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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-04-02 · Heft 14 (2.4.1915) · p. Seite 161

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 14 (2.4.1915)
Date
1915-04-02
Page
Seite 161 (sequence 5)
Language
German
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Infolge dieser Aeußerung nahm der Kanzler 1 ras Wort zu folgender Erklärung: „Meine Herren, es ist dies L ue sehr einfache Sache. Ich bekomme Tausende von Tele- I j rammen — ich bin ein höflicher Mann und würde sogar wahrheinlich auf ein Telegramm von Herrn Richter antworten, >enn er mich mit einem freundlichen Telegramm beehren ollte. Ich kann auf ein freundliches Telegramm zur Be- - rüßung nur freundlich antworten und keine polizeiliche Recherche darüber anstellen, welcher politischen Richtung diese bsender etwa sind. Ich bin auch nicht so ängstlich in meinen Anschauungen, daß ich besondere Katechisationen über die poetische Partei der Absender anstellte. Macht es jemand Bernügen, mich als Mitglied der antisemitischen Verbindungen i arzustellen, so gönne ich ihm das. Ichhabe mich, wie es t i r meine amtliche Stellung gebietet, von llen diesen Bewegungen, die mir nicht e r - >ünscht sind, ser n g eh al t en; ich möchte nur wünschen, daß auch die übrigen Herren und - amentlich diejenigen, welche die Regierung nd mich in Person mit ihrem Wohlwollen behren, sich von Verhetzungen der Klassen egeneinander, von Wendungen der Rede, die en Klassen haß schüren, mehr als bisher entern t halten möchten." Es ist ja nicht ausgeschlossen, daß der Kampf, den Stöcker -egen alles, was liberal hieß, und namentlich gegen das Judentum führte, dem Kaitzler anfänglich nicht unwillkommen mr, weil er, wie gesagt, in dem Agitator einen Stnrmock gegen die ihm verhaßte Fortschrittspartei erblickte; ls jedoch die Gemeingefährlichkeit des Stöckerschen Gebarens mmer offenbarer wurde, legte er ihm das Handwerk. Der Demagoge schaufelte sich selbst sein Grab, als durch einen '»ttfall sein an den damaligen Chefredakteur der „Kreuzeitung" gerichteter sogenannter „Scheiterhaufenbrief" vom i. August 1888 in der Presse veröffentlicht wurde. Dieses schreiben strotzte von Angriffen gegen Bismarck, dessen Sturz .efordert wurde. Aus Veranlassung des Kanzlers schritt die geistliche Behörde gegen Stöcker ein, und 1896 erhielt er seine Entlassung als Hosprediger. Auch soll der Fürst, wie man ich erzählte, dem Minister des Innern gegenüber den Wunsch geäußert haben, Stöcker wie „andere Sozialdemokraten" aus derlin auszuweisen. In dem Antisemiten Hermann Ahlwardt, dem .Rektor aller Deutschen", sah Bismarck nur eine lächerliche Figur. Als Ahlwardt in den Reichstag gewählt wurde, unterhielt sich der Fürst über dieses parlamentarische Ereignis mit seinem Gaste, dem Generalmajor z. D. v. Gersdorff, der bei ihm am 21. Dezember 1892 in Friedrichsruh weilte. Hm gegenüber bezeichnete der Kanzler Ahlwardt als einen „komischen Kerl". Er stempele sich zum politischen Tertianer >urch die Verdächtigung, die Alliance Jsraelite habe die Zoeweschen Waffenfabriken zur Lieferung schlechter Gewehre an Deutschland veranlaßt, als ob eine Deutschland durch die Rufs en beigebrachte Niederlage im jüdischen Interesse läge!! Ahlwardts Wahl bezeichnete der Kanzler lediglich als eine Folge der allgemeinen Unzufriedenheit über die Caprivische Handels- und Wirtschaftspolitik auch in ländlichen Kreisen. Wiederholt gab Bismarck, wenigstens in Tischgesprächen, seiner Entrüstung über die Verfolgungen Ausdruck, denen die Juden in Rußland unter „Väterchen" Nikolaus ll. ausgesetzt waren bzw. sind. So äußerte er sich einmal seinem Historiographen, meinem leider inzwischen verstorbenen Freunde Heinrich v. Poschinger, gegenüber dahin, daß in Rußland neben den Polen und den baltischen Deutschen die Juden am schlechtesten behandelt würden. Daher sei es Wohl begreiflich, wenn die Vertreter dieser drei Rassen nur Haß gegen ihr Vaterland hegen könnten. Wenn es zu einem Kriege zwischen Deutschland und Rußland kommen sollte, wäre es erklärlich, wenn die genannten Nationalitäten in den Siegern ihre Befreier begrüßen würden. Heftig ereiferte er sich dagegen, daß man den Juden das Heimatsgefühl abspreche. Selbst unter den kleinen Leuten gäbe es viel gute und rechtschaffene Persönlichkeiten, die er hochschätze. So manche hübsche Geschichten und Episoden erzählte er von solchen Elementen auf dem Lande. So plauderte er einmal in Versailles mit Moritz Busch also: „Es war da einer bei uns in Pommern, der handelte mit Häuten und ähnlichen Produkten. Das muß einmal nicht gegangen sein, denn er wurde bankrott. Da kam er denn zu mir und bat mich, ich sollte ihn schonen und meine Forderung nicht anmelden. Er würde mich schon bezahlen, wenn er könnte, nach und nach. Nach alter Gewohnheit ging ich darauf ein, und er zahlte wirklich. Noch als Bundesgesandter in Frankreich kriegte ich Abzahlungen von ihm, und ich glaube, daß ich, wenn ich überhaupt was, doch weniger als andere verloren habe." Ebenso rühmte er bei vielen Anlässen, wie wir in Büschs „Tagebuchblättern" Band I, Seite 236, lesen, die T u g e n d e n seiner israelitischen Mitbürger, ihren Respekt vor den Eltern, ihre eheliche Treue u n b ihre Wohltätigkeit. Da „Büschchen", der Leiboffiziosus des Kanzlers im Deutsch-französischen Krieg, ein ausgemachter und ausgepichter Antisemit war, haben seine diesbezüglichen Kundgebungen einen doppelten, geschichtlichen Wert. Wiederholt hat Bismarck gegen die judenfeindlichen Bestrebungen der Judenverfolgungen und gemeingefährlichen gesetzlichen Maßnahmen der rumänischen Regierung gegen ihre israelitischen Mitbürger interveniert. Dies war zum Beispiel auch im Jahre 1868 der Fall. Die Sprache, die er damals führte, ließ an Energienichts zu wünschen übrig. Der preußische Gesandte in Bukarest war von ihm beauftragt worden, die Mißbilligung und Entrüstung der leitenden deutschen Kreise über das Vorgehen der rumänischen Regierung gegen die Juden zum Ausdruck zu bringen. In zwei Briefen, der eine gerichtet an die Alliance JsraÄite in Paris und der zweite an den Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin, sprach der damalige Bundeskanzler ganz unverhohlen und in wohltuender Weise feine philosemitische Gesinnung aus. Da diese Aeußerungen im allgemeinen nur wenig bekannt sind, seien sie hier im Wortlaut wiedergegeben: An die „Alliance Jsraelite" in Paris. Berlin, 22. Februar 1868. Ich habe die Ehre, Ihnen in Beantwortung Ihres Briefes vom 4. d. M. mitzuteilen, daß die Königliche Regierung ihren Repräsentanten in Bukarest aufs neue dahin instruiert hat, daß derselbe seinen ganzen Einfluß dahin anwende, daß Ihren Glaubensgenossen in Rumänien der Schutz zuteil werde, welchen sie in anderen Ländern, in denen die Legislatur auf den Prinzipien der Humanität beruht, genießen. Ich bin übrigens fest überzeugt, daß die Absichten des Fürsten Karol vollständig mit unseren Wünschen übereinstimmen und daß Seine Hoheit mit festem Willen die Entwickelung der

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