Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1915)
- Date
- 1915-04-02
- Page
- Seite 159 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Und Israel sucht und findet seinen Gott, zum Verdruß seiner -egner, die den Bund zwischen Gott und Israel für gelöst alten, und zum Erstaunen seiner eifernden Freunde, die ihm armer von neuem den wohlmeinenden Vorwurf der Gottverrssenheit machen. -|tf w NW' '28 Ich schlafe, spricht srael, allein mein Herz wacht; mein Herz vernimmt die Stimme -eines Freundes, auch wenn der Sturm des Hasses und der , 'erfolgung noch so gewaltig um mich tobt und die „Wächter >if den Zinnen", deren Obhut ich anvertraut bin, mich quälen >id Verwunden und den Schleier der Unschuld von meinem --esichte reißen?) Ich höre, wie er mich ruft: „Kehre um,! >hre um, o Sulamith, und ich folge freudig dem 'ufe meines Gottes, der mich immer aufs neue von den klavenketten Mizrajims befreit und durch Nacht und Fiiisteris dem Lichte der künftigen Erlösung, dem TnyS HOB itqcgenführt."") So deuteten unsere früheren Lehrer das alte Schir ischirim und gestalteten es zu einem heiligen Buche des rvstes, der Belehrung und Erbauung, von dem sic, hineisend auf die alten Judenchristen, die in dem Jni alt dieses Buches eine allegorische Verherrlichung ihres tifters und seiner Anhängerschaft erblickten, mit Entschiedenst bemerkten: Man deute nicht das Hohelied in einem für irael kränkenden und seinen reinen Gottesbegriff herabardigenden Sinne?") Das uns überlieferte Schir haschirim >thält nichts anderes als einen Lobgesang auf das ewige iebesbündnis zwischen dem einen einzigen Gott und 111 n c m Volke Israel. Sie Woche. Berlin, den 29. März 1915. nsere Uebersicht muß mit unerfreulichen Nachrichten beginnen. Die Festung Przemysl hat sich dem bnde ergeben müssen, nachdem die Festungswerke von den elagerten zerstört, Kanonen und anderes Material unbrauchn° gemacht worden sind. Nicht der Feind, sondern der unger hat die stolze Festung bezwungen, die sich in einer ehr als viermonatigen Belagerung heldenhaft gehalten üte. Welcher Fernstehende wollte es wagen zu entzeiden, ob ein anderer Ausgang möglich, ob nicht durch alle iittel eine reichlichere Verproviantierung erzielt werden nnte — die Tatsache bleibt bestehen, daß eine außerordentch große Zahl tapferer verbündeter Krieger in Gefangenschaft andern muß — und man weiß, was das bedeutet, in die ände von Barbaren zu fallen. Nicht minder betrübend ist, iß eine große Zahl von russischen Truppen nun frei wird ad entweder für die schweren Kämpfe in den Karpathen Verwendung findet oder gegen Krakau marschiert. Auch die Vorgänge in Memel, von denen schon in der hten Nummer die Rede war, sind höchst unerfreulich. Die nssen haben in der kurzen Zeit ihrer dortigen Anwesenheit ie die Wilden gehaust, geplündert, gemordet, geschändet, und enn sie auch bald genug vertrieben wurden, so ist der von men angerichtete Schaden sehr beträchtlich. Acht volle Monate wütet nun schon dieser furchtbare Krieg, ad noch ist kein Ende abzusehen. Die Ansprüche unserer Feinde hen auf eine volle Herabdrückung, auf eine gänzliche Verachtung Deutschlands. Wir, die wir keinerlei Ansprüche auf n anderes Land machten, wir, die wir nur unsere Tätigkeit i friedlichem Wetteifer mit anderen Nationen lausüben ollten, sind wider unseren Willen in den mörderischsten Krieg ibidem. ®) ibidem. . 10) «Sk jra *bv. wib cnw "1'V penn v* hineingezogen worden. Wir können nicht ruhen, ehe nur die Feinde niedergerungen haben. Wir leben der festen Ueberzeugung, daß wir den Sieg erringen müssen, aber wir verhehlen uns nicht, wie riesenschwer diese Aufgabe und wie unendlich fern das Ziel ist. In folgendem seien einige Nachrichten über r u s s i s ch e Zustände zusammengestellt. Sie sind dein „Berl. Tagebl.", der „Berl. Morgenpost", der „Franks. Zeitung" entnommen und bekunden alle aufs neue, wie entsetzlich die Lage unserer Glaubensgenossen ist. Sie lauten: Das E l e n d d c r r u s s i s ch e n I u b e n. Aus Bukarest wird uns geschrieben: Während eines sieben Monate langen Aufenthaltes in Nußland, von wo ich eben zurückgekehrt bin, hatte ich Gelegenheit, mich von der entsetzlichen Lage der Juden in bcn den Kriegsschauplätzen benachbarten Gebieten zn überzeugen. Am schlimmsten ist es natürlich ans dem Kriegsschauplatz in Polen selbst. Ans den morastigen Straßen des Landes sieht man lange Züge von Greisen, Frauen und Kindern. Sie werden von beit russischen Truppen ans ihrem Rückzuge vor sich her nach Warschau zu getrieben. Unter dem erheuchelten Vorwände, daß die Juden sich der Spionage schuldig machten, lassen die russischen Militärbehörden in wenigen Stunden bevölkerte Städte und Flecken von der Bevölkerung räumen und Tausende von Familien vertreiben. Niemand darf zurückbleibeu, weder die Notabelu, noch hundertjährige Greise, noch Wöchnerinneu. In wenigen Stunden sind etwa 50 000 Juden gleichsam in einem Kesseltreiben nach der Hauptstadt Polens geschasst worden. Sie mußten fünfzig Kilometer und mehr in Regen und Schnee täglich zu Fuß zurücklegen, denn Bauerngefährte sind entweder gar nicht oder doch nur zu unerhörten Preisen aufzutreiben. Greise und Kinder starben unterwegs. Ein Mädchen brachte den vor Frost erstarrten Leichnam ihres Vaters heran. Eine Frau, die auf dem Hof des jüdischen Gemeindegebäudes aus einem Wagen stieg, stieß einen verzweifelten Schrei aus itnb brach ohnmächtig zusammen, denn sie erkannte, daß das Kind, das sie unterwegs an ihrem Busen gewärmt hatte, gestorben war. Dieses sind Tatsachen, und zwar Tatsachen, welche die russische Militärzeusur hat passieren lassen, denn sie sind in dem „Nowi Woschod" veröffentlicht worden. Die Zustände sind schrecklicher als zur Zeit der spanischen Judenaustreibung von 1492. Denn damals dienten doch die Söhne der Vertriebenen nicht in dem Heere Ferdinands des Katholischen. In Rußland aber begegnen die jammervollen Züge der Vertriebenen aus ihrem Wege unter den Soldaten des Zaren ihren Vätern, Gatten oder Brüdern, die in umgekehrter Richtung hiuausziehen, um das Land zu verteidigen, ans dem man ihre Familien verjagt. Eine Tragödie sondergleichen. Aber auch die jüdischen Soldaten werden nicht besser behandelt. In Moskau wurde einem solchen im Lazarett ein Arm abgeuommeu. Als er das Lazarett verließ, wurde er schleunigst ausgewiesen. Ist seine Heimat vom Feinde besetzt, so mag er seheil, wo er bleibt. Er kann nicht außerhalb der Zone leben, in der seine Stammesgenosseu zusammengepfercht sind. Eine alte jüdische Dame war von Lodz nach Petersburg gefahren, wo ihr Sohn lebt. Aber hier war ihres Bleibens nicht, weil sie kein Leumundszeugnis hatte. Wie sollte sie sich aber ein solches verschaffen, da die Polizei zu allererst aus Lodz geflohen war. R u s s i f i z i e r u n g Galiziens. Petersburg, 19. März. Die „Birshewyja Wjedomosti" veröffentlichen folgende in Lemberg publizierte obligatorische Verordnung des galizischen Geueratgouvern-eurs Grafen Bobrinsky vom 13./26. Februar d. I.: Infolge Befehls des Oberkommandierenden der Armeen der Südwestfront bestimmt der Militärgouverneur von Galizien angesichts der in der letzten Zeit erhöhten Spionage durch Juden auf Grund der Punkte 1, 2 unb 3 des Gesetzes betreffend die Ortschaften, die als im Kriegszustände befindlich erklärt sind: 1. Personen jüdischer Nationalität ist der Eintritt in die Grenzen Galiziens untersagt; 2. Personen jüdischer Nationalität ist untersagt, von einem Kreise Galiziens in den anderen zu reisen; 3. die Schuldigen werden im Administrativverfahren mit einer Geldstrafe bis zu 3000 Rubeln oder gefänglicher Einziehung bis auf die Dauer von drei Monaten bestraft. Die Ausführung dieser Verordnung erfolgt durch den Stadthauptmaun in