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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-19 · Heft 12 (19.3.1915) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 12 (19.3.1915)
Date
1915-03-19
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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8 2000jährige Arbeit umsonst gelvefen sei. Diese Frage verneinte der Redner im Verlaufe seines Vortrages; denn er war der Ansicht, daß das deutsche Schicksal eng mit dem jüdifchen. verknüpft sei und daß sich draußen im Felde Jude und Christ gefunden haben in dem einen Gedanken: der Verteidigung des bedrohten Vaterlandes. Das Kaiserwort, das die Parteien aussöhnte, habe auch für die Juden gegolten; auch sie seien freudig Zu den. Fahnen geeilt und fragen draußen nicht, ob ihr Nebenmann liberal oder orthodox ist. Allerdings werde die Judenschaft, die heute jeden jüdischen ReserveleuLnant hoch bewerte, nach dem Kriege ihre Rechnung für diese Dienste präsentieren, sie werde verlangen, daß man auch künftig den Juden als gleichberechtigt anerkennt, daß man künftig keinen Unterschied nach Stand und Bekenntnis macht, sondern die Aemter nach Fähigkeit vergibt, damit der richtige Mann auf dem richtigen Posten steht. Schon heute müsse man es sich verbitten, daß jemand komine und den Juden in irgend einer Weise zu nahe trete. Aber auch dann, wenn man sich hierin getäuscht haben sollte, wenn die künftigen Jahrzehnte den Juden nichts brächten, würde heute jeder Jude trotzdem feine Pflicht tun bis zum Aeußersten; denn er sei ein Kind der deutschen. Heimat, für die er gelebt, für die er auch sterben werde. Der Redner behandelte noch die Frage der russisch-polnischen Juden und war der Meinung, daß die deutschen Juden sie als gleichberechtigt anerkennen müßten. Sollte es dazu kommen, daß die russisch-polnischen Juden unsere Landsleute würden, dann werde es schwer halten (?), ihnen das Verständnis für deutsche Kultur beizubringen; immerhin werde es eine dankbare, lohnende Aufgabe sein, da unter dem schmutzigen Kaftan viel sittliche Kraft und selsenfester Glaube schlummere. — Der Redner kam schließlich, nachdem er noch geschildert, wie jeder Krieger draußen seinen Gott wi edergefünden habe, zu dem Schluß, daß dieser Krieg das Judentum wieder eine Strecke weiter vorwärtsbringe und daß die Erfüllung des Ideals der messianischen Zeit nicht mehr fern sein könne. — Der dem Redner gezollte Beifall, der sich schon während der Ausführungen spontan gelöst hatte, war überaus herzlich und andauernd. W. Posen, 12. März. Der I s r a e l i t i s ch e Armenhilssverein hat im abgelausenen Jahre schwere Verluste durch den Tod dreier bewährter Mitarbeiter erlitten. Am 7. Januar starb im ehrenvollen Alter von 89 Jahren der langjährige Schriftführer Herr Israel A s ch. Ihm folgte am 15. Juni das Vorstandsmitglied Herr Louis Glaser und am 27. August Herr Salomo Friedenthal, der dem Vorstande länger als drei Jahrzehnte und in den letzten Jahren als stellvertretender Vorsitzender angehört hat. Die Verblichenen haben durch ihre große Erfahrung in Armensachen, durch ihr Wohlwollen und ihren praktischen Sinn die Interessen des Vereins gefördert. — Die Beiträge der Vereinsmitglieder und die Spenden haben sich auf der Höhe des Vorjahres gehalten; bei letzteren ist sogar ein erfreulicher, wenn auch kleiner Zugang zu vermerken. Die laufenden monatlichen Unterstützungen beliefen sich auf 7310,90 Mark gegen 7741,40 Mark im Vorjahre. — Die außerordentlichen Unterstützungen erreichten den Betrag von 5403,65 Mark gegen 6678,85 Mart im Jahre 1913. — Um der Not der Armen zu steuern, hat sich der Vorstand genötigt gesehen, mit Rücksicht auf die herrschende Teuerung Brot zu erheblich ermäßigten Preisen abzugeben, lieber 7000 Brotmarken sind seit dem 8. August verausgabt worden, und erforderte diese Hilfsaktion einen Zuschuß von 1120 Mark. — Dem von dem Vorstände der Synagogengemeinde gegründeten Kriegsnotstandssonds hat der Verein den Betrag von 500 Mark überwiesen. — Das ständige Bemühen des Vereins ist, Arbeitsfähige in ihrem Streben, sich eine feste Stelle zu verschaffen, zu unterstützen. Infolgedessen wurden hierfür die nötigen Kautionen gestellt. — Dem Verein stehen 15 Stiftungen in Höhe von 100 Mark bis 3000 Mark von Wohltätern zur Verfügung, wovon die Zinsen alljährlich, meist an den Todestagen der Verblichenen, an bedürftige Arme vergeben werden. — Die Einnahmen im abgelaufenen Geschäftsjahre waren: Kassenbestand aus dem Jahre 1913 808,25 Mark, Beiträge der Vereinsmitglieder 5721,50 Mark, Inhalt der Sammelbüchsen 867,70 Mark, Beihilfe der Synagogengemeinde 2000 Mark, Spenden zu 10 Mark und darüber 8110,50 Mark, Spenden unter 10 Mark 240 Mark, verschiedene andere Beträge usw. zusammen 19 911,52 Mark. — Nach Abzug aller Ausgaben verblieb ein Kassenbestand für das nächste Jahr von 927,92 Mark. H. N Breslau, 12. März. Am 7. d. M. veranstaltete der Ve rein s e l b st ü n d i g e r Handwerker jüdische n Glaubens! zum Besten seiner im Felde stehenden Mitglieder und deren Angehörigen einen Unterhaltungsabend, der von bestem Erfolg gekrönt war. Den sinnigen Prolog sprach Fräulein Betty D r a i e t. Begeisterung entfachend, schmetterte Oberkantor Cerini das „Kaiserlied" in den Saal. Zu seinem die politische Entwicklung der europäischen Staaten scharf beleuchtenden Vortrage „Dreibund und Dreiverband ' ergriff hierauf Rechtsanwalt Dr. Zö l l ne r das Wort, um, .ausgehend von den sechziger Jahren, die verschiedenen Bündnisse der Völker untereinander zu schildern, die in der gegenwärtigen politischen Lage ihre Kristallisation gesunden. Mit dem Hinweis auf die wohlüberlegte elende Rolle, welche England als Anstifter zum Weltkriege mit teuflischer Meisterschaft gespielt, schloß er seine mit großem Beifall ausgenommenen Ausführungen. Dann wechselten kaleidoskopartig gesangliche, rezitatorische, schauspielerische Darbietungen mit Lichtbildervorführungen. In ihren Beziehungen zu den kriegerischen Ereignissen der Gegenwart erweckten sie eine Anteilnahme, die in ihrem Stärkegrad den Spendern zugleich den herzlichen Dank der Hörer verriet. Ein reizendes Talent bekundete Fräulein Else Kober in Liedern zur Laute. Frau Thekla Eisner, die bekannte Förderin der schlesischen DiaLetro.chUmg, lieh ihre reise Vortragskunst diesmal einer Blutenlese hochdeutscher Poesien mit patriotischen Einschläge von Anthes, Rudolf Presber und dem Lissauerschen „Haßgesang gegen England". Die Gejangskunst fand neben Oberkantor Cerini in Fräulein Pincus eine würdige Vertreterin, und in einem von Frau Sch le s inger - Steiner verfaßten Festspiel „Patriotische Gäste" präsentierten sich Edith P o g o r s ch e l s k i, Helene Sturm, Else und Gertrud H e i n« r i ch als herzgewinnende Miniaturmimen. Optiker Stadtverordneter Heidrich schilderte in interessanten Ausführungen den Weltkrieg und erläuterte seine Darlegungen durch zahlreiche klare Lichtbilder. So verlies im Muge der Abend, der allen Teilnehmern in Lieber Erinnerung bleiben dürfte. — Stendal, 12. März. Im diesseitigen Korpsbezirk sind zirka 300 0 jüdische Kriegsgefangene untergebracht, davon befinden sich hierorts 630 und im benachbarten Salzwedel und Gardelegen 320 bzw. 200. In allen drei Lagern finden jeden zweiten Sonnabend Gottesdienste statt, bei denen die Gemeinden vertreten sind. In Salzwedel versucht Herr Lehrer Ackermann in dankenswerter Weise, die religiösen Bedürfnisse der Kriegsgefangenen zu befriedigen, indem ec durch religiöse Betrachtungen den geistigen Hunger stillt. Außerdem konnte Herr Ackermann mit Genehmigung des Lagerkomm audanten verschiedene Eßwaren und Leibwäsche zur Verteilung bringen sowie von dem bei einzelnen Gemeindemitgliedern gesammelter! Gelde noch einen Betrag zwecks Beschaffung von Mazzot reservieren. Bei der großen Zahl der Gefangenen ist es nicht möglich, auch nur annähernd das notwendige Quantum zu beschaffen, und zwar weger, Mangels an Mitteln. Auch wird solches mit Rücksicht auf die Streckung unserer Getreidevorräte kaum gestattet werden. Wir haben deshalb die Anregung gegeben, daß zu den Pessachtagen statt Brot ein entsprechendes Quantum Kartoffeln an jüdische Gefangene zur Verteilung gelangt. Im hiesigen Lager wurde am Purim die Megillah von einem Gefangenen in meisterhafter Weise zur Vorlesung gebracht. Nachdem noch einige Gesangskünftler ihr Können zum Besten gegeben, ersolgte die Verteilung der von dem Halberstädte^ Frauenverein gestifteten Chumoschim, Tefillin und Arba Kanfaus. Es war eine wirkliche Purimfreude für die Beschenkten wie auch für uns, die wir die Sachen zur Verteilung bringen durften. Handelt es sich doch in unserem Lager in der Hauptsache um intelligente Leute, zum Teil vornehme Charaktere, die gar keine leiblichen und nur geistige Bedürfnisse geltend machen. Zur Befriedigung dieser Bedürfnisse appellieren wir an unsere Glaubensgenossen, uns mit Büchern religiösen Inhalts und Ritualien wie Tefillin usw. zu versehen. Diese Gegenstände gelangen bei den jüdischen Kriegsgefangenen aus Rußland in die allerbesten Hände. Da diese Situation in allen Lagern dieselbe ist, möchten wir nicht gerade unser Lager bevorzugt wissen, wir halten vielmehr Herrn Rabbiner Dr. Auerbach in Halberstadt für die richtige Verteilungsstelle, da dieser Herr bislang in seelsorgerischer Beziehung tätig gewesen und die erbetenen Sachen zur Weitergabe sehr gern annehmen wird. Eine große Freude bereiten wir unseren hiesigen Gefangenen durch die regelmäßige Verteilung jüdisck-er Zeitschriften, die uns zu diesem Zweck zum Teil von den Verlegern und zum Teil durch die Großloge für Deutschland zur Verfügung gestellt werden.

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