Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1915)
- Date
- 1915-03-19
- Page
- Seite 140 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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140 Schreibtisch saß, ein Manuskript; er nahm es mürrisch, ohne! nach dem Wie und Was zu fragen, und einige Wochen später j erschien mein Elaborat; es enthielt mehr Druckfehler als Worte,! erregte den Spott meiner Schulgenossen, die Verwunderung einiger halbwüchsiger Mädchen, denen ich gern gefallen wollte, und das Erstaunen meines Vaters, das sich freilich rasch in j Betrübnis und Aerger verwandelte, als mich der Schuldirektor j wegen unbefugter Publikation in einem öffentlichen Blatt zu; zehn Stunden Karzer verurteilte.; Ans eigentümliche Weise ist der Trieb, Geschichten zu erzählen, in mir geweckt worden. Ich schlief mit einem um; mehrere Jahre jüngeren Bruder in derselben Kammer, und die : Lust am Schwatzen wie auch die Aussicht aus Belohnungen; inachten ihn zum Spion; er verriet den Eltern meine heim-! lichen Streifzüge in den Wald, meine Beschäftigung mit i Jndianerbüchern und mein Verseschreiben. Da geriet ich auf j das Mittel der Scheherazade: ich erzählte ihm erfundene! Romane in abendlichen Fortsetzungen; je spannender die Be-! gebenheiten wurden, je erwartungsvoller war er natürlich j gestimmt, und je weniger hatte ich seine Angeberei zu fürchten. j Vielleicht mag nur der Pedant rückschauend seinen Weg \ zn erkennen; die anderen gewahren eine Finsternis, aus der! hier und da traumartige Gebilde auffunkeln. Das Werk ist die Probe auf die Wahrheit eines Lebens, die Gestalt erbringt den Beweis; im Spiegel gefallen oder hassen wir uns, aber wir erkennen uns nicht darin. Bis zum Jahre 1900 war mein Leben zu abenteuerlich und unbürgerlich, als daß ich hier den Versuch eines Berichtes wagen möchte. Die Zeit der leiblichen; Not dauerte bis zum Sommer 1894, wo ich, durch die zufällige Lektüre eines Inserats zu einem verzweifelten Brief angefeuert, bei Ernst v. Wvlzogen Unterkunft und belohnte Tätigi keit fand. Ich darf sagen, daß mir in ihm der erste Mann begegnete, der sich in selbstloser Weise meiner annahm, und ' ich danke ihm nicht bloß ein energisches Eingreifen in meine! Existenz, die verwildert war, und in der ich die Einsamkeit mit ihren schrecklichen Folgen erfahren hatte, sondern auch; ein kräftigendes Vertrauen, das er meinen Arbeiten schenkte, und das mir ebenfalls neu war. Seit zehn Jahren lebe ich in der Nähe von Wien. Es gibt deutsche Kritiker, die mir dieses Domizil nicht verzeihen wollen. Ich bitte sic trotzdem, es zu billigen. Dagegen verspreche ich, der capnanischen Lässigkeit, die übrigens eine von den Oberflächlichen verbreitete Legende ist, niemals zu verfallen. Allerdings ist hier der Wirkende inehr isoliert, der zu einem Ziel Entschlossene mehr ans sich gestellt als irgendwo sonst, aber es wehen viele Stürme, und >venn der Posten gefährdet ist, auf dem man sich befindet, wird die Wachsanckeit erhöht. Ich habe das Gefühl, am Anfang meines Weges z» stehen. Doch , lim sein Ende zu erreichen, müßte man — unsterblich sein." jfln nnsere Jugend! E i n Mah n rn f in er» st er Zeit. Von I. H e r z b e r g. Erster Lehrer der Synagogengeineinde zu Kromberg. n euch, ihr Jungen, wendet sich mein Mahnruf, an euch, die ihr das hohe Glück habt, Zeugen einer großen Zeit zu sein und ihrer Entwicklung zuschauen zu können! An eilch, ihr Jünglinge und Jungfrauen, die ihr eben eure Kinderzeit zurückgelegt habt und nun im Begriff steht, ins Leben zu treten, richtet sich mein Wort angesichts der gewaltigen Geschehnisse der Gegenwart! Hört es und lasset es euch verkünden: Für euch kämpfen die wackeren, todesmutigen Männer,! die mit euch eines Glaubens und eines Stammes sind, j auf den Schlachtfeldern in Ost und West. Für euch, die ihr die Hoffnung der Indenheit, die Zukunft des Judentums bildet, lassen sie ihr Blut! Ein gar hohes Gut steht dabei auf dem Spiele, ein Gut, das neben der Freiheit des Vaterlandes der.Kampfpreis sein muß und das erst in Zukunft am meisten euch beglücken kann und soll. Denn die, welche nach erfochtenem Siege heimkehren, werden älter und immer älter. Ihr aber reift unterdessen zu Männern und Frauen heran, um allgemach an ihre Stelle zu treten. Diele von euch werden dazu berufen sein, innerhalb unserer Gemeinschaft die Führerschaft zu übernehmen. S i e wandelten noch nicht ganz geebnete Pfade, und i h r werdet glatte Bahnen finden. Was sie erkämpft haben, überantworten sie euch vertrauensvoll zur Hütung und Wahrung. Und wenn ihr eines Tages auf den Höhen des Lebens wandern werdet, wenn ihr an der großen Lebensarbeit mit tätig seid, dann wird, so hoffen und erwarten wir heute, das Judentum höher stehen denn je und die Judenheit unter den Völkern geachtet dastehen. Der tobende Weltkrieg soll euch Lehren und Erfahrungen bringen. Er soll klärend und veredelnd auf euch wirken und euer Leben von mancherlei Schlacken, die ihm noch anhaften, befreien und reinigen. Licht und hell und klar soll euer Leben sein und licht und hell und klar euer Judentum. ■ Das Vaterland fordert nicht in letzter Reihe echte, wahre Juden, die stets ihrer heiligen Pflichten nach jeder Richtung hin eingedenk und sich bewußt sind. Zu solchen Juden soll und kann der Weltkrieg auch euch erziehen. Er legt euch eine große Verantwortlichkeit auf.. Lasset darum das Gefühl für diese Verantivortlichkeit immerdar in euch rege sein, laßt es durch nichts ersticken. Vergesset dabei nimmer, daß von euch jederzeit Unterordnung gefordert wird, und daß nicht jeglicher nach Gutdünken schalten und walten darf. Unterordnung ist oft schwer, verlangt nicht selten Selbstverleugnung und Opfermut. Aber sie ist unerläßlich. Die eigene Persönlichkeit der Gesamtheit anpassen: das sei euch die hohe Ausgabe des Tages. Diese Anpassung binde.t nicht, knechtet nicht! Nein, sie macht frei! . Denn sie gibt eurer Persönlichkeit erst den eigentlichen Ehrrakter. Und wenn unsere Männer siegreich aus dem heißen, blutigen Kampfe heimkehren (und sic werden es, so hoffen >vir voll Zuversicht!), dann laßt zu keiner Stunde das Ziel, das ihr zu erstreben, die Aufgabe, die ihr zu lösen habt, aus dem Auge. Was das Geschlecht, dem ihr entsprossen seid, das ihr verjüngen sollt, und das jetzt voll Hoffnung auf euch blickt, nicht ganz hat erringen können, verwirklicht es! Ihr vermöget es, denn alle Verhältnisse sind dafür günstig. Eine neue Zeit bricht heran und viele Werte werden umgeformt, viele umgewertet. Wo bisher Gleichgültigkeit, Abneigung, Absonderung herrschte, wird Interesse, Wvhlivolleu und Entgegenkommen sich zeigen. Der Kriegssturm hat zahllose Gegensätze schon hinweggefegt, hat die Bahn zur Verständigung und zur Verbrüderung glatt gemacht; kaum etwas steht noch hindernd im Wege. Darum, Jünglinge und Jungfrauen, schließt euch heute und alle ferneren Tage eng zusammen, enger denn je! Blicket geradeaus und unverrückt aufs Ziel, schauet weder nach rechts, noch nach links! Wer euer Nachbar im Kampfe um euer Ziel ist, sei euch gleich. Nur dieses Ziel, nicht der Mitkämpfer stehe euch vor Augen.