Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
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151 Wahrheit reiften, aß Bismarck vom Baum der Erkenntnis, und! in feinen Gesinnungen und Ansichten über das Judentum ging! eine tiefgehende Umwandlung vor sich. Das aber konnten ihm seine Mitkämpfer von Anno dazumal nie vergeben. Wieder- I holt griffen sie ihn im Abgeordnetenhaus und Reichstag an, und als er sogar unter dem Regime des Kultusministers , Dr. Falk seine Zustimmung zur Zivilehe, die er in früheren Jahren als eine höchst unchristliche Einrichtung bekämpft hatte, gab, gerieten sie ganz aus dem Häuschen. Er ließ sich jedoch j dadurch nicht einschüchtern, sondern gingruhig seinen Weg, den er als den allein richtigen und wirksamen zur Erzielung des konfessionellen Friedens hielt. So erwiderte er zum Beispiel am 17. Dezember 1873 im Reichstage auf eine heftige Rede-! attacke, die Herr v. Gerlach gegen ihn führte: „Wenn Herr v. Gerlach die Einzelheiten meiner älteren Reden zitierte, so j möchte ich ihm zuerst einmal sagen, wenn er ein so schweres Gewicht aus meine Ueberzeugung, die ich vor 25 Jahren ausj gesprochen habe, legt, warum will er denn nicht meinem j lebendigen Worte von heute glauben? Oder umgekehrt, wenn er mir einen Borwurf daraus macht,! so nehmen wir an, nicht der Herr Vorredner, sondern ich wäre seit der Zeit altersschwach geworden. . Ich war damals in der Vollkraft meiner Jahre. Ich mag durch Anstrengungen gelähmt sein, vielleicht bin ich nicht mehr so frisch wie damals, das würde ja an der Sache nichts ändern, j aber ich habe mich noch nie geschämt, eine Meinungsänderung! in meiner Stellung einzuräumen, wenn die Umstände mich nötigten, entweder in etwas nachzugeben oder mich zu überzeugen, daß es so, wie ich wollte, im Interesse des Landes eben nicht geht. . . Ich treibe keine Fraktionspolitik als Minister, sondern ich habe gelernt, meine persönliche Ueberzeugung den Bedürfnissen des Staates unterznordnen. Ich glaube, daß es so sein muß, und ich halte es für eine schlechte Ueberzeugungstreue, die im Staatsdienste sagt: mag das Kind mit dem Bade ansgeschüttet werden, mag der Staat zugrunde gehen, es ist meine Ueberzeugung, ich kann nicht anders. Das können Fraktionsmitglieder, die des Morgens ihre Führer fragen, wie sie sich zu verhalten haben. Es erinnert mich dies immer an die fälsche Mutter im Salomonischen Urteil, die dafür stinunte: „Zerschneidet das Kind, zertrümmert den Staat; gut, mir soll es recht sein, wenn ich nur meinen Willen habe." Fest steht, daß Bismarck weder als Bundestagsgesandter in Frankfurt a.M., noch als Botschafter, noch weniger als Minister je eine Rede im Parlament, im vertrauten Kreise oder sonstwo gehalten hat, in der er sich auch nur mit einem Worte abfällig über Juden und Judentum ausgesprochen hätte. Auch nach seinem Sturze im Jahre 1890, als er bekanntlich Jahre hindurch zu Abordnungen usw. sich über alles mögliche äußerte, verriet er in keiner Weise je eine antisemitische Regung. Im Gegenteil, in Wort und Schrift betonte. er wiederholt die Pflicht des Staates, auch der jüdischen Bevölkerung in jeder Hinsicht gerecht zu werden. Am 30. Januar 1872 sagte er im preußischen Abgeordnetenhause, daß er von Haus aus dem Grundsatz huldigte, daß jede Konfession bei uns die volle Freiheit der Bewegung und volle Glaubensfreiheit haben müsse. Daraus müsse die Konsequenz gezogen werden, daß jede Konfession zu zählen sei, damit eine jede eine ihrer Volkszahl ziffernmäßig entsprechende Beteiligung an der Beamtenschaft habe. Dann sagte er wörtlich: „Sobald wir den Staat in konfessionelle Stücke schneiden, an welchem jede Konfession ihren verhältnismäßigen Anteil haben muß, so kommt auch noch die ganz beträchtliche Kopfzahl der jüdischen Bevölkerung in Betracht, deren Mehrzahl sich ja durch besondere Befähigung und Intelligenz für Staatsgeschäste auszeichnet." Feierlich widersprach er seinem früher von ihm proklamierten Grundsatz vom „christlichen Staat", indem er sagte: „Konfessionell kann eine Regierung nur dann austreten, wenn sie eine Staatsreligion hat. Eine solche haben wir n i ch t." Schon in früheren Jahren ließ er in Briefen und Reden sich dahin aus, daß man die Heiligkeit jedes religiösen Glaubens Hochhalten müsse. So schrieb er an den preußischen Gesandten in Rom, Herrn v. Arnim, am 26. Mai 1869, in Preußen gebe es versassungsgemäß wie politisch nur einen Standpunkt, den der vollen Freiheit der Kirche in kirchlichen Dingen und der entschiedenen Abwehr jedes Uebergriffes auf das staatliche Gebiet. Auch meinte er in einer Rede, die er 1872 im Parlament hielt, daß jedes Dogma, auch das von uns nicht geglaubte, welches soundso viele Millionen Landsleute teilen, nicht nur für seine Bekenner, sondern auch für die preußische Regierung heilig sein müsse. Seiner getreuen Garde in Versailles während des deutschfranzösischen Krieges erklärte er aufs bestimmteste, daß in Glaubenssachen die größte Duldsamkeit herrschen müsse. Ob einer gläubig oder ungläubig sei, wäre ganz gleich. Man müsse eben jede religiöse Ueberzeugung achten. Duldsamkeit wäre die Blüte der Humanität. Auch in seinen „Gedanken und Erinnerungen", die geradezu klassische Selbstbekenntnisse enthalten, bekundet er diese seine Anschauungen und meint da einmal (Band 2, Seite 125): „Ich bin in konfessioneller Beziehung jederzeit tolerant gewesen bis zu den Grenzen, die die Notwendigkeit des Zusammenlebens verschiedener Bekenntnisse in demselben staatlichen Organismus den Ansprüchen eines jeden Sonderglaubens zieht." Orok. Dr. Lothar Sitter o. Lranki-hochwart als Gelehrter, Menlch und'Lehrer". Gestorben nur 19. Dezember 1914. Worte der Erinnerung von Dr. H n g o Stern, Abteilungsvorstand am Kaiser-Frauz-Josef-Ambulatorium. mit Professor v. Frantl-Hochwart, den wir in der Vorwoche zu Grabe getragen haben, starb ein in jeder Beziehung seltener Mensch. Geboren am 12. Juni 1862, als Sohn des bekannten Freiheitsdichters und Philanthropen Ludwig August Frankl, widmete er sich schon während seiner Universitätsstudien intensiv wissenschaftlichen Arbeiten; so bearbeitete er unter Langer einige Kapitel der Anatomie, war daun durch etwa drei Jahre Demonstrator an dem Institut für experimentelle Pathologie von Professor Stricker. Später betätigte er sich klinisch unter der Leitung Meynerts und wurde schließlich Schüler Nothnagels, der ihm schon im Jahre 1889 die Führung des Nervenambulatoriums übertrug. Bereits 1890 konnte sich v. Frankl habilitieren und wurde einige Jahre später ans Grundlage seiner reichen wissenschaftlichen Tätigkeit Professor. Fast 24 Jahre wirkte der Gelehrte am oben genannten Ambulatorium, hier bildete er auch eine große Anzahl von Schülern, die aus der ganzen Welt zu ihm kamen, aus. Er verblieb auch unter dem Nachfolger Nothnagels, Professor v. Noorden, an der 1. medizinischen Klinik und folgte erst im Sommer 1912 einem au ihn ergangenen ehrenvollen Ruse seitens j der Poliklinik, wo er bis wenige Wochen vor seinem Tode als Abteilungsvorstand für Nervenkrankheiten wirkte. Es gibt kaum ein Kapitel der Neurologie, das Frankl-Hochwart nicht bearbeitet hätte; seine Arbeiten über die Tetanie, den Meniörschen Symptomenkomplex, die Diagnostik der Hypo- und Epiphysentumoreu gehören zu den klassischen Arbeiten in der Neurologie, daneben existiert noch eine große Zahl von speziellen wissenschaftlichen Publikationen — ich nenne nur die über die Innervation der Sphinkteren, die Akroparästhesten, über den Einfluß des Nikotins auf den Organismus usw. —, die alle den Stempel tiefer Gründlichkeit'und Exaktheit tragen und die außerdem auf die Arbeiten der engeren Fachgenossen und insbesondere auf die seiner Schüler befruchtend gewirkt haben. I Sonderabdruck >a.us Nr. 1/2, 1915, der „Wiener Klinischen Rundschau".