihn selbst in seinem warmen Pelzrock. Samuel trippelte neben ihm einher, und wo er nur konnte, strich er liebkosend über die inörtellosen Mauersteine der Häuser. Und jede Gasse, jedes Haus rief in ihnen neue Erinnerungen wach. Hier hat Muhme Fegele gewohnt — Gott habe sie selig —, niemand konnte solche Freitagsflecken backen wie sie. Dort hat Vetter Jumele gehaust. Da hat einmal Littauer von, Wächter Prügel gekriegt, und dort hat er die Bauernjunge» durchgeprügelt. Plötzlich blieben sie stehen. Littauer deutete wortlos auf ein baufälliges Häuschen. Vom Mauerwerk war kaum noch etwas zu sehen, es war fast ganz in die Erde gesunken. Trotzdem hatte er es gekannt. In diesem Hause wurde er geboren und hier hatte er seine Kinderzeit durchlebt. Schwer stützte er sich auf Samuel. „Es verlangt in die Erde, siehst du es," sprach Littauer betroffen. „Die es großgezogen hat, sind schon alle in der Erde. Nur ich nicht. Aber mich zieht es auch in die Erde, er zieht mich sehr. Du wirst sehen, Samuel, ich mache es nich lange." Bei solchen Reden wurde Samuel immer aufgebracht. Ariel jetzt rief er heftig aus: „Was sind das für Reden? Der gnädige Herr wird hundert zwanzig Jahre leben!" Littauer lächelte traurig: „Hundertzwanzig Jahre sind ein, lange Zeit." Dann trabten sie ruhig weiter. Die Gasse war hell und freundlich. Auf dem Pflaster lcu frischer Schnee, und an beiden Seiten hoben sich die Spure» der Wagenräder schwarz ab. Es glich einem ausgebreitete» Tallis. Kaftanjuden trippelten vorsichtig längs der Häuser mauern. Der eine hatte das Gebettuch um den Leib gewickelt der andere hatte es schalartig um die Schultern geworfen. Mancher blickte sie an und grüßte: „Git Schabbes!" Sie erwiderten den Gruß. Alle diese Leute eilten zui» Tempel. Da grüßte wieder einer, ging aber nicht an ihnen vorbei Es war ein kleines Jüdlein mit heiterer Miene und spitzen Bärtlein. Er bog den Kopf zur Seite, wie ein neugierige- Vögelchen, die Fremden betrachtend. Dann trippelte er nähe, und bot Littauer freundlich die Hand: „Schulem Lajchem!" Littauer fühlte sich von diesen» freundlichen Angriff unangenehm berührt. Der Millionär in ihm bäumte sich aus uni auch ein wenig der Meschümed. Was wollte dieser Jude vo, ihm? Aber den Gruß mußte man erwidern, deshalb beeilt, sich Samuel Spitz, dem Polacken die Hand zu reichen. „Alajchem Schulem!" „Fin wannen kimmts, Jiden? Fin Wengern, hah?" h Diesen Mann konnte man wahrlich nicht abschütteln. Seine Impertinenz war so unbewußt, daß man ihm gar nich zürnen konnte. Also bejahte man seine Frage. Jetzt bog de» kleine Polack seinen Kopf auf die andere Seite und sah au Littauer. „Ech kenn ajch, mein lieber Jid! Ha, ha, ha! Ihr seid me gur sehr bekannt." Nun wurde Littauer wirklich ärgerlich. Beinahe rauh ent gegnete er, daß dies ausgeschlossen sei. Auch Samuel fühlt, sich unbehaglich. Das fehlte noch, daß man in Litwenitza er fahre, er gehe mit einem Meschümed. „Nicht doch! Nicht doch!" Er habe gute Augen und er seh, jemandem ähnlich, den er sehr gut gekannt hat. Und wie e» ihn so forschend ansah, erstrahlte plötzlich sein ganzes Gesicht er schlug die Hände zusammen und schrie auf: „Dus is doch Mendl! Mendl Littauer!" Der kleine Mann tanzte vor Freude. Mendl Littauer wa» sein liebster Kamerad gewesen. Ei, ei, daß Littauer ihn nicht ') Friedhosbesuch. ') Woher kommet ihr Juden? Aus Ungarn, was?