Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-26 · Heft 13 (26.3.1915) · p. Seite 155

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 13 (26.3.1915)
Date
1915-03-26
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229191--71202-3283528
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

155 früher. Jetzt machte er alles selbst und war Tag und Nacht | tätig. Seine Frau, sein Sohn baten ihn, sich nicht auszuj reiben, aber er wollte nicht auf sie hören. Von früh bis spät j gönnte er sich keine Ruhe, traf Verfügungen, kalkulierte, korre-! jpondierte, zankte mit Arbeitern und Aufsehern, und wenn er , endlich zu Bette ging, mußte er sich in nasse Leintücher eini wickeln lassen, denn ein Fieber, eine innere Unruhe quälten ihn, : lind sein Herzleiden trat heftiger auf, als je zuvor. Im Herbst war er mit der Wiederherstellung der Kuppel so s weit vorgeschritten, daß schon die inneren Arbeiten an die Reihe! kamen. j Littauer reiste von einem Marmorbruch zum andern, doch i fand er nirgends entsprechendes Material. So faßte er den I Entschluß, dasselbe aus dem Auslande kommen zu lassen. - „Samuel," sprach er zu seinem getreuen Famulus, „willst s du mit mir nach Litwenitza fahren?" ' Dem Samuel Spitz stockte der Herzschlag. Litwenitza war! ihr Heimatsort, von dort waren sie vor langer, sehr langer Zeit nach Ungarn hergekommen. Wenn er sich manchmal süßen Träumereien hingab, dann träumte ihm, daß er im Feiertagsgewande nach Litwenitza reise. Aber das war immer nur ein Traum geblieben. Doch jetzt fragte ihn Littauer, ob er mit ihni nach Litwenitza reisen wolle. Seine Antwort kam zaghaft, zögernd über die Lippen; wußte er doch nicht, ob es Littauer - ernst meinte oder nur Scherz mit ihm trieb. Als er dann er-! fuhr, daß Littauer die Absicht habe, dort Marmor einzukausen,! war er beruhigt. Denn was wahr ist, ist wahr: besseren Marmor als in ihrer Heimat konnte man nirgends bekommen. So machten sie sich also um die Winterszeit auf die Reise.; Es war ein weiter Weg, und die Fahrt ermüdete beide, besonj ders aber Littauer. Trübe Ahnungen quälten ihn, und Samuel! mußte ihm Mut und Trost zusprechen. Dieser konnte beim Anj blick der bekannten Berge, Dörfer und deren Bewohner nicht an! traurige Dinge denken. Er betrachtete alle mit entzückten Blicken, als wären es alte Bekannte gewesen. j Am Donnerstag kamen sie in Litwenitza an. Es war Abend,! und über die Häuser huschten freundlich die letzten Sonnen- > strahlen. In der beginnenden Dämmerung schien es, als wenn die Häuser, die Bäume zitterten, und Samuel Spitz wunderte sich gar nicht darüber, denn auch in ihm zitterte alles. In Litwenitza gab es nur einen Gasthos. Littauer nahm zwei ineinanderlausende Zimmer. Samuel hatte zwar große s Lust, in den Gassen herumzuschlcndern, doch, da sich Littauer j krank fühlte, blieb er bei ihm. Littauer stand beim Fenster, Samuel hinter ihm, und so blickten sie auf den Marktplatz hinaus. „Erinnerst du dich?" fragte Littauer mit leiser, beklommener Stimme. „Ich erinnere mich", sagte Samuel Spitz. „Schau, dort stand einst das Zelt meiner Mutter," sprach Littauer, indem er in die Richtung des Dreifaltigkeitsdenkmals zeigte. „Wer mag ivvhl jetzt dort verkaufen . . . au ihrer statt? . . . Sie war eine herzensgute Frau." Dann schwiegen beide. Die Kindheitserinneruugen überfluteten mit warmen Wellen ihre Herzen. Es >var eine schöne, eine herrliche Zeit gewesen. Sie hatten viel gehungert, aber auch viel gelacht. Jetzt hungerten sie nicht mehr, lachte» aber auch nicht sehr. Der Mond breitete eine silberne Decke auf die Häuschen, als wollte er sie gegen Wind und Kälte schützen. In den Gassen ivar es still, nur hier und da erklang auf dem spitzen Steinpflaster der Schritt eines eilenden Menschen. Dann wurde es Plötzlich lebhafter. Da und dort tauchten Kaftanjuden aus und vereinigten sich am Marktplatze, weit entfernt von der Dreifaltigkeitssäule, zu einer Gruppe. Dann begannen sie ein leises Summen, als ob sie beteten. Auf dem Himmel leuchtete rein und sieghaft der Neumond. „Kidesch Lewune,"J murmelte Samuel Spitz. Und wie sie die im Gebete versunkenen Gestalten betrachteten, beniächtigte sich ihrer Seele tiefe Schwermut. Littauer bebte und zog sich fröstelnd vom Fenster zurück. Warum sollte ihn der Mond mit seinem milden Silberstrahl bescheinen? Er betete doch nicht. Dem Samuel aber quollen fast die Augen aus den Höhlen. Er bohrte seine Blicke in die Nacht hinein, und sein Herz flog den Betenden zu. Ob wohl Schmelkele Ostopadowitsch unter ihnen war? Oder Gedalje Lewinsky und Esre Schemtow Reiniger? Mit denen er seine glücklich-elenden Kinderjahre verbracht hatte! „Es ist kalt," klagte Littauer. „Ebenso war es im Jahre 53. Erinnern Sie sich, gnädiger Herr?" Im Jahre 1853 war wirklich ein grimmiger Winter gewesen. Die Juden in dieser Gegend hatten viel darunter gelitten. Littauer waren diese traurigen Erinnerungen im Gedächtnis haften geblieben. Und daraufhin fingen sie an die Erinnerungen zu wecken. „Denkst du noch daran?" „Denken Sie noch daran?" Vor Mitternacht wurden sie nicht fertig damit. Es war Littauer ausgefallen — er sah es bei ihrer Ankunft —, daß der Geschäftsladen an der Ecke die Firma gewechselt habe. Wo mochte wohl der arme Bünem Heilstätter hingekommen sein? Und Samuel sagte, er habe einen alten Mann gesehen, er könnte wetten, daß es kein anderer war, als Reb Jüdl Schojfer. Sie sprachen von diesem und jenem. Was für brave, anständige Leute doch diese Juden von Litwenitza waren. Alles Böse war vergessen, aus dem Gedächtnis verwischt, sie erinnerten sich nur des Guten. Um Mitternacht gingen sie zur Ruhe. Littauer fröstelte es auch unter der Decke, und er atmete schwer. Später bekam er große Hitze, stieß die Bettdecke hinunter und konnte dann erst recht nicht schlafen, denn die Erinnerungen wurden immer lebendiger und machten es ihm noch heißer. Es war eine qualvolle Nacht. Froh begrüßte er die Morgendämmerung, doch als die kalte Wintersonne zum Vorschein kam, wurde ihm bange. Jetzt sollte er sich auf der Gasse zeigen. Aus dieser schmalen Gasse, die heute nicht mehr so wie früher ist. Früher hatte sie sich vor ihm willkommenheißend geöffnet, jetzt war es ihm, als ob die Häuser sich eng zusammendrängten und einander zuriefen: „Lasset ihn nicht herein!" „Ich bin krank, Samuel," seufzte Littauer, „ich bleibe zu Hause. Der Bergiverksdirektor erwartet mich ohnehin erst morgen. Und du?" „Ich werde hinausgehen." (Fortsetzung folgt.) ssrühling — Lstrrn 1818. Von I e u u l) B e r g m a n n. nun geht in deutschen Landen Der Frühling übers Feld, Das noch mit festen Bauden Der Frost umschlungen hält. Er spricht sein ewig: „Werde" Hernieder auf die Flur, ’) Die Juden Weit beim Erscheinen des Neumondes unter freiein Himmel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.