Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 26. März 1915 79. Jahrgang Nr. 13 eilung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnement s-pee^s; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich L IN. — Postscheckkonto 32%. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Kuciolt Alosse, verlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fkr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße %6-%9, zu richten. Verlag von Rudolf rNssfe, Berlin. TIfl fl £1 ft* w!r noch fromm? Eine Betrachtung zum Pessachsest. IJIUjUU* Bon Rabbiner Tr. Norden, Elberfeld. — Die Woche. — Bismarcks Stellung zum Judentum und zu den Juden. Bon Tr. Adolph Ko Hut.Prof. Tr. Lothar Ritter o. Frankl-Hochwart als Gelehrter, Mensch und Lehrer. Bon Dr. Hugo Stern. — Jüdische Studentinnen in Rußland. — Feuilleton: Der neue Christ. Roman von Peter Ujvari. Uebersetzt von Rosa Trencseni. —Frühling — Ostern 1915. Bon Jenny Bergmann. — Pessach. Bon Nathan Cohn. — Sprechsaal. — Berichtigung. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Hamburg, Altona, Dessau, Elberfeld, Mainz, Wien. — Bon Nah und Fern. Sind wir noch fromm? Eine Betrachtung zum Pessachsest von Rabbiner Dr. Norden, Elberfeld. nser Pessachsest erinnert uns an die Zeit, da einst Mose sein Volk aus der Knechtschaft in die Freiheit führte. Freiheit! Beim Klang dieses Zauberwortes beginnen unsere Herzen höher zu schlagen. Denn nur auf dem Boden der Freiheit kann wahres Menschentum erblühen; nur im Besitze der Freiheit können wir Hohes anstreben und Hohes erreichen. Das kostbare Gut der Freiheit wollte Mose seinem Volke schenken. Furchtlos trat er vor den Pharao hin und forderte als Bote des Ewigen: „Entlasse mein Volk." Aber da fügte er nun noch ein Wort hinzu, das uns im ersten Augenblick stutzig macht: „Entlasse mein Volk, daß es mir diene." Darum also soll das Volk frei werden, wm sich sogleich von neuem in die Knechtschaft zu begeben? Darum soll es die Fesseln Aegyptens von sich abschütteln, um einem neuen Zwingherrn dienstbar zu werden? Darum soll es aufatmen von dem Drucke des Sklaventums, um unter dem Joche eines neuen Gebieters vielleicht noch schwerer zu seufzen? Frei werden, um von neuem wieder zu dienen: lohnt das die Mühe, lohnt das den Aufwand von Kraft? Nun, wir wissen, wie Mose es gemeint und wie er es ausgeführt hat. Wohl hat er das Volk einem neuen Herrn zugeführt; wohl hat er verlangt, daß es von neuem diene. Aber dieser neue Dienst war gerade dazu bestimmt, das Volk ein für allemal von jedem Sklaventum zu befreien, von jeder knechtischen Gesinnung zu heilen. Das Volk sollte Gott dienen; es sollte die große, ewige Wahrheit erkennen, daß Gottesdienst der Gegensatz ist von Menschendienst. Wer Menschen dient, der ist unfrei in seinen Bewegungen, unfrei in seinen Entschlüssen, unfrei in seinem ganzen Wesen. Wer Gott dient, wer ihm in Wahrheit dient und Aufrichtigkeit, der hat mit jeder sklavischen Gesinnung gebrochen, der ist gar nicht imstande, sich vor Menschen zu beugen und ihnen blindlings zu gehorchen. Wer Gott dient, der gerade hat den unschätzbaren Wert der Freiheit erkannt. Im Hochgefühl seiner Menschenwürde verwirft er die Sklaverei, in welcher Gestalt auch immer sie auftreten mag. Im Hochgefühl seiner Freiheit folgt er der Stimme seines Innern und beugt sich freiwillig, aus eigenem Antriebe, als aufrechter Mensch vor der Größe und Erhabenheit Gottes und seines Sittengesetzes. Ja, nur auf dem Boden der Freiheit kann wahres Menschentum erblühen. Und darum kann auch nur auf dem Boden der Freiheit wahre Religion erblühen, und darum kann auch nur auf dem Boden der Freiheit wahres Judentum erblühen. Nur auf der Gottesfurcht darf unser Judentum sich gründen, nicht aber auf der Menschenfurcht. Nur auf Gottesdienst darf es sich aufbauen, nicht aber auf Menschendienst. Wann endlich werden wir das erkennen? Wann endlich werden wir lernen, der Stimme Gottes zu gehorchen, die laut und vernehmlich in unserem Herzen ertönt, anstatt ans die Stimmen von Menschen zu hören, die es besser wissen wollen, als der Gott in unserem Innern? Wann endlich werden wir a ush ör en zu sagen: „So müsse n w i r handeln, denn so steh t es geschrieben i n diesem v d e r j e n e m B u ch e." Wann e n d l i ch werden wir sagen: „So müssen wir Handel»,, denn so st e h t es geschrieben in unseren, Herzen?" Wann endlich werden wir a n f h ö r e n, Sklaven dien st e zu leisten den Büchern und ihren Verfassern, a n st a t t d e r S t i m m c u n s e r e s Gewissens zu lauschen, die die S t i m me de s allmächtigen Gottes ist? Wie lange noch soll der unwürdige Z u st a n d a n d a u e r n , daß wir denjenigen den besseren und fr ömmer e n I u d e n n en n e n, der bei jeder Gelegenheit nach den Büchern greift, um zu sehen, was seine Pflicht ist, daß wir hingegen denjenigen als den weniger guten und weniger frommen Juden bezeichnen, der m i t peinlicher Gewissenhaftigkeit die Stimme seines Herzens befragt, daß sie ihn, bei stehe, die religiösen Pflichten treu zu erfüllen und in den religiösen Fragen einen festen Standpunkt zu gewinnen? Aber — so wird man wohl entgegnen — was soll denn mit unseren religiösen Schriften geschehen? Sollen wir sie abschaffen? Sollen wir sie nur als geschichtliche Ueberbleibsel bewerten, ihnen aber jede Bedeutung für die Gegenwart absprechen? Bekennen wir nicht in unseren Gebeten mit den Worten Salomos: „Ein Baum des Lebens ist die Thora allen denen, die an ihr festhalten, und die sie erfassen, sind beglückt?" Gewiß, wir wollen an der Thora festhalten, und nicht nur an der Thora, auch an unserem späteren jüdischen Schrifttum, und wir hoffen, dadurch innerlich beglückte Menschen zu werden. Es kommt nur darauf an. was wir unter diesem Festhalten zu verstehen haben. Soll das etwa wirklich' heißen, daß wir in alle Ewigkeit festhalten wollen an jedem Wort, an jeder Silbe unseres Schrifttums, dessen Abfassung sich über