Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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154 ftrmi empfunden werden muß, verzichte. Das Wort der Bibel besteht noch immer zu Recht in seiner absoluten Gültigkeit: Es soll unter den Töchtern Israels keine Buhldirne g^ben. 5. Mose 23, 18." Weiteren Zuschriften möchten wir keinen Raum geben. Unseren eigenen Standpunkt haben nur in der Fußnote zu dem Artikel des Herrn Glücksohn dargetan und wollen an dieser Stelle nur auf das höchst Charakteristische Hinweisen, daß, während die Männer auf dem Standpunkt des Herrn Artikelschreibers stehen, die Frauen sich ihrer Geschlechtsgenossinnen warm annehmen. Die Redaktion. Der neue Lhrilt. Roman von Peter UjvLri. Uebersetzt von Rosa Trencsöni. (Fortsetzung.) Staubwolken verflüchteten sich, und auf dem Kirchen- 55^ platze wurde es wieder hell. Vor der Kirche, inmitten der Steinhaufen, funkelte das Kreuz hervor. In der Nähe der Triumphpforte aber lag Littauer still und regungslos. Frau Littauer lief herbei, warf sich neben ihn hin und wollte ihn erwecken: „Johann! Johann!" Die Domherren, die Prälaten standen finster, kalt, gleichsam abwehrend neben der Triumphpforte. „Johann! Johann!" schluchzte Frau Littauer. Gaston, der auch neben seinem Vater kniete, behorchte dessen Herzschlag. „Er lebt! Er lebt!" flüsterte er. Der Bischof löste sich von seiner Umgebung los und ging zu dem Ohnmächtigen. Er kniete neben ihn hin und mit milder Liebe und Zärtlichkeit schob er seinen Arm unter dessen bleiches Haupt. Pater Luzian aber ging zum Flaschenzug, umfaßte mit einem Arm das Kreuz und rief den Geistlichen triumphierend zu: „Das Kreuz ist gerettet! Das Kreuz ist gerettet!" Der Bischof wandte sein Haupt dorthin, woher der triumphierende Ausruf kam. „Luzian, auch ein Menschenleben ist etwas", sprach er sanft verweisend. Dann beugte er sich wieder über den Kranken und betete still. Auch auf dem anderen Ende des Platzes betete jemand. „Rebojne schel Ojlem, far wus haste dus getin, far wns?"') Und das Gebet flog auf weißen Flügeln von hier und von dort, und wo noch vor einer Viertelstnude die Kuppel erstrahlte, begegnete und vereinigte es sich, und so flatterte und schwebte es denn auswärts zu Gott. Ein Gebet, zwei Seufzer: jener des Bischofs und des armen Juden Samuel Spitz. XVII. Eine ganze Woche hindurch.sprach man im ganzen Lande von diesem großen Zusammensturz. In Letöce wurde mindestens vier Wochen lang darüber gesprochen. Wie war es geschehen? Wann war es geschehen? Jeder wußte neue und interessantere Einzelheiten zu erzählen. Zum Schlüsse wurde daraus ein noch nie dagewesenes, unbegreifliches Wunder. Es gab Leute, die gesehen hatten, wie aus der Kuppel Flammen emporschlugen; es gab solche, die gesehen hatten, daß, wie die Säulen polternd itrtb krachend zusammenstürzten, die Jungfrau Maria l auf einem brückenartigen Lichtstreisen aus dem Himmel niederglitt, rasch auf das Kreuz sank, um es mit ihren silbernen Flügeln zu decken. Deshalb ist es verschont geblieben. Natürlich hatte weder Buchsbaum noch Bernhard Troger diese Vision gehabt. Sie hatten etwas anderes gesehen. Sie hatten das größte Wunder gesehen. Sie hatten den Zadik gesehen. „Dus is gewesen a Minder, wie Jezies Mizrajim, sug ech ajch"') erzählte Bernhard Troger. „Die Leute waren vor Schrecken taub und stumm. Und ich habe solche Leibschmerzen bekommen wie zur Zeit der großen Cholera. Und warum? Weil ich auch erschrocken bin. Dann bin ich noch mehr erschrocken, denn wie ich hingeschaut habe, da sah ich, daß Littauer auf der Erde lag und neben ihm . . . wer denkt ihr wohl, wer neben ihm? Der Zadik war neben ihm. „Eine Kolik aus dich", fuhr ihn Mvjsche Essigsieder an, „das war der Bischof." „Der Zadik war es, sage ich dir." „Der Zadik war zu Hause. Ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen." „Grud dus is de Sod,"°) flüsterte Bernhard Troger. Freilich, freilich, dachten die Leute. Darin steckt eben das Wunder: daß der Zadik zugleich hier und dort gewesen sei. Der Zadik ist das imstande. Daran zweifelte auch Mojsche Essigsieder nicht. Nur konnte er sich nicht erklären, warum der Zadik als Bischof gekleidet war, denn, daß er ein Bischofsornat anhatte, das war heilig und gewiß. „Efscher hot e gesollt in Streiml im Schibetzer gajn zwischen de Geluchen?"') sagte Buchsbaum ärgerlich. Nun, das hat der Zadik wirklich nicht tun können. Er mußte sich den Umständen anpassen, und dem Zadik ist es ein leichtes, sich den Umständen anzupassen. Wenn er will, daß der Schibetzer funkeln soll wie das Ornat des Bischofs, dann funkelt es so, -und selbst die Domherren wissen nicht, daß das Ornat kein Ornat, sondern ein Schibetzer ist. Darüber läßt sich nicht streiten. So verhält sich die Sache. Der Zadik erfuhr, daß in der bischöflichen Residenzstadt etwas vorgefallen war, also eilte er unsichtbar an Ort und Stelle und blies dem von allen verlassenen Littauer neues Leben ein. „Wer weiß in wemes S'chis?"Z sagten die Leute. Soviel ist sicher, daß irgendeiner seiner Urahnen große Verdienste besitzen mußte, daß ihn Gott auch aus dieser Gefahr gerettet hat. Denn er wurde gerettet. Der große Zusammenbruch hatte weder sein Leben noch seine Hoffnungen zerstört. Als man von dein Kirchenplatze die Trümmer entfernt hatte, stellte es sich heraus, daß nur die Kuppel eingestürzt war, und auch dies mehr nach innen geschah. Die Mauern, die Türme blieben unversehrt. Man empfand darüber allenthalben große Erleichterung. In der bischöflichen Aula lächelten die Pfäfflein wieder seelenvergnügt, nur Pater Luzian trug noch den Groll im Herzen. Er war noch immer der festen Ueberzeugung, daß nicht Kollar, sondern Littauer, jener unverbesserliche Jude, cs verdient hätte, unter den Trümmern begraben zu werden. Der unverbesserliche Jude aber ging nicht zugrunde. Er mußte eine Zeitlang das Bett hüten, dann erholte er sich und ging wieder an die Arbeit. Er tat es noch energischer als ') Ich sage euch, es war «in, Wunder, wie der Auszug ans Aegypten. 3) Eben das ist das Geheimnis. h Hatte er vielleicht in polnischer Judentracht unter die kathdlisehen Priester gehen sollen? ") Wer weiß für wessen Verdienste? r) Herr der Welt, warum hast du das getan, warum?