Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1915)
- Date
- 1915-03-19
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seesen a. .Harz, 12. März. In den Tugen vom 11. bis 16. März einschließlich fand an der hiesigen I acobfons ch it l c (Realschule und Realprogynmastum mit Erziehungsheim) -unter dem Vorsitz des herzoglichen Kommissars, Herrn Schulrat Professor Tr. Beckurts aus Braun schweig, die Schlußprüfung statt. Acht Prüflinge der Realschule-und 11 des Reulprogymnasiums haben dieselbe mit Erfolg bestanden und sich damit die Reife für die Obersekunda einer Oberrealschule bzw. eines Realgymnasiums sowie die Berechtigung für deu einjährig-freiwilligen Militärdienst erworben. ^2 Nürnberg, 12. März. Am 4. d. M. verstarb einer der angesehensten Bürger von Nürnberg und einer der hervorragendsten Männer des jüdischen Gern ein del ebens, Herr Privatier I o n a s B a m berger, im 64. Lebensjahre, dessen vielseitige Tätigkeit eine geradezu vorbildliche genannt zu werden verdient. Ter Entschlafene hatte eine große Anzahl von Ehrenämtern iunc, die er mit seltenem Fleiße und großem! Verständnis verwaltete. Bamberger genoß in jüdischen wie in christlichen Kreisen das größte Ansehen. Bei allen sozialen Vereinigungen schätzte man seinen praktischen Blick, sein großes Wissen und seine unermüdliche Arbeitskraft. Besonders aber den Aufgaben des Judeni tlims widmete er sich mit ganzem Herzen und schaffensfroher Begeiste-! rung. Ter Verstorbene war jahrelang eines der bewährtesten Mitj glieder des städtischen Armenpflegeschaftsrates und gehörte auch dem! Ausschüsse dieser Körperschaft au. Er war ferner Schatzmeister der! Auskunstsstelle der städtischen Wohlfahrtsvereiue und Schatzmeister! des Vereins für Wärmestuben. Der Fortschrittlichen Volkspartei leistete er als Bezirksobmann wertvolle Dienste. Im städtischen Kriegsausschnß war Bamberger eines der tätigsten Mitglieder. Innerhalb der jüdischen Organisationen war der Entschlafene Mitglied der Gemeindeverwaltung, in welcher er besonders in Friedhofssragen eine ersprießliche Tätigkeit entfaltete, ferner 1. Vorstand des Wohltätigkeitsvereins für Hilfe in Krankheits- und Sterbefällen, Schatzmeister des Vereins für Krankenpflege und Schatzmeister des Schwarzscheu Kindererholungsheims in Forth. Bei so vielseitiger Tätigkeit im Interesse der Allgemeinheit und der notleidenden Menschheit war es nicht zu verwundern, daß bei dein Leichenbegängnis eine Beteiligung zutage trat, wie . solche hier noch selten vorgekommen ist. Die geräumige Halle des neuen israelitischen Friedhofes war dicht gefüllt, um den: bekannten Wohltäter die letzte Ehre zu erweisen. Herr Rabbiner Tr. F r ende n t h a l, der dem Heimgegangenen durch gemeinsame Tätigkeit sehr nahe gestanden, schilderte in bewegten Worten den Lebensgang und das verdienstvolle Wirken Bambergers für das Judentum wie für die Allgemeinheit. Herr Rechtsrat F lei schul a u n legte namens der Stadtverwaltung und des Armenpflegeschastsrates einen Kranz nieder und betonte in seinem Abschiedswort, daß das Kollegium einen seiner vortrefflichsten und bewährtesten Mitarbeiter verloren habe. Namens der Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde sprach Herr Jnstizrat Tr. Held sein tiefes Bedauern aus über den Verlust eines der besten Mitarbeiter und Berater und eines der wertvollsten Mitglieder des Gemeindeausschusses. Herr Josef A u f s e esse r sprach namens des Israelitischen Wohltätigkeitsvereins, dem der Verlebte besonders nahe stand, und rühmte denselben als das Ideal eines edlen Menschen, eines schassenssreudigen Mitarbeiters, dessen Andenken in der Geschichte des Vereins unvergeßlich sein werde. Es legten unter Ansprachen noch Kränze nieder: Herr Brauereidirektor Meier, Erlangen, für die Freimaurerloge Libanon Zu den 3 Zedern in Erlangen, Herr Lammers für den Libanonklub in Nürnbergs Herr Robert Erlenbach für den Nürnberger Wärmestubenverein, Herr Rechtsanwalt Dr. Nürnberger für die Fortschrittliche Volkspartei in Bayern und für den Fortschritts, lichen Volksverein in Nürnberg. Das Andenken des leider zu früh Verstorbenen wird in hiesiger Stadt für alle Zeiten in Ehren fortleben. Landau i. Pfalz, 12. März. Die stellvertretende 6. Jnsanteriebrigade teilt mit: „In der letzten Zeit wurden wiederhM durch ano> - nyme Zuschriften schwere Anklagen gegen verschiedene Heeresangehörige! erhoben. Wenn nun auch die stellvertretende 6. Jnsanteriebrigade! solchen Anschuldigungen sonst grundsätzlich keine Beachtung schenkt, sieht sie sich doch veranlaßt, einer Anklage in der Oefsentlichikeit entgegenzutreten, die die Ehre eines nicht unbedeutenden Teiles unsere- Heeres antastet. Es wurde nämlich in anonymen Zuschriften unter anderem auch an der Tüchtigkeit und Verläßlichkeit von Heeresarigehörigen jüdischer Konfession gezweifelt und der schwere Vorwurf er» hoben, daß viele von ihnen Mittel rmd Wege wüßten, sich dem Dienst in der Front zu. entziehen. Diese Anschuldigungen sind durchaus mt* begründet. Der stellvertretenden 6. Jnfanteriebrigade ist wenigstens rein solcher Fall bekanntgeworden. Sie ist vielmehr überzeugt, daß unsere jüdischen Soldaten sich bemühen, hinter ihren christlichen Kameraden an Vaterlandsliebe, Opferwilligkeit und Tapferkeit in keiner Weise zurückzustehen. Wer aus konfessioneller Unduildsamkeir andere verdächtigt, hält schlecht zu seinem Kaiser, dessen Wort heute allen voranleuchten niuß: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche." Grsttrreich-Angarn. D. W. Wien, 12. März. Die vom Vorstande der Wiener israelitischen Kultusgemeinde anläßlich der Wiederkehr des 50. Todestages des ersten Predigers der Wiener israelischen Kultusgemeinde I s a k Noah M a n n he i m e r s. A. veranstaltete Gedenkfeier verlief in äußerst solenner Weise. Sie wurde Samstag abend, den 6. d. M., mit einem Gottesdienste im Stadttempel, der Stätte des langjährigen segensreichen Wirkens Mannheimers, eingeleitet. Oberrabbiner Dr. M. Güdemann wurde in einer klassischen Gedenkrede, welche nachhaltigen Eindruck hervorrief,, der Wirksamkeit Mannheimers gerecht, wobei er auch pietätvoll des Altmeisters Sulzer gedachte, welcher im Vereine mit Mannheimer den Gottes dienst reorganisierte. Auch der gesangliche Teil war ein erhebender. In bewährter Weise besorgten Oberkantor Don Fuchs die kantorale Funktion und Chormeister Professor Joseph Sulzer — der Sohn Salomon Sulzers — die Leitung der Chöre. Sonntag vormittag versammelte sich trotz des ungemein schlechten Wetters eine Schar treuer Verehrer, an der Spitze der Präsident Dr. Alfred Stern, am Grabe Mannheimers auf dem alten Währinger Friedhofe, woselbst Rabbiner Dr. E. Feuchtwang eine pietätvolle, herzerhebende An spräche hielt. Den Schluß der Feier bildete die öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes, welche in dem mit dem Bilde Mann heimers geschmückten Sitzungssaale abgehalten wurde und bei welcher der Präsident, Herr Tr. Alfred Stern, aus seinen reichen Erinnerungen schöpfend, eine den Alanen des Verklärten gewidmete längere Ansprache hielt, in der er zum Schluß bemerkte: „Mir in meiner jugendlichen Phantasie erschien Mannheimer als der Prophet mit dem durchgeistigten, leuchtenden Angesichte, der vom Berge herab die Gesetzestafeln seinem Volke brachte. So steht das Bild dieses herrlichen Mannes, dieses Führers in Israel, in meiner Erinnerung, und so möchte ich nach den Worten unseres von Mannheimer verfaßten Haskara-Gebetes an Sie alle und auch für die kommenden Zeiten die bereits gestern gehörte Mahnung, die ernste Mahnung richten, daß wir sein Werk in Ehren halten und heiligen, dadurch die Einheit und Einigkeit, den Frieden in unserer Gemeinde wahren und erhalten mögen, wie dies in schöner, eindringlicherer Weise, als ich es vermag, gestern ans Herz gelegt wurde. Das Andenken des Gerechten sei gesegnet." Den Gedenkfeierlichkeiten wohnten die Familienmitglieder des Verewigten, die Vorstandsmitglieder der Kultusgemeinde, die Vorstandsmitglieder des Prediger-Mannheimer-Vereins sowie eine große Anzahl hervorragender Mitglieder der Gemeinde bei. — Jsat Noah Mannheimer, am 17. Oktober 1796 in Kopenhagen geboren, wurde auf Veranlassung von M. L. Bieder lnann im Juni 1825 nach Wien berufen, wo er bald nach der Einweihung des neuen Tempels in der Seitenstettengasse den in fast allen modernen Gemeinden Oesterreichs eingeführten, berühmte! „Mannheimer-Ritus des Gottesdienstes" schuf und so der drohende'. Spaltung der'* Gemeinde vorbeugte. Zudem erwies er sich al Kulturträger aus allen Gebieten der gemeinnützigen Tätigkeit. Eim Fülle von Humanitären Vereinen: für Waisenerziehung und Kran kenpflege, Förderung des Handwerks und Versorgung der Handels angestellten, bildete die Frucht seiner rastlosen, aneifernden Tätigkeit Sein zündendes Wort, namentlich aber seine Hingebung an di' gewonnene Ueberzeugung, verbunden mit Zartgefühl gegen bä Anschauungen anderer; Widerwillen gegen das Gemeine, verbunden mit Nachsicht gegen die Gemeinen, wie der Historiker Graetz Mann heimers Wirken bezeichnete, verschafften ihm ein williges Folgen im Kreise seiner Gemeinde und eine weit über denselben hinaus reichende Anerkennung. Diese kam im Jahre 1863 anläßlich seines siebzigjährigen Geburtstages spontan zum Ausdruck: Die „Con cordia" ernannte ihn zum Ehrenmitgliede; der Gemeinderat der Stadt Wien verlieh ihm über einstimmigen Beschluß taxfrei das Bürgerrecht; der Bürgermeister Zelinka und der Statthalter Graf