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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-19 · Heft 12 (19.3.1915) · p. Seite 143

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 12 (19.3.1915)
Date
1915-03-19
Page
Seite 143 (sequence 11)
Language
German
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143 „Dort oben ist er" und deutete auf die Kuppel. „Los auf ihn!" Die Menge stürmte die Baugerüste. Hunderte kletterten aus einmal hinauf. Unter der großen Last krachten plötzlich die Gerüste, daß es wie Donnergetöse klang. Littauer bahnte sich an den Domherren vorbei einen Weg und schrie, halb wahnsinnig vor Angst, hinauf: - „Leute! Leute! Achtgeben! Um Gottes — Himmels willen, gebet acht!" Die nach oben drängende Menge blieb stehen. Sehet doch, der Jude ist dort unten. Was, zum Teufel, haben sie denn hier oben zu suchen. Und das Volk, das nicht wußte, warum es wütete, stieg hinunter und seine Wut wurde noch größer, noch haßerfüllter. Gregor stellte sich vor Littauer hin, hob seine Faust und fuchtelte ihm damit vor der Nase: „Gehen Sie in die Synagoge! Da haben Sie nichts anzuschaffen!" Aus der Menge aber drängle sich ein Bauer hervor und stellte sich vor den Bischof hin: „Wir wollen das Kreuz haben!" Und tausend Kehlen schrien ihm nach: „Wir wollen das Kreuz haben!" Die Polizisten, die Feuerwehrmänner wollten die Menge! zurückdrängen. Kommandoworte, Verwünschungen schwirrten I in der Luft. Säbel blitzten aus und nach jedem Säbelblinken j tauchte jemand in den schwarzen Wellen unter, wie der Stein,! den man ins Wasser wirft. Das Blut machte die Bauern be-! rauscht. Oho, jetzt werden sie erst recht nicht nachgeben. j „Wir geben nicht nach!" erscholl es in wirrem Durch-! einander. „Auch euch hat der Jude bezahlt! Wir wollen das; Kreuz haben! Setzet das Kreuz auf!"! Stöcke, Knüttel wurden drohend gegen die Gruppe des; Bischofs erhoben. Der Bischof erbebte. Er wußte auch jetzt : noch nicht, was geschehen war. Die Frauen kreischten. Frau Littauer war in Ohnmacht gefallen. j Kollar stieg aus den Flaschenzug, als wäre dieser eine Kanzel, und erklärte mit weithinschallender Stimme: „Seid ohne Furcht, wir werden das Kreuz auffetzen." Littauer griff nach seinem Herzen. Er litt entsetzlich. Im Hirn verspürte er einen quälenden Schmerz. Ein tiefes Weh, ein unnennbares, unerklärliches Angstgefühl vor etwas Unbekanntem erfaßte ihn. Der Lärm betäubte ihn, die entfesselte» Leidenschaften der aufgewiegelten Massen riefen bange; Ahnungen in ihm wach.! „Eminenz," sprach er zum Bischof, „ich übernehme für gar nichts die Verantwortung."; „Schämen Sie sich," fuhr ihn Pater Luzian an, „in dieser Stunde hätten Sie doch vergessen können, daß Sie Jude sind." j Die Massen sind nicht wie das taube Gestein, welches nur die Worte widerhallt, die man ihm züschreit. Die Massen haben ein feineres Empfinden. Wenn sie ein Wort erfassen, dann geben sie gleich ein solches Echo, welches auch den Sinn . des Wortes wiedergibt. Auf Luzians Worte kam folgendes Echo: „Wo ist der Jude? Schlaget ihn tot!" Den Bischof fröstelte es, mit leisein Knistern raschelte das Seidenornat auf ihm. „Auch Eminenz hören es," ermutigte ihn Pater Luzian. „Volkesstinune — Gottesstimme. Wenn Sie es gnädig gestatten, können wir beginnen." Littauer verlor nun vollends seine Selbstbeherrschung. Er bäumte sich auf, gleich einer einsamen Welle im endlosen; Meere. Der Aermste wußte nicht, daß die Menge ihn zer-; malmen, verschlingen, vernichten wird. j „Ich gebe es nicht zu!" schrie er schrillen Tones. „Weg von i den Gerüsten! Leute! Höret auf -mich! Herr Polizerhauptmann, ich mache Sie verantwortlich!" Mit wildem Geschrei antwortete die Menge: „Nieder mit dem Juden!" „Eminenz, Euer Gnaden!" fuhr Littauer fort und wies auf Kollar. „Dieser Mann hat mich betrogen. Er hat mein Vertrauen mißbraucht. Er hat auf Sand gebaut!" „Der Bau ist in Ordnung!" sagte Pater Luzian auffahrend, „die Kommission hat ihn untersucht!" „Die Kommission hat gelogen!" brach Littauer los. „Die Kommission ist nicht sachverständig! Ich weiß, daß der Bau sinkt!" Und als ob auch der liebe Gott auf dieses Schlußwort gewartet hätte, ertönte jetzt von der Kirche her ein entsetzliches Getöse. Die Leute erstarrten vor Schrecken, in ihren Adern stockte das Blut. Doch plötzlich kam Bewegung in die regungslose Masse, und in wilder Furcht ließ sich die Menge von den Feuerwehrleuten bis an den Rand des großen Platzes zurückdrängen. Das Gefolge des Bischofs flüchtete zur Triumphpforte. „Lüge! Lüge!" schrie Kollär zornig. „Der Jude lügt. Es ist nichts zu befürchten. Nur die Holzgerüste haben gekracht. Ich übernehme die Verantwortung. Gregor! Anton! Vorwärts, Leute! Wir steigen in die Kuppel hinauf." Kollär rannte in fanatischer Wut als Erster hinaUf. Man mußte Littauer beschämen. Er wird das Kreuz ihm zum Trotze anbringen lassen. Es ist wahr, daß er die Kirche auf Sand bauen ließ, aber deswegen kann diese auch zwanzig Jahre bestehen und nicht nur das Kreuz, sondern eine zwanzigfache Last ertragen. „Siehst du, mein Sohn," sagte der Bischof mit leisem Vorwurf zu Littauer. Dann wandte er sich an sein Gefolge: „Im Namen des Herrn Jesus gehen wir." Littauer warf sich mit ausgebreiteten Armen vor den Bischof hin: „Nein! Nein!" Kollär erschien jetzt an dem Erker der Klippel. Mit dröhnender Stimme rief er den Arbeitern, die bei dem Flaschenzuge standen, zu: „Seid ihr fertig?" „Fertig. Los!" Plötzlich wurde eine erdbebengleiche Erschütterung gespürt. Ein ohrenbetäubendes, donnerähnliches Getöse machte die Luft erzittern. Unter der Kuppel schwankten die Säulen u>ld, gleich dem Felsengerölle, kam die Steinmasse sausend, polternd, krachend in Bewegung. Die Kuppel stürzte ein. Dichte Staubwolken hüllten den ganzen Kirchenplatz ein. Der Staub machte die Leute blind. Niemand sah, was geschehen war; man hörte nur den bluterstarrenden Lärm und als Antwort darauf den markerschütternden Aufschrei von tausend und aber tausend Menschenkehlen. Es lvar ein Anblick zum Wahnsinnigwerden. Littauer griff sich ans Herz, an sein armes, krankes Herz und sank wortlos hin. Tiefe, lautlose Stille folgte auf das fürchterliche Getöse, und diese Stille war noch unheimlicher. Der Bischof lehnte sich betäubt an die Triumphpforte. Die Geistlichkeit hatte sich zitternd um ihn geschart, wie um ihn zu beschützen. Die Menge begann wieder auf und nieder zu wogen. Zu Hunderten flüchteten die Leute von der Unglücksstätte, als ob eine Kanonenkugel zwischen sie gefahren wäre. „E Chorden! E Chorben!"*) schrie Buchsbaum und rannte mit den anderen davon. (Fortsetzung folgt.) h Zerstörung! Zerstörung!

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