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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-26 · Heft 13 (26.3.1915) · p. Seite 147

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 13 (26.3.1915)
Date
1915-03-26
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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147 noch zwölf Berufsoffiziere zum Dienst vorhanden, und da das I deutsche Offizierkorps sich nur aus den ersten Gesellschaftskreisen er-! gänzt, ist Deutschland nicht mehr in der Lage, der Truppe neue! Offiziere zuzuführen. Die deutschen Geschütze sind abgenutzt, viele! ihrer Granaten krepieren nicht. Unsere Soldaten wissen es. Für die; Rekrntenausbildnng steht nur jedem dritten Mann -ein Gewehr zur : Verfügung. j Deuts ch land v e r h u n g e r t. | Der Nachschub an Kriegsmaterial für die kämpfenden Truppen, schon bisher schwierig, fängt an, unmöglich zu worden. Die Flotten Englands und Frankreichs beschlagnahmen alle Waren, die vom Nuslande für Deutschland herangesührt werden. Die deutsche Zivil-! bevölkeruna erhält Brot, Kartoffeln, Bier und Fleisch von der Ne- > aierung in nur unzureichender Menge. Beweise für die Unzuläng- : lichkeit der Verpflegung finden sich in Briefen, die deutschen Gesängej neu und Toten abgenonunen sind. Die deutsche Regierung hat diesen j Mangel selbst eingestanden, indem sie die amerikanische Regierung; ersuchte, die Verpflegung der deutschen Zivilbevölkerung zu sichern ' und zu beaufsichtigen. Ein solcher Vorschlag, der übrigens von! Amerika abgelehnt wurde, steht bisher einzig da in der Geschichte i einer Großmacht. Das deutsche Geld hat in neutralen Ländern einen Kursverlnst von 15 v. H. erführen. Die deutschen Soldaten, bisher; von ihren Offizieren Planmäßig über alle Kriegserekgnisse getäuscht, fangen langsam an, zu begreifen, daß Deutschland geschlagen ist, und daß die Hungersnot das durch unsere Waffen begonnene Zerstvrungswcrk vollenden wird. Die Verbündeten Deuts ch l a u d s g e s ch l a g e n. Die Türkei, der Bundesgenosse Deutschlands, wird in ihrer eigenen Hauptstadt durch die Flotten Englands und Frankreichs bedroht. Griechenland und Rumänien haben mobil gemacht, um sich uns anznschließen. Die Russen haben soeben den Versuch eines deutschösterreichischen Angriffes im Keime erstickt und dabei noch nicht einj mal den fünften Teil ihrer ungeheurere Kraftquelle im Rekruten- | nachersatz verbraucht. Die Serben haben die Oesterreicher für immer aus ihrem Lande vertrieben. Die deutschen Schlachtschiffe wagen nicht, den schützenden Hafen zu verlassen. Was die Unterseeboote anbetrifft. so haben wir itnb unsere Verbündeten schon mehr davon in! den Grund gebohrt, als sie selbst Handelsschiffe vernichten konnten. - Der Sieg ist uns sicher, ohne Mitleid für den Feind muß er bis! zmn letzten Ende durchgeführt werden.! D i e V e r b r e ch e n d e r D e u t s ch e n. > Mitleid verdient Deutschland wahrhaftig nicht. Seine Regierung! hat durch den Einfall in Belgien seine Vertragspflichten gegen dieses edle Land auf das gröblichste verletzt und zu Lande und zll Wasser jedes Völkerrecht außer acht gelassen. Die deutschen Truppen haben offene Städte beschossen, wehrlose Dörfer in Brand gesteckt, Greise ' und Kinder ermordet, Frauen und Mädchen geschändet. Die Unter-! seeboote haben sogar neutrale Handelsschiffe versenkt. In den Ge-! bieten Frankreichs und Belgiens, in denen die Deutschen zurzeit; hausen, zwingen sie die Frauen, deren Männer im Felde stehen, sich > ihrem brutalen Willen zu fügen. Biele Unglückliche gehen schwanger; ln folge der Vergewaltigung. D i e L e i d e n d e r f r a n z ö s i s ch e n G e f a n g e u e n. In zahlreichen Kämpfen haben loir gesehen, wie die Deutschen unsere Verwundeten in Planmäßiger Bestialität mit dem Bajonett > töteten. Die wenigen, die als Gefangene abgeführt wurden, sind in! Deutschland fürchterlichster Willkür und Gemeinheit ausgeliefert. 1 Sie sterben vor Hunger. Ihre Nahrung besteht morgens und abends in einem Aufguß von Eicheln, mittags in einer Suppe, dazu für je fünf Mann ein verschimmeltes Brot. Der sich e r e S i e g. Welche Schlußfolgerungen sind nun aus alledem zu ziehen? Zunächst die Mahnung, unsere Kräfte doppelt anzuspannen, um das' nahe Ziel zu erreichen, nämlich die Sicherstellung und dauernde Erhaltung des europäischen Friedens. Anderseits aber die Ueberzengung, daß es besser ist, auf dem Schlachtfelde zu sterben, als den Deutschen in die Hände zu fallen und an Entkräftung oder Schwindsucht in ihren Kerkern elend umzukommen. Also vorwärts vertrauensvoll, nut aller Kraft dem sicheren Sieg entgegen, dem Siege des Vaterlandes und der Republik, dem Siege von Recht, Freiheit und Sitte." Man steht bei der Lektüre eines solchen Aktenstücks vor einem Psychologischen Rätsel. Die französische Heeresleitung weiß so gut wie wir, daß außer einem kleinen Streifen des Elsasses kein Fuß breit deutschen Bodens von den Franzosen besetzt ist; sie weiß so gut wie wir, daß seit vielen Monaten ein nicht geringer Teil Frankreichs von deutschen Truppen okkupiert ist, und alle Anstrengungen der Franzosen fruchtlos waren, die deutschen Stellungen zu erschüttern; sie mußte so gut wissen wie wir, daß, wenn auch der Bezug von Mehl und Kartoffeln in Deutschland staatlich geregelt ist, von Huugertznot, ja nicht einmal von Mangel die Rede sein kann. Sie müßte durch unwiderlegliche Zeugnisse wissen, daß französische Gefangene in Deutschland menschlich unb gut behandelt werden, sie könnte wissen, daß unsere Theater-, Konzert- und Vortragssäle allabendlich überfüllt sind, daß das Geld so flüssig ist, daß von der neuen Kriegsanleihe nicht bloß wie bei der ersten 4% Milliarden, sondern über 0 Milliarden gezeichnet sind. Einem solchen Feinde gegenüber sollte selbst Frankreich mit größerem Respekt reden. Um so mehr, als die französische Verwaltung am besten weiß, daß dort schon die Achtzehnjährigen allsgehoben werden, während der uns noch kein Versuch gemacht worden ist, die Neunzehnjährigen zu den Waffen zu rufen, daß.während in Frallkreich alle älteren Männer längst eingezogen sind, bei llns noch ungezählte Tausende uugedienten Landsturms nicht allsgemustert sind, lind daß in deutschen Garnisonen und Festllngen Tausende llnd aber Tausende frischer Truppen eingeübt werden. Man begreift wirklich nicht, wozu Frankreich solche Lügen verbreitet, und wie es hoffen kann, durch derartige Unwahrheiten Eindruck zu machen. * Anläßlich der am 22. d. M. erfolgten Kapitulatioll von Przemysl hat Feldmarschall Erzherzog F r i e d r i ch nachsichenden Armeebefehl erlassen: „Nach viereinhällmwnatiaen heldenmütigen Kämpfen, in welchen der rücksichtslos nnd zähe, aber stets vergeblich anstürmeude Feind ungeheure Verluste erlitt unb nach blutiger Abweisung seiner noch in letzter Zeit, besonders am 20. und 21. März. Tag nnd Nacht unternommenen Versuche, die Festung Przemysl mit Gewalt in die Hand zu bekommen, hat die heldennlütige Festungsbesatznng, die noch am 10. März mit letzter Kraft versuchte, den übermächtigen Ring der Einschließung zu sprengen, durch Hunger gezwungen, über Befehl und nach Zerstörung und Sprengung aller Werke, Brücken, Waffeln Munition nnd des Kriegsmaterials aller Art die Trümmer von Przemysl dem Feinde überlassen. Den unbesiegten Helden von Przemysl Miseren kameradschaftlichen Gruß und Dank: sie wurden durch NKurgewalten und nicht durch den Feind bezwungen, sie bleiben uns ein hehres Vorbild treuer Pflichterfüllung bis all die äußerste Grenze menschlicher Kraft. Die Verteidigung von Przemysl bleibt für ewige Zeiten ein leuchtendes Ruhmesblatt unserer Armee. Feldmarschall Erzherzog Friedrich." * Herr Dr. I. A. Sußnitzki sendet llns folgeudeu Bericht: K r i e g s f r e i w i l l i g e r D r. Wolfs Bi n g. Mars regiert die Welt. Damit ist von selbst gesagt, daß die Masse den Ausschlag hat, und daß der einzelne und das Besondere völlig zurücktreteu müssen. Eine unheimliche Nivellierllng griff um sich, die ebenso das Hirn des Denkers für die Kugel des Muschiks wie die Brust des Künstlers für das Messer des Ghurkas als Zielscheibe dienen läßt. Wer wollte, wer könnte all die Oualitätsmenschen neunen, die dem furchtbaren Weltringen zmn Opfer gefallen sind? Wenn ich es trotzdem für angezeigt halte, hier eines einzelnen zll gedenken, so geschieht es, weil der Betreffende zur Presse gehörte und dem Schreiber dieser Zeilen.einmal recht nahe stand. Darin drückt sich ja die ganze Schwere unserer Zeit aus, daß man erst Gründe anführen muß, wenn man von einzelnen Personen reden möchte.

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