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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-04-02 · Heft 14 (2.4.1915) · p. Seite 158

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 14 (2.4.1915)
Date
1915-04-02
Page
Seite 158 (sequence 2)
Language
German
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158 leitende und erhaltende Gotteskraft, sondern auch eine Schilderung jener großen unendlichen Liebe wahrzunehmen, die Israel von alters her mit seinem Gott und Gott für ewige Zeiten mit Israel verbindet. So bemerkt Abraham ben Esra in einem kurzen Vorwort zu seinem dreiartigen Kommentar über Schic haschirim: „Unter den tausendundfünf Liedern Salomos gibt es kein zweites, das an Schönheit, Würdigkeit und Sinnestiefe dem Hohenlied gleichkommt. Es schildert den Bund zwischen Gott und Israel seit den Tagen Abrahams bis in die späteste Gegenwart und lenkt zugleich unseren Blick auf die herrliche Zeit des Messias. Es zeigt uns Gott und die Kcnesseth Israel im Bilde eines in unvergänglicher Liebe verbundenen Brautpaares und spricht so zu uns die Sprache der Propheten, die gleichfalls, wie z. B. Jesaia, Ezechiel, Hosea und der Psalmist, sich ähnlicher Bilder bedienten. Fern aber sei es von uns, Schic haschirim als ein erotisches, weltliches Lied zu bezeichnen, denn wäre es ein solches, man hätte es nicht für würdig erachtet, den heiligen Schriften anzugliedern." Wie dem aber auch sei! Mag Schir haschirim ursprünglich ein Liebeslied gewesen sein, mag es, wie Renan und andere behaupten, nichts anderes als eine Sammlung dialogisierter Liebesszenen enthalten, die man im alten Israel bei Hochzeiten zu deklamieren oder zu singen pflegte: ein Alltägliches war und ist es nicht; seine von der Weltliteratur anerkannte Bedeutung als die herrlichste Schöpfung der hebräischen Poesie wird dadurch weder beeinträchtigt noch entwürdigt. Uns aber ist das Hohelied schon aus dem Grunde eine heilige Urkunde, weil der dichtende Geist Israels in den verschiedensten Epochen unserer Geschichte sich seiner anmutigen Redewendungen bedient hat, um dem seiner sonnigen Heimat entrissenen und in die so kalte Fremde gestoßenen Gottesvolke Trost und Hoffnung, Mut und Aufrichtung zu spenden. Ich wage es auszusprechen: der dichtende Geist Israels, der besonders in der talmudischen Agada der alten Zionsharfe die lieblichsten Töne zu entlocken versteht, war und ist der beste Erklärer und der zuverlässigste Konservator unserer heiligen Schriften. Er forscht nicht lange vergeblich nach den Namen ihrer Verfasser, nach Quellen und Ursprung, er setzt sich, im Gegensatz zum Literarhistoriker, über Zeit und Raum hinweg, verbindet mit geschickter Hand die Vergangenheit mit der Gegenwart und läßt aus längst verblaßten Erlebnissen neue Lebenslagen widerspiegeln. Er hat nur das eine Ziel: das Bild der Zukunft so lichtvoll wie möglich auszumalen, um dem bedrängten Volke die bittere Gegenwart einigermaßen erträglich zu gestalten. Ob Salomo oder ein anderer das Hohelied verfaßt hat, ob es früher ein profanes oder ein religiöses war, ist ihm nebensächlich: er kleidet cs in heiliges Gewand und fühlt sich hierzu berechtigt, weil er des Volkes Gedanken und Gefühle, denen er den richtigen Ausdruck verleiht, kennt und würdigt. Von diesem Geiste waren jene unserer alten Lehrer beseelt, die das Hohelied als einen Lobgesang auf das in uralter Zeit zwischen Gott und Israel geschlossene Bündnis deuteten, das dauernd wie die Ewigkeit und von dem ermutigenden Bewußtsein: „Ich gehöre meinem Freunde und mein Freund gehört mir" (Hoheslied 6, 3) getragen ist. Nur einige Proben dieser Deutungen, die nach verschiedenen Fronten gerichtet sind, mögen hier folgen. Die Propheten bezichtigten Israel des Treubruches, des Abfalls von Gott und seiner Lehre. Da erwiderte Israel ihnen: Sehet mich nicht an, daß so schwarz ich bin; es ist ja nur die Sonne, die mich gebräunt (Hoheslied 1, 6). Hütet euch, den Knecht — Israel wird ebenso wie der Prophet ein Knecht Gottes genannt - ~ bei seinem Herrn zu verleumden. Moses hat Israel mit den Worten „höret ihr Widerspenstigen" angeredet, und zur Strafe dafür durste er den geweihten Boden des heiligen Landes nicht betreten. Der Prophet Jesaia klagte: Ich bin ein Mann unreiner Lippen und wohne unter einem Volke unreiner Lippen (Isaia 6, 5—6). Da sprach Gott zu ihm: „Dich darfst du eine» Mann unreiner Lippen nennen, nicht aber mein Volk Israel ', und die Strafe folgte auf den Fuß. Einer der Seraphim entnahm denl Altar eine glühende Kohle und führte sie an de» zügellosen Mund des Propheten. Der Prophet Elia rief unmutig aus: Ich eifere fi r dich. Ewiger, Herr der Heerscharen! Die Kind r Israel haben deinen Bund verlassen, deine Altä e zerstört und deine Propheten mit dem Schwerte erschlag:» (l. Könige 19, 14). Und der Ewige erwiderte ihm: Halte e» mit deinen Anklagen gegen mein Israel. Es hat doch nie,! deinen, sondern meinen Bund verlassen, nicht deine, sondei» meine Altäre zerstört und meine Propheten erschlagen. Wei» du durchaus für mich eisern willst, so gehe nach Damaskus. In dieser an Götzentempeln reichen Stadt darfst du für nutz eifern, dort findest du ein weites Feld für deine Wirksamkeit». Die heidnischen Völker sehen Israel erniedrigt, verfolgt urd verachtet und sprechen zu ihm: Gott hat feine Gunst dir er zogen und uns zugewendet, er wird sein altes Bündnis vollents mit dir lösen und mit uns schließen. Da erzählte ihnen Jsra ( folgende Geschichte: Eine Negermagd traf am Brunnen ett c Freundin und teilte ihr die Nettigkeit mit, daß ihr Herr sich demnächst von seiner Frati werde scheiden lassen, um sie -» heiraten. „Das befremdet mich," entgegnete die Freundi „was ist denn vorgefallen?" „Das will ich dir sagen", versetzte die Negermagd. „Mein Herr sah die Hände feiner Fra» von Ruß geschwärzt, das erregte seinen Widerwillen und führ:: ihn ztl dem Entschluß, sie zu verstoßen und an ihre Stelle mi i, zu setzen." „Einfältiges Mädchen!" belehrte sie die Mge'e Freundin. „Was du mir erzählst, ist ja der reine Unsin». Dein Herr, der sich von seiner weißen Frau, weil ihre Häme durch Fahrlässigkeit einmal geschwärzt waren, scheiden lass:» will, wird dich. Schwarze von Geburt, nie und nimmer zur Gattin wählen: er wird sich mit seiner Frau, die ihre schwär - gewordenen Hände mit Leichtigkeit reinigen kann, schon wi der vertragen."°) Die Völker der Welt vermögen Israels felsenfeste, alle» Lockungen und Versuchungen trotzbietende Treue ztt seinen Gott nicht zu begreifen. Sie staunen über Israels Beharrlichste;! im Glatrbeit und Hoffen, bewundern seine in dem tausendjährigen Martyrium sich zeigende Seelengröße und spreche» zu ihm: „Was ist dein Freund (Gott) vor jede,» anderen Freund? (Hoheslied 5, 9). Was ist es, das euch i» viel Mut, Kraft und Ausdauer verleiht, für und um ihn z» leiden und zu dulden, für die Verherrlichung seines Namenfromm und hingebungsvoll wie eine Taube") in den Tod z» gehen? Fürwahr! Win HS1 "pH euch zieren die schönste» Tugenden: Wohltätigkeit, Treue und Tapferkeit, kommt un» vereinigt euch mit uns." Nun schildert ihnen Israel in sarbei schillernden Bildern die Größe, den Ruhm und die Herrlick keit seines in ewiger Liebe die Welt umfassenden unsichtbare» Gottes. Wie die Völker das hören, sprechen sie mitleidsvo l zu Israel: „Wohin aber ist dein Freund gegangen? Wohi» nur hat er sich gewendet? Wir wollen uns euchanschließe» und zusammen mit euch ihn suchen gehen." (Hoheslied 6, I» „Um mit euch zusammen den weiten Weg zu gehen," erwidert Israel, „müssen wir warten, bis der Tag kühler weht und di' Schatten fliehen". Bis dahin aber gehört mein Freund n» mir, und ich allein gehöre ihm — ich allein kann und werd. ihn suchen und finden."h *) Schir haschirim rabba; siehe dort auch das Wortspiel naan na - pan. h ibidem. 6) "iS birw maTix nana nar na- 7) ibidem.

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