Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1915)
- Date
- 1915-03-19
- Page
- Seite 139 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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139 vorgesallen sind, von denen ich früher berichtet habe, gäbe es über-! Haupt nicht. Das war wahr; die Stadt heißt Bychawa. Ich hatte! aus Versehen ein e statt eines y geschrieben. Die Schrecknisse sind j aber die nämlichen.! Auch einen anderen Irrtum habe ich in meinen Aufsätzen be- ' gangen. Ich bezeichnete Wladyslaw Mickiewicz, der in Warschau in einer öffentlichen Versammlung redete, als den ausgezeichneten Sohn des großen Mickiewicz. Dieser hat mir aus Paris einen böslichen Brief gesandt und inir mitgeteilt, daß er überhaupt seit! dem großen Aufstand nicht in Warschau war. Mein Irrtum ist! verzeihlich, da Redner ein entfernter Verwandter des großen Berj storbenen war, der sowohl Vornamen als Nachnamen mit dem j Sohn des Dichters gemein hatte. Die Verwechslung lag also nahe, i Die ukrainische Presse hat mich nach Kräften verhöhnt, weil ich j geschrieben hatte, daß ich die Wahlgeometrie der Polen in Galizien! kenne, daß ich aber nicht finde, daß davon viel Aufhebens gentacht! werden kann; diese Presse ahnt nicht, daß ich lange vor Björnsou! und mit der größten Wärme die Sache der Rllthenen vertreten - habe (siehe meine Schriften Band 17), itnb wahrscheinlich derselbe j Ruthene, der mich seit siebzehn Jahren verfolgt, weil ich die Polen! nicht im Namen der Ruthenen angreisen wollte, erklärt natürlich jetzt, daß ich für meine S t a u: nt e sgen o s s e n P artet ergreife, anderen Natioualitäten gegenüber sei mein Gewissen g e r ä u - m i g. Sogar ein Ruthene muß doch verstehen können, daß zwischen dem hnrecht, das man einem Volksstamm zu sügt, indem man ihm nicht alle die Vertreter iit einem Landtage ein räumt, aus die er ein Recht hätte, und dem Unrecht, das inan einem Volksstamm zufügt, indem matt Männer und Weiber plündert, ermordet, erhängt mtd verbrennt --- daß dazwischen ein gewisser Unterschied ist. Uebrigens hat inan vott Polen aus folgendes Rundschreiben ausgesandt: „Die polnische Presse hat bereits mehrmals die Frage aufgeworfett, weshalb der Verein der politischen Schriftsteller und Jourrtalistett nicht auf die Aufsätze von Georg Brandes geantwortet hat. Der Verein hat in seiner jüngsten Sitzung beschlossen, nicht zu antworten, weil er die Repliken in den einzelnen Organen der polnischen Presse als hinlänglich betrachtet. Der Verein verzichtet aus einen kollektivett Protest." Es wäre besser gewesen, wenn der Verein der polnischen Schriftsteller und Journalisten beschlossen hätte, das seinige zu tun, mit Pogrome zu verhindern, als daß er diese nichtssagende Mitteilung aussandte, die kaum jemand imponiert, jedenfalls nicht mir. Die ganze polnische Presse mit Ausnahme eines einzigen Blattes, „Kurjer Lodski", ist judenseindlich. Da wir nicht das Ballet „Waldemar" miteinander aufführett j sollen, dies aber Ernst ist, so führe ich heute erst an, welche polj '.tischen Organe antisemitisch sind: Tageszeitungen: 1. „Gazeta Warezawska" (D m o w s k i's>), 2. „Dwa Grosze^, 3. „ Kur jer W a r sza w s k i", 4. „ K u r j e r P o r a n n h", r>. „ Dzie n", 6. „Dziennik Powszechny", 7. „Polak AlötoIiT, 8. „ Wiarus ", 9. „Prawda" (Swientochowski^s), 10. „Siewa". Folgende illustrierte Zeitschriften und Wochenblätter: 1. „Sw tat", 2. „Tygodnik Jllustrowany" (enthielt Swientochowskis antisemitische Aufsätze), 3. „Hu m a n i st a P o l s k i", 4, „ M y s l N i e p o d l e g la" (Niemojewfki's). Antisemitische Kinderblätter: 1. „Przhjaciel Dzieci", -2. „Wies i D w o r". Schließlich sämtliche Provinzialzertungen. Um ein für allemal in einer keinen Widerspruch zulassenden Weise ztl zeigen, wie in Russisch-Polen gegen die Juden gehetzt wird, sei auf eine Kopie einer Illustration aus dem polnischen Dolksblatt „ W i a r u s" hingewiesen. Die Ueberschrift des Bildes ist Ritual m o r d, darunter steht: Eine Szene, wie d i e Juden ein Christenkind ermorden, um dessen Blut zur H e rst e l l u n g des ungesäuerten Brotes 3 u gewi n n e n, wie dies auch im Beilis - Prozeß d a rge t a n w u r d e. Ich habe in der europäischen Presse manches gesehen, worüber man sich geniert fühlen mußte, vorausgesetzt, daß man von Ehre weiß. Ich habe aber in meinem Leben nichts Schamloseres gesehen. Jakob Mallrrmann. er hervorragende Schriftsteller, von dessen Schriften in diesen Blättern schon häufig gesprochen worden ist, wurde am 30. März 1873 in Fürth geboren und lebt seit 1901 in Wien. Seine Werke (seit 1896) sind die folgenden: Melusine, die Schaffnerin; Die Inden von Zirndorf; Geschichte der jungen Renata Fuchs; Der nie geküßte Mund; Alexander in Babylon; Die Kunst der Erzählung: Die Schwestern; Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens; Mv- Die Masken Erteiners. Eine feine literarische Würdigung des Schriftstellers gab Franz Servaes im „Literarischen Echo", 13. Jahrg., Sp. 1361—1369; eine autobiographische Skizze veröffentlichte Wassermann Sp. 1369—1372. Diese mag hier folgen, weil sie geeignet ist, den Werdegang des bedeutenden Mannes zu beleuchten. Sie lautet: „Erleben heißt: gegen Widerstände wirken; es scheint mir, daß auch die Kunst diesem Gesetz ihre bedeutenden Phänomene verdankt. Am Widerstand entzünden sich die Kräfte. In meinem Elternhaus wurde das Erwachen meiner schriftstellerischen Neigungen in einer Art behandelt, als ob ich in einer ehrlosen Existenz zu verfallen drohte; einer entbehrungsreichen, wurde für gewiß angenommen, und darin hatte man sich auch nicht getäuscht. Die untere Schicht der bürgerlichen Welt, in der ich aufwuchs, hegte gegen den jungen Mann, der Dichter- Werden wollte, eine Meinung, die aus „Fliegende-Blätter"- Stimmung und mittelalterlicher Komödiantenscheu (gebildet) gemischt war. Mein Vater hatte einmal in einem thüringischen Hotel mit Karl Gutzkow an derselben Tafel gespeist; es war die große literarische Reminiszenz seines Lebens, und er pflegte bisweilen seufzend zu mir zu sagen: „Das war ein Mann! Profund gebildet! So viel kann ich dich nicht lernen lassen, und deshalb wirst du es auch zu nichts bringen, also laß ab, dein Unglück zu wollen." Im Alter von vierzehn Jahren ging ich eines Morgens aus die Redaktion des „Fürther Tageblatts" und übergab einem Herrn, der halbschlummernd an einem äm