Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1915)
- Date
- 1915-04-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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0. Jahrgang Nr. 14 Berlin, 2. April 1915 Allgemeine Zeitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon , gaf«„b„„9m f&[ | Unter Leitung des Expedition sind an die Adresse: Verlag der Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger SÄSTS'Ä Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 I nt0 / g<tltn' I liiese Zeitung erscheint wLchenlUch. U bonnement s«p vcU; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32^. T: rtftftft* haschirim. Von Albert Kotz. — Die Woche. — 5 "T-UTA. Bismarcks Stellung zum Judentum und zu den Juden. Von 2!. Adolph Kohut. — Gustav Schneider. Bon Karl Schwarz. — t u neues Quellenwerk zur Geschichte der deutschen Juden. Von?! Warschauer. — Ein jüdisches Ostergeschenk. Von Marie Beßi! ertny. — Feuilleton: Der neue Christ. Roman von Peter UjvLri. I übersetzt vonRosa Trencseni. — Denkt daran. Von Da niel Jacobh. Passah. Von E. Fl an ter, Berlin. — Büchereinlauf. — Literarische itteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judenl ms^). Berlin, Posen, Breslau, Hamburg, Elberfeld, Offenbach a. M., , eiburg i. Br., Zürich, Warschau. — Von Nah und Fern. Schir haschirim. Von Albert Katz. nter den herrlichen Gesängen, die wie nimmer welkende Blüten die Heilige Schrift umranken, nimmt das Hohei d mit seinem ewig-jungen, lebensfrischen Inhalt die erste c teile ein. Schir haschirim lautet der vvn den Redaktoren der Bibel l in verliehene Name, und als Lied der Lieder, das wie kein r ideres der hebräischen Poesie zu den Menschen eine ihnen iumcr verständliche Sprache spricht, tritt es uns noch heute c itgegen. Ein süßer Duft, wie der einem Felde im Frühling, ent- 1 :ömt seinen farbenreichen, mit den schönsten Blumen der Phantasie geschmückten Bildern, deren Anblick uns für eine l 'eile dem Jammer der traurigen Gegenwart entrückt und in i n alten Jubelruf einstimmen läßt: Der Winter ist vorüber, der Regen hat nachgelassen, die Blumen sprießen empor, die; eit des Sanges ist gekommen (Hoheslied 2, 12). Die uns vorgeführten Szenen, die in ihnen auftretenden Personen scheinen uns bekannt; die leidenschaftlichen, ewige v ebe und unvergängliche Treue atmenden Gespräche, die wir n den verschiedensten Variationen vernehmen, muten uns i otz ihres orientalischen Kolorits teilweise so an, als hätten »ir sie irgendwo schon einmal gehört, ja als hätten wir selber vor langen Jahren sie einanal gesprochen, und alte verblaßte Erinnerungen werden in uns lebendig und erfüllen unser > erz mit verzehrender Sehnsucht nach den, wie wir in Stunde der Verzagtheit glauben möchten, längst verschwundenen Tagen des Glückes und der Welt und Menschen beseligenden Liebe, von der unser Dichter so überzeugend singt: Starke Nuten löschen sie nicht, und reißende Ströme spülen sie nicht n rt (Hoheslied 8, 6). Ob Salomo der Verfasser dieser Dichtung war? Wir können es mit absoluter Sicherheit weder behaupten noch in Ab- > de stellen. ( Die Tradition spricht ihm die Autorschaft bedingungslos zu'), die hervorragendsten Geister des jüdischen h Bäbä bütra 15a inst, Aboth d. R. N. K. 1 unter Hinweis ans Pwverbia 25, 1.;■ Stammes während einer Zeitfolge von fast zwei Jahrtausenden folgten ihr hierin, und wir haben trotz allen von bibelkritischer Seite bisher dagegen erhobenen Einwänden noch immer keinen triftigen Grund, ihrer Ansicht entgegenzutreten. Doch darauf kommt es hier gar nicht an. Uns beschäftigt heute weniger der Dichter als das Werk selbst, und dieses, mag sein Urheber der weise Salomo oder ein anderer dieses Namens, ein König oder ein Bettler gewesen sein, ist uns Ivert und teuer, weil es uns, wie kein anderes des jüdischen Schrifttums, einen Einblick in das Seelenleben des alten Israels gewährt, dem Liebe und Treue als die heiligsten Empfindungen des Menschenherzens galten. Die urwüchsige Sprache, in der das Hohelied abgefaßt ist, die Unbefangenheit, mit der die Liebenden die Sehnsucht ihres Herzens schildern, die kein Geringerer als Goethe „als das Zarteste und Unnachahmlichste, was uns von dem Ausdruck leidenschaftlicher, anmutiger Liebe zugekommen", bezeichnet, versetzen uns in jene Zeit, da einer der gefährlichsten Feinde Israels, der heidnische Prophet Bileam, ihm das Zeugnis nicht verweigern konnte: Man sieht nichts Verwerfliches in Jakob und nichts Unrechtes in Israel (Numeri 23, 1). Ja, je aufmerksamer wir das Hohelied lesen, desto sicherer gelangen wir zu der Ueberzeugung: es entstammt einer Zeit, in der Israel, ein ureigenes, von fremden, seelenvergiftenden Einflüssen noch wenig berührtes nationales Leben führend, auch im Weltlichen den Odem des Allmächtig-Göttlichen verspürte und so im Natürlichen und Ursprünglichen jene unsichtbare Kraft gewahrte, die sich der Menschheit ganz besonders in dem die Geschlechter beherrschenden und miteinander verbindenden heiligen Gefühle innerster Zuneigung und Liebe als ihr Schöpfer und Erhalter offenbart. Nur so ist es erklärlich, daß das Hohelied, obgleich es ausschließlich von der glühenden Neigung jugendlicher Herzen, wie sie sich suchen, finden, trennen und wieder versöhnen, erzählt und, mit Ausnahme des zur Kennzeichnung der Liebesmacht gebrauchten Ausdrucks IT ronSü „Gottesflamme" auch nicht ein einziges Mal den Namen Gottes erwähnt, als das heiligste aller im Buche der Bücher enthaltenen und Salomo zugeschriebenen Lieder betrachtet wurde, so daß ein so großer Geist wie Akiba ben Joseph sich zu dem Ausspruch verstieg: Die Welt war nie so verdienstvoll wie an dem Tage, an dem ihr Schir haschirim mitgeteilt wurde"). Ueber die Heiligkeit des Buches Koheleth wurde gestritten; da machten sich Stimmen geltend, die es den kanonischen Schriften nicht angereiht wissen wollten, nicht aber über die des Hohenliedes, das nach einer Mitteilung des Ben Asai, eines Zeitgenossen Akibas, von jeher als heilig gegolten hat"). Ungeachtet oder vielleicht gerade wegen seiner überschäumenden eigenartigen Liebespoesie glaubte man im Inhalt des Hohenliedes nicht bloß einen Hymnus auf die das Menschengeschlecht 2) Mischna Jädajnn 13, 5. 3) ibidem.