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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-19 · Heft 12 (19.3.1915) · p. Seite 142

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 12 (19.3.1915)
Date
1915-03-19
Page
Seite 142 (sequence 10)
Language
German
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142 wurde vom Neide verzehrt, weil er nicht neben dem Bischof sein konnte. Der Bischof erschien mit seinen Probstherren, Domherren und dem sonstigen Gefolge. Sein gütiges Antlitz strahlte vor Glückseligkeit. Man sah ihm an, daß er alle Anwesenden gern segnen möchte. Als er Littauer erblickte, reichte er ihm die ringgeschmückte Hand zum Kusse hin: „Du hast, dem Herrn Jesus ein schönes Denkmal errichtet, mein Sohn," sprach er gütig zu ihm. Littauer war totenbleich. Er küßte den Ring und wies das Lob zurück: „Stein und Eisen sind vergänglich, Eminenz/ „Du sprichst gegen dich, mein Sohn. Der Glaube hat dich bescheiden gemacht." „Auch früher war ich nicht eingebildet." „Deshalb ist aus dir ein guter Christ geworden." Dem Pater Luzian schien es zu viel der bischöflichen Huld. Er trat vor und fragte: „Geruhen Eure Eminenz das Kreuz einzuweihen?" „Ich bin müde, Luzian." „Befehlen Eminenz, daß Seine Hochgeboren der Herr Probst den heiligen Akt vollziehe?" „Vielleicht doch nur ich selbst, Luzian, aber erst muß ich nusruhen." Am Arme Pater Luzians begab er sich zum Zelte. Dort angekommen, blieb er eine Weile stehen und übernahm lächelnd den Rosenstrauß aus Frau Littauers Händen. „Danke, danke. Rosen von der Rose," sagte er ritterlich. Frau Korläth spielte alle Farben. „Uns hat er gar nicht beachtet," flüsterte sie der Frau Suhajda zu. „Ein schöner und ruhmreicher Tag," sprach der Bischof zu seiner Umgebung, indem er sich im Zelte niederließ. O, wie. ich diesen Tag herbeigesehnt habe. Oft mußte ich fürchten, daß ich ihn nicht erleben werde. Aber dieser brave, gute Mensch .... Wo ist er? Mein Freund, mein Sohn," er winkte Littauer, der abseits stand. „Dieser Mensch," sprach Luzian, „macht auch jetzt Hindernisse." „Ist das möglich?" fragte verwundert der Bischof. „Wegen irgendeines hebräischen Feiertages, soviel ich weiß," sagte ein Domherr. „Diese Leute," sprach der Großprobst, „reißen sich von ihrer Rasse nie ganz los." „Sie sehnen sich nach ihrem Glauben zurück, wie sich ihre Ahnen nach den Fleischtöpfen Aegyptens zurückgesehnt haben," meinte ein zweiter Domherr. „Nein, nein. Domine," protestierte der Bischof. „Wir haben der alleinseligmachenden Kirche schon viele gute Christen erworben. Nun, aber jetzt wollen wir nicht länger plaudern. Heute darf man nicht faulenzen, noch viel weniger verleumden," sagte er und erhob sich von seinem Sitze. „Ich habe nicht verleumdet," wehrte sich Luzian finster. „Ich kenne diesen Menschen. Er ist halsstarrig und verstockt." Der Bischof ging zum Flaschenzuge, an welchen man das Kreuz gelehnt hatte. Mit bleichem, verstörtem Gesicht ging Littauer dem Bischof nach. „Gott verlaß mich nicht," flehte er leise. „Diese Leute sind blind und taub. Und mir glauben sie nicht. Und wenn hier jetzt ein Unglück geschieht ..." Der Bischof stand schon bei dem Kreuze. Spitz sah es von weitem und mußte sich an dem Platanenbaum sesthalten, um nicht vor Schrecken umzufallen. Also wird das Kreuz dennoch angebracht werden. Man hat also doch nicht auf Littauer gehört. Schöpfer der Welt, was wird jetzt geschehen. „Rebojne schel Ojlem," betete er, „wos liegt dir dus auf! As es is schajd daj, los es sein."') Lasse hier kein Unglück geschehen. Dir bleibt es sich ohnehin gleich. Rebojne schel Ojlem, möge eine christliche Kirche mehr auf der Welt sein. Nur kein Unglück soll geschehen." Als Littauer den Bischof beim Kreuze sah. stellte er sich sofort an seine Seite. Auch Kollär war gleich dort. „Was wollen Sie?" zischte er. „Das werden Sie sehen," entgegnete Littauer. „Wollen Sie uns zugrunde richten?" „Auch Sie werde ich noch retten." Kollär winkte der Menge, die außerhalb des Kordons stand. „Gregor! Anton! Kommt!" schrie er. „Eminenz," wandte sich Littauer an den Bischof, „ich flehe Eure Eminenz an." „Was willst du. mein Sohn?" „Eminenz, ich habe große Angst. Heute hat man mir gemeldet, daß die Mauern sinken." Der Bischof wankte. „Bitte, reden Sie ehrlich," griff Pater Luzian Littauer an. i „Ich rede ehrlich." j „Sie lügen!"! „Hochwürden!" Aus Luzian brach der Zorn hervor: „Mein Vater," sprach er, „dieser Mensch ist kein wahrer Christ. Auch heute fastet er mit den Juden, deshalb scheut er das Kreuz."! Jenseits der Gerüste, hinter dem Kordon, setzte sich die Menschenmasse mit einem solch plötzlichen Ruck in Bewegung, als ob sich unter ihr der Erdboden gerührt hätte. Die dichten Reihen wälzten sich wellenartig näher, immer näher, indem > sie sich teilten und wieder vereinigten. Irgendeine wilde Kraft! hatte sich ihrer bemächtigt, warf sie hin und her und rollte, donnerte, knatterte dazu wie die Sturmmusik. Der Bischof erbleichte und es erbleichten auch die Dvm-! Herren und Prälaten. „Spannen!" schrie der Feuerwehr-Oberkommandant. Die Feuerwehrleute spannten den Strick an. Da blinkte plötzlich ein Beil in der Luft. Und das Beil - sauste auf den Strick der Feuerwehr nieder. Der entzweigeschnittene Strick gab einen Laut, als ob eine riesengroße Saite gesprungen wäre. j Rechts und links sielen 'die Feuerwehrmänner, von dem! plötzlich gerissenen Stricke mitgeschleudert, zu Boden. Die j Menge aber drängte sich durch die entstandene Oeffnung.! Hundert Menschen wälzten sich aus dem Boden und bildeten! einen wirren Knäuel. Flüche schwirrten durch die Lust, und! diese Flüche waren ganz und gar nicht christlich.! Gregor und Anton durchwateten mit ihrer Schar die am! Erdboden liegende, heulende und schimpfende Masse und! gingen geradeswegs auf den Bischof zu.! „Wo ist der Jude?" kam es brüllend aus Gregors Munde.! Wie auf einen Zauberschlag war bei diesen Worten alles,! ivas sich noch eben aus dem Erdboden herumgebalgt hatte, auf j die Füße gesprungen.? Aha! Hier wird ein Jude gesucht. Da mußte man doch j mittun. Und die getretenen, zerstampften Leute hatten sich auf-; gerichtet, der Schar Gregors angeschlossen und schrien auch! nach dem Juden. j „Wo ist der Littauer-Jude?" brüllte jetzt Anton. Und hundert Kehlen brüllten es ihm nach. Jemand schrie: . ') Herr der Welt, wenn sie schon da ist, soll sie stehen.

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