Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-26 · Heft 13 (26.3.1915) · p. Seite 148

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 13 (26.3.1915)
Date
1915-03-26
Page
Seite 148 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229191--71195-3283521
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

148 Wolfs SJiufl entstammte einer angesehenen, seit lange in Hamburg eingebürgerten Familie. So war sein Großvater der langjährige Borsteher der Hamburger jüdischen Gemeinde, der Bankier Louis Wolfs. Nach Vollendung seiner Studien, die mit der Erlangung des philosophischen und juristischen Doktors endigten, widmete er sich dem Bankfach und ging darauf nach Konstantinopel. Dort war es auch, wo ich ihn kennen gelernt und mich einige Zeit seines Umganges erfreut habe. Dr. Bing besaß ein ausgebreitetes Wissen, einen großen Idealismus und auch sonst viele wertvolle Eigenschaften. Was ihn jedoch am meisten auszeichnete, war, um ein jetzt geläufiges Wort zu gebrauchen, die Fähigkeit, „durchzuhalten" und das einmal Begonnene restlos zil Ende zu führen. Ein geradezu fanatischer Zug charakterisierte sein Streben nach dieser Richtung. So begann er, kaum in Konstantinopel angelangt, Türkisch zu lernen, und schon nach einem halben Jahre beherrschte er die Sprache vollkommen. Was das heißen will, davon kann sich nur derjenige einen Begriff machen, der die Schwierigkeit der türkischen Sprache, namentlich für den Europäer, durch eigenes Studium an sich selbst erfahren hat. Mit gleichem Eifer widmete er sich aber auch der Praktischen Arbeit. Kurz nach seinem Eintritt in die Bne-Brith - Loge wurde er in die „Kommission für geistige Interessen" delegiert. Nach nicht langer Zeit wurde er ihr Sekretär und bald darauf ihr Vorsitzender. Voller Leidenschaft unterzog er sich der chm zuteil gewordenen Aufgabe. Die recht stattliche Bibliothek, die die Bne-Brith-Loge sich allmählich geschaffen hat, ist fast ausschließlich sein Verdienst. An der Veranstaltung von Vorträgen nahm er lebhaften Anteil. Eine hübsche (and) für uns durchaus nachahmenswerte) Maßnahme wurde in der Loge getroffen, daß regelmäßig einmal in 14 Tagen die Vorgänge innerhalb der gesamten Iudenheit in Form von Referaten zur Besprechung gelangten. Für die Spaniolen, die mit der Gesamtjndenheit sonst innerlich wenig Fühlung haben, war das ein Ereignis von weittragender Bedeutung. Mit Begeisterung nahm Tr. Bing am Ausbau des Planes teil, und mit unverkennbarem Geschick verstand er es, sich dem ihm im Grunde wesensfremden Milieu anzupassen. Auch in der „Kommission zur Linderung der Not der Flüchtlinge", die während der Balkankriege ins Leben gerufen wurde, wirkte er aufs eifrigste und in höchst ersprießlicher Weise mit. Sein Idealismus, sein hoher Gemeinsinn und vor allem seine Liebe zum Judentum wiesen ihm indessen immer mehr den Weg zur jüdischen Journalistik. Es fügte sich auch, daß er in seiner Vaterstadt eine ihn nach dieser Richtung befriedigende Tätigkeit fand. Er trat in den Betrieb des „Hamburger Israelitischen Familienblatts" ein, wo sich ihm ein vielseitiges Arbeitsfeld bot. Aber da brach der Krieg aus, und es hielt ihn nicht länger in der friedlichen Redaktionsstube. Er eilte als Freiwilliger zil den Fahnen, und zwar wählte er — bei seiner Veranlagilug stets die höchsten Forderungen an sich zu stellen — die am meisten gefährdete Pionierwafse. Er wollte als Deutscher kämpfen zum Schlitze des deutschen Vaterlandes, als Jude, um für die Opferfrendigkeit des jüdischen Volkes seinerseits einen Beweis zu erbringen. Seine edle Gesinnung hat er mit dem Heldentod besiegelt: Bei dem Ausbau eines Schützengrabens in der vordersten Front wurde er von einer feindlichen Kugel tödlich getroffen. Ich hatte von Dr. Bing für die jüdische Sache Erhebliches erwartet, denn er war in vielen Sätteln gerecht. Er vereinigte in sich Wissen und Tatkraft, Idealismus und Praktischen Sinn. Dabei war er von kindlichem Gemüt. Es verging kein Tag, ohne daß er an seine Mutter geschrieben hätte, rührend bemüht, ihr die Sorgen von dem gramerfüllten Mutterherzen zu bannen. Wenn der Friede wiedevhergestellt sein wird und wir daran gehen werden, das Zerstörte von neuem aufzurichten, wird der Bedarf an geistigen Kämpfern sehr groß sein. Männer mit solchen Eigenschaften und Fähigkeiten werden uns besonders not tun. Dann wird es sich erst zeigen, welche schwere Opfer der Krieg gekostet hat. # Folgende Verfügung, die für das P e s s a ch f e st wichtig ist, sei hier mitgeleilt: Der Berliner Magistrat hat folgende Bekanntmachung erlassen: Durch Erlaß vom 3. März 1915 hat der Minister des Innern angeordnet, daß die in den Kommunalverbänden -aus Grund der 88 34 ff. der Bekanntmachung Liber die Regelung des Verkehrs mit Brotgetreide und Mehl vom 25. Januar 1915 erlassenen Anordnungen auf die Herstellung und den Vertrieb der durch das jüdische Religionsgesetz den orthodoxen Juden während des neuntügigen jüdischen Osterfestes vorgeschriebenen ungesäuerten Brote (sogenannte Mazzot) keine Anwendung finden soll. Auf Grund dieses Erlasses wird die Abgabe und Entnahme von Mazzot bis zum 4. April d. I. einschließlich ohne Vorlegung von Brotkarten und Abtrennung von Abschnitten gestattet. Jedoch sind die Personen, welche Mazzot entnehmen, verpflichtet, die ihnen für sie und ihren Haushalt ausgehändigten Brotkarten für die 6. Woche (gültig vom 29. März bis 4. April) abzugeben itrtb dem Vorstand der jüdischen Gemeinde (N 24, Oranienburger Straße 28/29) oder dem Vorstand der israelitischen Synagogengemeinde Adaß Jisroel (N 24, Artilleriestraße 31) auszuhändigen. * Von sonstigen Nachrichten liegt nicht viel vor, nur die nachstehende Notiz ist der Beachtung wert: Zur Lage der Inden in Lemberg schreibt das in Paris erscheinende „Nasche Slowo": Die Lage der jüdischen Bevölkerung in Galizien ist .furchtbar Nach Erzählung des Vertreters der jüdischen Kolonisationsgesellschnst, Herrn Fainberg, ist in Lemberg nur die Armut zurückgeblieben. Die Reichen sind noch vor der Einnahme Lembergs nach Wien geflohen. Anderthalbtausend Familien erhalten täglich je ein Brot im Wert von 13 Kopeken. Andere 1500 Familien erhalten fünf Rubel monatlich pro Familie, die übrigen täglich einige Kopeken. Um zu verstehen, welche Bedeutung eine solche Hilfe haben kann, muß man die augenblickliche Teuerung in Lemberg in Erwägung ziehen. * Ein bemerkenswerter Artikel der „Weserzeitung", die sonst nicht eben häufig in jüdischen Angelegenheiten das Wort ergreift, ist wichtig genug, um hier abgedruckt zu werden. Er lautet: Die englischen Juden und i h re Glaubens g e noss e n i n O st e u r o p a. D. 0. K. Vor kurzem fand in London die Jahresversammlung des Ausschusses der britischen Juden statt, wobei interessante Fragen in einer freilich sehr vorsichtigen Weise zur Sprache kamen. Den Allwesenden legte der Vorsitzende B. Alexander nahe, das; mit dem künftigen Schicksal der Juden im östlicheil Europa und westlichen Asien viele ernste und schwierige Fragen verknüpft seien, an deren Lösung man jetzt iloch nicht herantreten könne, die inan aber rechtzeitig ins Auge fassen müsse. Deshalb verfolge der zuständige Ausschuß die Entwicklung der Dinge mit großer Aufmerksamkeit. Besonders folgende drei Fragen würden sich nach dem Kriege aufdrängen: 1. Der staatsrechtliche Stand und die Rechte der Inden in Gebieten, die als das Ergebnis des Krieges in anderen Besitz übergehen würden. 7. Die Zukunft der Juden in Polen. 3. Die Zukunft Palästinas. Im Zusammenhang damit stand ferner die Judenfrag-e in Rußland und in Rumänien. Herr Leopold Rothschild verlas eine Zllschrisi des Staatssekretärs für auswärtige Angelegenheiten: Sir Edward Grey erklärt sich damit einverstanden, daß das Auswärtige Amt gern Vorstellungen oder Anregungen der jüdischen Gesellschafteu entgegennehmen und diesen bei der Förderung jüdischer Interessen behilflich sein würde. Mir vermissen in diesem Bericht einen flammenden Protest der jüdischell Vereine Englands gegen die alles bisher Dagewesene übersteigende Behandlung der Juden in Galizien und der Bukowina durch die Russen, die Bundesgenossen Englands. Noch vor einem Jahr hätte man in England wie Amerika die schärfsten Worte über die ungeheuerlichen Schandtaten vernommen, die dort an der un-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.