Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229191--71197-3283523- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
i5Ö meine Dankesschuld aber ist noch eine größere und besondere. Denn ich habe ihm Dank auszusprechen für mehrfache Vertretung, für zeitraubende und mühselige Korrektur, für sorgfältige nützliche und wichtige Hinweise. Er hat seine bescheidene Stellung in würdigster Weise ausgefüllt und hat, ohne je besonders hervortreten zu wollen, dies Blatt immer als das seinige betrachtet, dem er mit voller Liebe seine Kraft weihte. Beiden Männern gegenüber kann ich meinen Dank außer durch dieses schlichte Wort nur durch das Versprechen betätigen, mich auch ferner der leitenden Stellung würdig zu zeigen, zu der Herr Rudolf Masse mich berufen und in der Herr Albert Katz mich so gewissenhaft unterstützt hat. Unter ihrer fördernden Mitwirkung soll die „Allgemeine Zeitung des Judentums" auch fernerhin ein unabhängiges und freisinniges Organ bleiben zur Ehre des deutschen Judentums. Dieser Tank und dieses Gelöbnis sei die einfache und würdige Feier des I. April ltM5, des 25jährigen Jubiläums des verehrten Verlegers und des wackeren Mitarbeiters. L. G. Lismsrcks Stellung?um AuLrntum und?u den Anden. Von Dr. Adolph Kohut. I. (Nachdruck verboten.) as Wort des Dichters, daß der Mensch mit seinen höheren Zivecken wachse, bewährte sich auch bei Otto v. B i s - m arck, dessen 100. Geburtstag am 1. April 1915 vom ganzen deutschen Volke mit Fug und Recht als ein Nationalfeiertag begangen werden wird. Der ursprünglich als fertdaler und fanatischer Landjunker befehdete und als Stockpreuße verschriene Diplomat tlnd Staatsmann wuchs mit den Jahren immer höher zu einem der bedeutendsten Träger des nationalen Gedankens heran. Als er zuerst, und ztvar im Vereinigten Landtag im Jahre 1847 als Parlamentarier auftrat, ging er mit der Reaktion durch dick und dünn. Das „Narrenschiff der Zeit", wie er sich ausdrückte, sollte gründlich zerschellen, denn die freiheitliche Richtung, die sich bereits damals geltend machte, behagte ihm durchaus nicht. Als leidenschaftlicher Vorkämpfer einer rückschrittlichen Bewegung hielt er denn auch im Parlament heftige Reden gegen das Judentum und gegen die Juden, indem er den Grundsatz anfstellte, daß der „christliche" Staat sich selbst verleugnen würde, wenn er den Söhnen Israels die staatsbürgerlichen Rechte zuteil werden lassen wollte. Aber der Krautjunker von 1847 häutete sich nach und nach. Er zog den alten Adam der antisemitischen Gesinnung aus und wurde ein unbefangener, vorurteilsloser Staatsmann, der die Zeitumstände nicht mehr durch die konservativ-reaktionäre Brille betrachtete, nnd unter dessen Ministerpräsidentschast 1869 die I u d e n e m a n z i p a t i o n gesetzlich und staatsrechtlich ausgesprochen und durchgcführt wurde. Als Präsident des Berliner Kongresses im Jahre 1878 legte er im Namen Deutschlands und aller zivilisierten Staaten Rumänien die Verpflichtung auf, den jüdischen Bewohnern dieses damals noch halbasiatischeil Staates die übrigens bis zuin heutigen Tage in ruchloser Weise vorcnthaltenen Menschenrechte zu bewilligen. Ab und zu freilich, namentlich während der berüchtigten svgeuaiilitcn „Berliner Bewegung", als Judenhetzer, wie der Berliner Hof- und Domprediger Adolf Stöcker, ihr schmähliches Handiverk trieben, ist Bismarck als angeblicher Schntzpatron dieser soiiderbaren Schwärmer genannt worden. Auf diese Weise kaiii er in den weitesten Kreisen des Judentums in den Verdacht, ein Gegner der Israeliten und ihrer staatsbürgerlichen Rechte zu sein. Doch dürfen wir nicht vergessen, daß der Altreichskanzler derartige Kampfhähne, wie Stöcker nnd Genossen, lediglich als politische Sturmböcke gegen die ihm verhaßte Fortschrittspartei, die er als Vvrfnrcht der Sozialdemokratie bezeichnete, benutzte. Als dann der Mohr seine Schuldigkeit getan hatte und der Kanzler die Gemeingefährlichkeit der durch den geistlichen Agitator heraufbeschworencn Stürme erkannte, schüttelte er ihn aus das entschiedenste von seinen Rockschößen wieder ab. Auch muß in Betracht gezogen werden, daß Bismarck, wie wir zeigen werden, mit zahlreichen jüdischen Publizisten, Schriftstellern und Parlamentariern Jahrzehnte hindurch aufs freundschaftlichste verkehrte, sie seinesVertrauens würdigte und ihnen genauen Einblick in seine großzügigen politischen Pläne gewährte. Ihre Konfession war ihm dabei ganz gleichgültig. Nie und nimmer nahm er daran Anstoß. In keiner Lage seines Lebens, auch als er mit dem einen oder anderen später auseinanderkam, zweifelte er an der Echtheit ihrer deutschen vaterländischen Gesinnung und der Lauterkeit ihres nationalen Charakters. Je älter er wurde und je mehr sich die politischen Leidenschaften bei ihm abkühlten und klärten, um so duldsamer zeigte er sich allen Konfessionen, auch der jüdischen, gegenüber, trat so eindringlicher predigte er die Lehre, daß die Vertreter jeden Glaubens vom Staat mit Recht und Gerechtigkeit und nach demselben Maßstabe behandelt werden müßten. Es sind wahrhaft goldene Worte, die er in bezug auf Menschenrechte, Menschenwürde und Toleranz gesprochen hat, und sie legen ein leuchtendes Zeugnis von der Abgeklärtheit namentlich des altgewordenen Bismarck ab. Gewiß irrte er sich in vielen Punkten des öffentlichen und parlamentarischen Lebens. Aber er rang sich schließlich aus engherzigen und kleinlichen Gesichtspunkten zu einer weitausschauenden Lebens- und Weltanschauung durch. Auch von ihm konnte man sagen: Das sind die Weisen, Die durch Irrtum zur Wahrheit reisen. Die beim Irrtum verharren. Das sind die Narren. Als der „Deichhauptmann" Otto v. Bismarck sich seine ersten parlamentarischen Sporen im Vereinigten Landtag von 1847 verdiente, geberdete er sich, wie schon erwähnt, als ein Percy-Heißsporn des rücksichtslosesten Rückschrittes. So hielt er zum Beispiel am 15. Januar des genannten Jahres eine Rede, über die sich seine freiheitsfeindlichen Gesinnungsgenossen, wie H. v. Kleist-Retzow, Moritz v. Blanckenburg, Senfft-Pilsach und andere Leuchten der politisch-kirchlichen Rückwärtserei jener Zeit, baß freuten. Unter anderem führte er aus, daß ein „christlicher" Staat wie Preußen den Juden nicht jene Rechte einräumen dürfe, die nur evangelisch Getauften zukämen. Er sei kein Feind der Juden, erklärte er, und wenn sie seine Feinde wären, so vergebe er ihnen. Ja, er liebe sie sogar unter Umständen, auch gönne er ihnen alle Rechte, nur nicht die: in einem christlichen Staat ein obrigkeitliches Amt zu bekleiden. Wenn man die Juden im Staat anstelle, so entziehe man demselben den christlichen Charakter. Denn die Realisierung der christlichen Lehre sei der Zweck des Staates. Wenn die Wünsche seiner israelitischen Mitbürger in Erfüllung gehen sollten, würde die Gesetzgebung Preußens sich nicht aus dem Urquell der ewigen Wahrheit regenerieren, sondern sich aus dem vagen und wandelbaren Begriff der Humanität gestalten. Aehnlichen Ideen huldigte er auch später, und zwar zweifellos aus Grund einer einseitigen Erziehung, die Christentum und Hmnanität als zwei einander diametral entgegengesetzte und sich widersprechende Begriffe ansah. Auch glaubte vielleicht der nach politischer Macht strebende, ehrgeizige Mann, die Aufmerksamkeit der maßgebenden Kreise durch seine Reden auf sich lenken zu können, was ihm denn auch in der Tat gelang. Alles begreifen heißt alles verzeihen! Während jedoch die anderen preußischen Politiker und Parlamentarier im Vereinigten Landtage, in der Zweiten Kammer, im Erfurter Parlament und auch später sich immer gleichblieben und durch Irrtum nie zur