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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-26 · Heft 13 (26.3.1915) · p. Seite 152

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 13 (26.3.1915)
Date
1915-03-26
Page
Seite 152 (sequence 8)
Language
German
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152 Zeit seines Lebens hat Professor D. Frankl für die Selbständigkeit der Neurologie gekämpft und erreichte auch dadurch die hervorragende Stellung, die er in der Gesellschaft deutscher Nervenärzte einuahm. Eine besondere Dankesschuld zollt Schreiber dieser Zeilen dem Verstorbenen. War es doch Professor v. Frankl, an dessen Ambulatorium zum erstenmal in Wien die funktionellen Sprach- und Stimmstörungen (vom Unterzeichneten) systematisch untersucht und behandelt wurden; und so erwarb sich Professor v. Frankl auch um diese Spezialdisziplin unvergängliche Verdienste. Hatte er sich in der wissenschaftlichen Welt einen glanzvollen Namen gemacht, so war er auch ein von weit und breit gern ausgesuchter Arzt, der durch seine hervorragende Persönlichkeit, durch eilt seltenes Zartgefühl und durch die Art und Weise, wie er seine Patienten behandelte, deren vollstes Vertrauen genoß, und die ihm deshalb mit großer Herzlichkeit zugetan waren. Und wenn ich schließlich sagen soll, was unser teurer Frankl seinen Schülern war, so darf ich das wohl in einer Variierung der Worte seines einstigen genialen, großen Lehrers Nothnagel in den Worten zusannnenfasseu: Dieser gute, wirklich herzensgute Mensch war auch ein guter Lehrer, ein Lehrer, der sich ein ewiges Andenken im Herzen seiner Schüler errichtet hat. Vor vier Jahren feierten diese das zwanzigjährige Jubiläum der „Nervenambulanz", übergaben ihm eine Festschrift, welche die Redaktion der „Wiener Klinischen Rundschau", deren langjähriger Mitarbeiter der Verblichene war, in munifizeuter Weise ausgestattet hatte, und der verehrte Lehrer und edle Freund war damals der Gegenstand auch sonstiger vieler herzlicher Ehrungen. Professor v. Frankl-Hochwart war eine durch und durch schöngeistig angelegte Natur. Das zeigte schon sein Freundeskreis, dem die besten und vornehmsten literatur- und kunstverständigen Persönlichkeiten der Gesellschaft augehörten, das Zeigte auch die Form seiner Vorträge, ob er dieselben nun in wissenschaftlichen Versammlungen und Kongressen zu Gehör brachte, oder ob er auch schwierigere Kapitel seiner Fachwissenschaft einem größeren Laienpublikum verständlich machte; eine Aufgabe, die er mit seinen hervorragenden rhetorischen Fähigkeiten in selten glänzender Weise löste. Immer, so oft er zu Worte kam, konnte man neben dem hervorragenden Neurologen auch den feinsinnigen Ethiker und Aesthetiker vernehmen.. < Gin segensreiches und vielen teures Menschenleben hat leider allzufrüh sein Ende gesunden — Professor v. Frankl starb (welche Tragik!) an den Folgen einer Gehirnneubildung — die wehmutsvollen Tränen, die auf sein frisches Grab fallen, mögen beredtes Zeugnis geben von der innigen Liebe und Treue, die nur auch über sein Grab hinaus ihm bewahren wollen für und für! Iüdtlchk Studentinnen in Nuhlsnd. 3u bezug auf den Artikel von Landrichter Glücksohu, Elberfeld, der der: obigen Titel führt, in Nr. 9 dieses Blattes erhalten wir eine Reihe von Zuschriften, die wir auszugsweise hier folgen lassen. Die erste Zuschrift rührt von einer deutschen Studentin jüdischen Glaubens aus Breslau her, die ihren Namen nicht genannt haben will. Sie schreibt: „Wir Studentinnen sind Gott sei Dank noch nicht so weit, daß wir nur uni „äußeren Wissens willen" oder aus „Liebhaberei" die Universitäten besuchen. Wir sind uns voll bewußt, daß uns nach jahrelangem Kampfe endlich die Stätten geöffnet sind, die uns die Grundlage zu wahrer innerer Bildung geben. Um so trauriger ist es, daß die russischen Stlldeutiunen, um diese innere Bildung zu erlangen, nach außen hin ihre weibliche Ehre opfern müssen. Wohl mit Recht, meint der Schreiber, daß selbst lasterhafte Weiber, wenn sie schließlich der Sittenpolizei verfallen, es schwer ertragen. Er folgert daraus, daß die jüdischen Studentinnen, die sich, ohne sich zu schämen, unter die Kontrolle der Sittenpolizei stellen, noch viel verworfener sein müßten. Aber gerade das Gegen-- teil müssen wir anuehm-en. Eben weil sie sich frei von jeder inneren Schuld fühlen, nehmen sie das schwere Los, ehrlos zu erscheinen, auf sich. Für sie ist der Kontrollschein nur eines der vielen unerlaubten Mittel, zu denen die Juden in Rußland leider häufig ihre Zuflucht nehmen müssen, um überhaupt Lebensmöglichkeiten zu erlangen. Es ist doch kaum anzunehmen, daß ein Mädchen, nur um bequem leichtfertigen Vergnügungen 31t frönen, sich der anstrengenden Gymuasialzeit, dem Abiturientenexamen und dem Universitätssttldilnn unterwirft. Will ein Mädchen ein leichtsinniges Leben führen, so wird sie wohl schwerlich Wert darauf legen, daß dies gerade in einer Universitätsstadt geschieht. Auch in den Orten, in denen die Juden Aufenthaltsberechtigung haben, läßt es sich sicher ganz vergnüglich leben. Also wozu die Umstände! Weiter meint der Schreiber, daß, wer wirkliches Interesse an der Wissenschaft habe, dieses Interesse auch daheirn Pflegen könne. Aber schließlich wird man nicht im stillen Kämmerlein Landrichter oder Arzt oder Lehrer. Wer einen Lebensberuf ergreift, muß eben unbedingt den Weg einschlagen, der zu diesem Berufe führt. Gewiß ist der Weg für die jüdischen Studentinnen in Rußland ein dorniger und steiler, gewiß werden einige unterwegs straucheln oder gar fallen, aber die Tapferen lind Starken werden das Ziel gesund an Körper und Seele erreichen. Und dürfen wir diese Tapferen und Starken dann verdammen und ihr Tun noch dem schändlichen Treiben der russischen Soldateska in Polen nachstellen? Wollen wir schon nicht, wie die „Kölnische Zeitung", bewundern, so wollen wir doch diesen armen tapferen Mädchen wenigstens unser innigstes Mitleid gönnen. Wir wollen auch, ehe wir nicht Gegenbeweise in Händen haben, das Zutrauen zu ihnen haben, daß sie geläutert aus dieser schweren Prüfung hervorgehen." Eine andere Dame, Klara Samuel in Elberfeld, schreibt: „Zunächst müssen wir, wie dies auch die Redaktion in ihrer Nachschrift annimmt, voraussetzen, daß keins dieser Mädchen das schändliche Gewerbe ausübt, zu dem es der Form nach von russischen Behörden gezwungen wird. Nach dieser Auffassung ist meines Erachtens der Vergleich mit den armen geschändeten jüdischen Frauen Polens nicht mehr aufrechtzuerhnlten. Es blieben uns demr die russischen Jüdinnen, die ein ernstes, heiliges Streben zu den Toren der Wissenschaft drängt, ein Streben, das auch Herr Glücksohn zu ihrer Ehre annehmen will. In diesem Falle dürfte meines Erachtens dieser Drang nach Erkenntnis, dem der innerste Wunsch des Lebensberufes zugrunde liegt, nicht Liebhaberei benannt werden. Das überall erfolgreiche Frauenringen der letzten Jahrzehnte, das innere und äußere Umstände bedingten, sollte uns alle belehrt haben, daß es nicht „äußeres Wissen" ist, das unsere Frauen in die Hörsüle der Universitäten treibt. In den ersten Jahren ihrer Zulassung mögen sich auch Eitelkeitshörerinnen eingesund,m haben, Kinderkrankheiten, die sich von selber ausmerzten. Namentlich sollten lvir den Kampf der jüdischen Russin achten, die dreifach, als Frau, als Russin und als Jüdin, zu ringen hat: ein Ringen, das nur aus ernstem, ehrlichem Wollen hervorgehen kann. Der Verfasser sagt in einem anderen Abschnitt: „Die Wissenschaft soll wie die Kunst den Menschen für das Gute und Schöne empfänglich machen, soll ihn befähigen, in höherem Maße als seine weniger glücklichen Menschen zu erkennen, was sittlich recht ist. Gibt es da einen größeren Widersinn als das Verhalten jener russisch-jüdischen Studentin?" Ich kann den Widersinn nicht erkennen, wie ich überhaupt den Ton sittlicher Entrüstung, der durch den ganzen Aufsatz geht, nicht recht begreife, weil lvir das Schlimmste nicht voranssetzen wollen. Gewiß, dank einer gewissenlosen Behörde kommen diese Mädchen mit des Lebens Niederungen in Berührung, von deren Existenz sie unter anderen Umständen wohl gehört, in die sie aber nie in dem Maße Einblick bekommen hätten. Diese tiefere Kenntnis soll ihnen nun die Empfänglichkeit für alle Offenbarungen der Wissenschaft und Kunst nehmen? Nein, diese Bildungsstätten werden sie doppelt entschädigen, herausheben müssen für ihre Leiden, für den Makel, den man ihnen äußerlich, angehestet hat. Wie könnte der Mann noch empfänglich sein für die geistigen Güter, wie sollte er noch befähigt sein, zu erkennen, was sittlich recht ist. wenn diese Erkenntnis von der mehr oder minderen Berührung mit der „untersten Stufe der Menschheit" abhängig sein soll. Dem Manne bleibt in den seltensten Fällen die Welt verborgen, die Herr Glücksohu die unterste Stufe der Menschheit nennt, und auf die sich diese Mädchen um einer ganzen einzigen Lebenshoffnung willen herunterdrücken lassen und vielleicht weniger an Leib und Seele Schaden nehmen als mancher, von dem das Opfer nicht verlangt wird. Wenn ferner der Herr Verfasser meint, die russische Jüdin setzt sich dem, Dirne zu sein — sagen w i r lieber zu scheinen — aus, bloß um an der Universität zugelassen zu sein, so klingt auch hier ein Ton der Geringschätzung an, den ernste, strebende Frauen nicht verdienen. „Alls wieviel muß der Mensch verzichten", sagt er dann. Gewiß, im allgemeinen stimmt dies, aber liegt nicht im besonderen schon ein Verzicht darin, russische Jüdin zu sein? Ist es nicht anzuerkennen, löenn diese Frauen sich überhaupt aus der Enge drückender Verhält-

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