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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-26 · Heft 13 (26.3.1915) · p. Seite 146

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 13 (26.3.1915)
Date
1915-03-26
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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146 einen Zeitraum von Jahrtausenden erstreckt? Soll wirklich für nns maßgebend und bindend sein jedes Wort, das jemals gesprochen, jede Silbe, die jemals geschrieben wurde? Und wenn wir das wirklich wollten, könnten wir es? Herrscht denn in den religiösen Schriften Uebereinstimmung der Ansichten? Berwirft nicht oft das eine Buch, was das andere fordert? Sollen wir nun an dem Ja festhalten und zugleich an dem Nein? Wer übernimmt es, uns zu, zeigen, wie wir das bewerkstelligen sollen? Wir würden ihm dafür aufrichtig dankbar sein. Ich meine, cs bedarf doch in der Tat nicht allzu angestrengten Nachdenkens, um zu erkennen, in welcher Weise wir an der Thora, an dem Talmud, an dem Schulchan Aruch, knrz an unserem ganzen umfangreichen religiösen Schrifttum festzuhalten haben: Nicht an dem geschriebenen Buchstaben gilt es festzuhalten: das wäre ja ein schlimmerer Sklavendienst, als es der unserer Bäter in Aegypten gewesen ist. Nicht an dem Buchstaben, geschrieben von Menschenhänden, gilt es fcstzuhalten, sondern an dem Geist, dem göttlichen Geist, der - - wir dürfen es mit freudigem Stolze aussprechen — unser ganzes religiöses Schrifttum durchweht von der Thora herab bis zu den jüngsten Erzeugnissen der neueren Zeit. Als freie, a u fr ech te Men sch e n b cu g en w i r u n s in Ehrfurcht und Ergriffenheit vor dem göttlichen G e i st, der aus jenen Werken spricht, vor der religiösen B e g e i st e r u n g, die sie durch glüht. Nie wollen wir uns von diesen Schriften lvssagen, nie sic verleugnen. Nie sollen sie aufhören, uns eine Richtschnur zu sein für unser jüdisches Denken und Leben. Nicht zwar so, daß wir nun jedes Wort blindlings unterschreiben. Das können wir nicht; dafür haben sich die Zeiten und die Verhältnisse gar zu sehr geändert, und es wird nicht ausbleiben, daß sie auch in Zukunft sich weiter ändern. Insofern aber sollen nns unsere Schriften eine dauernde Richtschnnr sein, als wir bei allem, um? wir für unser Judentum tun, niemals den göttlichen Geist vermissen lassen, die ernste, ehrliche, glühende Begeisterung, aus der heraus die religiösen Schriften unserer Ahnen hervorgegangen sind. So sieht unsere Frömmigkeit ans, und diese Frömmigkeit, au? edlem Freiheitsgefühl, aus dem Gefühl der Menschenwürde geboren, diese Frömmigkeit, die den Zusammenhang mit der Vergangenheit aufrcchterhält, die aber auch den Anforderungen der Gegenwart und ihren znm Teil völlig veränderten Anschauungen nicht ängstlich auSweicht, diese Frömmigkeit, sie ist größer, sie i st tiefer, sie i st inniger als jene andere Art von Frömmigkeit, die sich darin erschöpft, zu sagen: „So steht es geschrieben, also haben wir so zu handeln." Nein, es ist nicht wahr, was so häufig behauptet wird, es ist nicht wahr, daß die Frömmigkeit mehr und mehr schwindet. Sie h a t n u r andere Formen angenommen, und die neuen F o r in e n der Frömmigkeit dürfen sich neben den alten Formen getrost sehen lassen. An die Stelle des Buchstabenglaubens ist mehr und mehr der Glaube an den Geist getreten, an die Stelle sklavischen Menschendienstes freiwillige Unterordnung unter den göttlichen Geist. In diesem tieferen Sinne d c s W or te s si nd w i r s i ch e r l i ch s o f r o m m n n d g o t t e s f ü r ch t i g w i e unsere Vorfahren. In diesem tieferen Sinn des Wortes ist auch so mancher unserer tapferen Krieger, der dem religiösen Denken und Empfinden entfremdet war, wieder gottesfürchtig und fromm geworden. Solche junge Männer, die bis zum Ausbruch des Krieges den Ernst des Lebens noch nie kennen gelernt haben, die nie oder doch nur selten einmal darüber nachgedacht haben, daß es in der Welt noch etwas Größeres, Höheres gibt als das eigene Ich, die häufig mit einem Anflug von Spott und Ueberlegenheit von denen gesprochen haben, die idealen Bestrebungen huldigen und ihre Kräfte in den Dienst der Allgemeinheit stellen, um die Menschen geistig, sittlich, sozial, religiös zu heben und zu kräftigen: solche junge Männer gibt es zu Tausenden und Abertausenden. Jetzt sind sie gleichsam über Nacht zu reifen, verständigen Menschen geworden; der große, gewaltige Kampf hat sie über sich selbst hinausgehoben. Das erkennen wir nicht nur ans! ihren heldenmütigen Taten; wir erkennen es noch deutlicher aus den Berichten, die sie an uns gelangen lassen, und in denen sie fort und fort betonen: „Wir sind andere Menschen geworden, sind fromm und gottesfürchtig geworden", was doch nichts anderes heißt als: „Wir haben erkannt, daß es sich ziemt, an etwas Höheres zu glauben als unser eigenes liebes Ich." Diesen Umwandlungsprozeß an manchen jungen Soldaten beobachten und ihn fördern zu dürfen, das gehört ohne Zweifel zu den schönsten und erhebendsten Erfahrungen unserer wackeren Feldgeistlichen. Möge das Pessachfest, das Fest der Freiheit, uns mahnen, j nicht sklavische Anbeter des toten Buchstabens zu fein, sondern! freiwillige Verehrer des in der ganzen Welt und in unserem j Innern lebendigen Gottesgeistes. Möge es uns mahnen, aus j freien Stücken ein unser würdiges Joch auf uns zu nehmen, j ans freien Stücken uns der göttlichen Stimme in unserem l Innern unterzuordnen. Diese große, tiefe, innige, einzig! wahre Frömmigkeit, die wollen wir in alle Ewigkeit bewahren. Dir Woche. Berlin, den 23. März 1915. ^^^esentliche Aenderungen in der Kriegslage sind nicht V'V' zu verzeichnen. Das Eindringen kleiner russischer Scharen in Memel wird leider die üblichen Folgen haben, die die Invasion solcher Horden begleiten: Zerstörung von Gebäuden, Abschtachtung von Menschen, Wegführung von Geiseln — es ist leider nicht anders möglich, als daß unsere Heeresverwaltung sich entschlossen hat, gegen solche Greueltaten in den von ihr besetzten Gebieten Wiedervergeltung zu üben. Am 2t. wurden die Russen wieder aus Memel verjagt. Unsere Unterseeboote tuen weiter wackere Arbeit. Torpedierungen von Schiffen an der französischen Küste, im Kanal, in den englischen Gewässern werden häufig erwähnt. Im Angriff auf die Dardanellen sind seitens der Verbündeten keine Erfolge zu verzeichnen, vielmehr haben mehrere ihrer Schlachtschiffe den Untergang gefunden. Trotz dieser unleugbaren Tatsache wagt es die oberste französische Heeresleitung, folgenden amtlichen Aufruf an ihre Truppen zu verbreiten. Wir teilen ihn mit, obgleich wir sonst vom Abdruck derartiger Aktenstücke absehen, weil es ein historisches Dokument ist, das, in einer Wochenschrift abgedruckt, weniger der Vergessenheit anheimfällt, als wenn es nur in Tageszeitungen erscheint. Es lautet: „Grand quartier general deuxieme bureau, 8. März 1915. U n s e r Sieg ist gewiß. Die französischen Armeen haben jetzt sieben Monate hindurch gcfechten mit dem Willen znm Siege. Von nun aber kämpfen sie mit der Gewißheit des Sieges. Die deutschen V e r l u st e. Das deutsche Heer kann sich nicht mehr verstärken, weder an Zahl noch an innerem Gefechtswert. Es ist dem Untergang verfallen. Die Verluste der Deutschen einschließlich der Kranken übersteigen jetzt schon drei Millionen. Die Regimenter und Bataillone sind vollkommen verbraucht. Für jedes Regiment sind durchschnittlich nur

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