Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1915)
- Date
- 1915-04-02
- Page
- Seite 160 (sequence 4)
- Language
- German
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160 Lemberg, die Gouverneure von Galizien und die Chefs derjenigen Kreise, welche nicht zum Bestand eines Gouvernements gehören. Mit der kläglichen Ausrede von der „Spionage" der Juden sucht der „echte Russe" Bobrinsky diese Russifizierung Galiziens zu rechtfertigen. Aber dieses Vorgehen zeigt der Welt wenigstens, was sie von einem Siege Rußlands zu erwarten hat. Mit den Juden fängt man an, und mit den „Fremdvölkern", wie es auf echtrussisch heißt, hört es auf, bis dann Russisch Trumpf ist. Tie Judenpogrome in R u ß l a n d. Eine russische Ableugnung. Petersburg, 18. März. Aus dem Wege durch die österreichisch-deutsche Presse hat der Reichstagsabgeordnete Reizeß an Sasonow einen offenen Brief gerichtet, in dein er die russischen Soldaten aller Arten von Ausschreitungen gegen die israelitische Bevölkerung von Galizien, der Bukowina und Russisch-Polen beschuldigt. Reizeß behauptet, daß in Rußland selbst die Juden unter unaufhörlichen Pogromen leiden. Er versichert, daß die Verwandten der verwundeten israelitischen Soldaten in den Spitälern zum Besuche ihrer Angehörigen nicht zugelassen würden. Die Petersburger Telegraphen-Agentur ist ermächtigt, diese Verleumdungen der russischen Armee und des russischen Volkes entschieden zu dementieren und zu erklären, daß weder im Innern des Reiches noch auf dem Kriegsschauplatz ein Pogrom verzeichnet worden sei, denn die Militärbehörde, die darauf bedacht sei, die in Kriegszeiten so notwendige Ruhe unter der Zivilbevölkerung aufrechtzuerhalten, Hütte keine Unordnung geduldet. Es ist natürlich, daß der Besitz der Privatleute, der sich in der Nähe der Schlachtfelder befindet, der Gefahr der Vernichtung ausgesetzt ist. Die Religion spielte dabei keine Rolle, und die Juden könnten ebenso wie die anderen Einwohner betroffen werden. Vereinzelte Fälle von Plünderungen würden stets streng bestraft. Es sei eine böswillige Erfindung, wenn man behauptet, daß die Juden, die ihre verwundeten Verwandten in den Spitälern besuchen wollen, in den Provinzen nicht zugelassen würden, in denen den Juden der Aufenthalt verboten sei. In der russischen Armee würden alle Soldaten einschließlich der Juden in der gleichen Weise behandelt und belohnt. Uebrigens bekundeten die Juden selbst, wie sehr sie über die deutsch-österreichischen Machenschaften aufgebracht seien, die unternommen würden, um die russischen Juden aufzuwiegeln und die neutralen Länder mit Rußland zu verfeinden. Der schlagendste Beweis für die Nichtigkeit dieser Behauptung sei die Schilderung in der russischen Zeitung „Nolvi Woschod" von Baron Günzburg, der oen Kriegsschauplatz besuchte. Es werde darin festgestellt, daß in der russischen Armee keine Feindseligkeit gegen die Juden bestehe. In einigen Nummern dieses Blattes würden die Erklärungen des Barons Günzburg bestätigt. Msmarcks SteHuns sum Judentum und ru den Indem Von Dr. Adolph K o h u t. II. <Nachdruck verboten.) er Kanzler konnte sehr ärgerlich werden, wenn man ihn im Parlament oder in Versammlungen als Antisemiten hinstellte und in der öffentlichen Meinung die Ansicht aufrechtzuerhalten suchte, daß er noch immer den angeführten Anschauungen in bezug auf die Juden, die er im Anfang seiner parlamentarischen Laufbahn hegte, huldige. Er nahm wiederholt Veranlassung, sich dagegen aufs schärfste auszusprechen, Selbst nach seinem Sturz mußte sein damaliges Leiborgan, die „Hamburger Nachrichten", aufs entschiedenste gegen diese Verdächtigungen Stellung nehmen. Das genannte Blatt erklärte im Namen und im Sinne des Altreichskanzlers, daß die antisemitische Agitation, wie sie in der Presse und in den Versammlungen zu jener Zeit betrieben worden ist, nie zu einem praktischen Ergebnis führen könne. Es machte sich über den Neid und die Scheelsucht der Antisemiten lustig, die sich darüber erregen, daß die Inden eine größere Erwerbsfähigkeit haben. Mit wüsten Agitationen werde man diese Eigenschaft nicht aus der Welt schaffen. Der Jude sei. wenigstens solange er noch kein Vermögen erworben habe, arbeitsamer und sparsamer als viele seiner christlichen Mitbewerber in der Branche, in der er tätig sei. Und selbst wenn er sein Ziel erreicht habe und reich geworden sei, bleibe er sparsamer, solange ihn die Renommiersucht nicht erfasse. Spöttisch fragten die „Hamburger Nachrichten", ob den , die Antisemiten ä la Stöcker, Ahlwardt und Genossen aus den Grunde, weil der israelitische Volksstamm vielen anderen Blvölkerungselementen im Gelderwerb überlegen sei, etwa z, Maßregeln wie die Bartholomäusnacht oder die Sizilianisüs Vesper oder dergleichen greifen wollen? Alle Diskussionen über die Judenfrage in der antisemitischen Presse seien zu verdau - men. Die ganze antisemitische Bewegung befinde sich a> s einen: Holzwege und werde und könne nichts erreichen, b i sei im übrigen unwürdig, gegen solche antisemitische R - nommistereien anzukämpfen. Sehr entrüstet war Bismarck, als man anläßlich des Ah - Wardt-Prozesses auf dem konservativen Parteitag den Ant - semitismus hätschelte. „Wohin diese Wege führen sollen," bemerkten damals die „Hamburger Nachrichten", „darüber i t von den Führern der Bewegung sich keiner klar. Als nächst« Ziel ist die Aufhebung des Gesetzes vom 3. Juli 1869 über b'i- Gleichberechtigung der Konfessionen in Aussicht genommen. Daß es in absehbarer Zeit einen Reichstag und einen Bunde - rat geben könnte, die solchen Bestrebungen die gesetzliche San - tion erteilten, daran glauben auch wohl jene Führer nicht." Die „Hamburger Nachrichten" sowohl wie die „Allgemeine Zeitung" in München, die Sprachrohre des Kanzlers in jen-r Zeit, erklärten es für eine Verleumdung des Staatsmanne s wenn eine gewisse Presse die Verdächtigung ausstreue, daß - r der eigentliche „Vater des Antisemitismus" sei. Diese B - hauptung gehöre genau in die Kategorie jener französisch^! Kindereien, die zu Ende der sechziger und der siebziger Iah c des vorigen Jahrhunderts Bismarck als den Urheber aller Unbequemlichkeiten und Nachteile ansahen, die irgendwo ani Gottes Erdboden für Frankreich entstanden seien. A; einzigen Beweisgrund wüßten diese Blätter imm.r nur anzuführen, baß der Fürst einmal eine Adresc eines antisemitischen Berliner Vereins habe wohlwollend beantworten lassen. „Fürst Bismarck", so schrill' das letztgenannte Bismarck-Organ, „hat in seinem lange.! Dienstleben bekanntlich Unsummen von Adressen erhalte , deren dankende Beantwortung nach Maßgabe der vorhandene > Arbeitszeit und Arbeitskräfte mit der ihm eigenen geschäf - lichen Höflichkeit erfolgte. Wenn darunter auch eine dankend e Antwort an einen antisemitischen Verein ergangen ist, d e s s e i Tendenz dem Fürsten vermutlich gar nicht näher bekannt war, so hat niemand ein Recht, daran■ auf die Billigung der Tendenz zu folgern. Fürst Bismarck h>! in Frankfurt mit dem alten Rothschild, in Berlin mit Herrn v. Bleichröder in sehr guten Beziehungen gestanden, und biv letztere bewahrt dem Fürsten auch heute noch eine Ergeben!)e t und dankenswerte Anhänglichkeit, an welcher so viele unserer „Patriotischen, christlichen Landsleute" sich ein Muster nehme > können. Er dürfte gleichfalls wissen, wie Fürst Bismarck übr die Bestrebungen des Antisemitismus denkt. Die freisinnige! Blätter würden viel eher im Rechte sein, wenn sie dem Fürst- -> Bismarck die Vaterschaft für die Stellung zuschrieben, welrt c die Juden heute gesetzlich und verfassungsrechtlich in Deutsrland einnehmen. Die Herren von der freisinnigen Presse schul den in ihr eigenes Fleisch, wenn sie glauben, aus Lieb - dieneret gegen die Gegner und Hasser des Fürsten Bismarck ihn auch nach dieser Richtung als den Urheber einer der widerlichsten Erscheinungen unserer Zeit vcleumden zu müssen. Alle gebildeten und unterrichtet!- n Israeliten urteilen hierin wesentlich anders." Uebrigens hat sich im Reichstag, und zwar in der Sitzuul vom 2. April 1881 Bismarck selbst über seine Stellung zum Antisemitismus eingehend geäußert.