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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-19 · Heft 12 (19.3.1915) · p. Seite 138

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 12 (19.3.1915)
Date
1915-03-19
Page
Seite 138 (sequence 6)
Language
German
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138 Unmenschlichkeiten der Russen sind wir nachgerade so gewohnt, daß uns nichts mehr verwundert; daß aber ein Volk, das derartige Greuel übt, von Kulturnationen, wie England und Frankreich, als Bundesgenosse hochgehalten wird, daß Engländer und Franzosen nichts tun, um diesen Niederträchtigkeiten zu steuern, das ist etwas, was der Kulturmensch nicht begreifen kann. Bei solchen Verbrechen gegen Gerechtigkeit und Menschlichkeit ist es schwer, die Hoffnung aufrechtzuerhalten; und doch wollen wir Mut und Vertrauen nicht sinken lassen. Wenige Tage später, nachdem diese Zeilen in die Hände unserer Leser gelangen, begehen wir den Frühlingsanfang (21. März) und die Erinnerung an den Geburtstag Kaiser Wilhelms I. und den Todestag Goethes (22. März). Diese Erinnerungen mögen uns kräftigen: das Gedenken an den gütigen und milden Herrscher, der ungern zum Schwert griff, aber es siegreich zu schwingen wußte, der, menschlich edel, ein Vorbild und Muster für alle Nachfolger geworden ist, und die Anlehnung an den großen Dichter, der, ein Prophet und Seher, ein Verkünder des Höchsten und Reinsten gewesen ist. Hat er auch keine oder ivenige vaterländische Lieder gedichtet, so hat er uns gelehrt, deutsche Kraft und deutsche Tüchtigkeit zu lieben. Er hat uns Vertrauen verkündet zu den „himmlischen Mächten" und uns zum Bewußtsein gebracht, daß Tätigkeit und Pflichterfüllung, Dulden und Ertragen die Aufgaben des Mannes sind und bleiben. Gestärkt durch das Vorbild solcher Männer gehen wir dem kvinmenden Frühling entgegen. Freilich, frühlingsmäßig sieht die Welt noch nicht aus. In' der Natur wagen sich Schneeglöckchen und Krokus nur schüchtern aus der Schneedecke hervor, und von einem Völkerfrühling scheinen wir weiter entfernt zu sein als jemals. Aber wie die Sonne Wunderkraft besitzt, um die Schneedecke zu schmelzen und den schüchternen Blümchen ihr Leben zu gönnen, so werden die Völker — des sind wir gewiß — nicht bloß durch Erschöpfung, sondern durch das dringende Bedürfnis nach neuem Leben bereit sein) die Waffen niederzulegen und der heilbringenden Friedensarbeit sich zu widmen. Und wenn auch Frühling und Sommer vergehen sollten, ohne daß die Friedenstaube erscheint, wir leben der innigen Ueberzeugung, daß dereinst die Heilsbotschaft eines Frühlings der Menschheit uns erklingen wird. flukwiegelung?u Oogromen in LuMlch-Ootrn. Von Georg Brandes. achdem es durch Aufwiegelung des Hasses der Nationen gegeneinander gelungen ist, Europa zu einem Irrenhaus, einem Trauerhaus, einein Lazarett, einem Kirchhof und einer Fallitmasse zu machen, sollte man glauben, daß innerhalb der Grenzen der am Kriege beteiligten Länder wenigstens eine Art von Frieden aufrechterhalten würde. Dies gilt, wie ich in einigen Aufsätzen dargetan habe, nicht vom Russischen Reiche. Während Frankreich und England, durch die Not dazu gezwungen, Europa wissen lassen, daß die russische Regierung uüc ihre eigenen Regierungen für Recht und Freiheit kämpft, hat diese Regierung die Arbeiterpresse unterdrückt, die Arbeiterorganisationen aufgelöst, fünf sozialdemokratische Mitglieder der Reichsduma verhaftet, den bedeutendsten Staatsmann Finnlands nach Sibirien verschickt, die Polen mit einem unklaren Versprechen hingehalten, das nicht einmal von: Zaren selbst, sondern von einem Feldherrn abgegeben wurde, dessen Wort keinen verpflichtet, und eine Verfolgung der russischen Juden inszeniert, die ärger ist als irgendwelche frühere. Während die Anzahl der im russischen Heere kämpfenden Juden zwischen einer Viertelmillion und 400 000 veranschlagt wird, hält die Regierung sorgfältig die Rechtlosigkeit der Juden aufrecht und achtet darauf, daß sie sich nicht über das Gebiet hinauswagen, wo es ihnen überhaupt zu wohnen gestattet ist. Das ist eben das Gebiet, wo der Krieg in Polen stattfindet, und einige litauische Gouvernements. Wenn grenzenloses Elend und Hunger die Juden zwingen, die ihnen angewiesenen Wohnplätze zu verlassen, werden sie von Soldaten Patrouillen oder von Kosakenschwärmen zurückgetrieben. Wenn jüdische Soldaten, von ihren Wunden einigermaßen geheilt, ein Krankenhaus verlassen, werden sie, falls sie nicht dienstfähig sind, sofort nach dem „Heimatsort" zurückgesandt, wie unwohnbar dieser auch ist. es ist vorgekommen, daß ein russischer Freiwilliger von 19 Jahren, dem das halbe Gesicht abgerissen worden war und der von Professor Hirsch? mann in Charkow operiert werden sollte, aus dem Hotel weggcwiesen wurde und die Stadt verlassen mutzte, weil er ein Jude war oder von jüdischen Vorvätern abstammte. Das bleibt sich nämlich gleich. Zu den auf die Dauer des Krieges eingerichteten Offiziersschulen wird niemand zugelassen, dessen Vater oder Großvater jüdischer Konfession war. In Polen selbst hat seit Anfang des Krieges eine lange Reihe voir Pogromen stattgefunden. Die jüdische Bevölkerung ist geplündert, grausanl mißhandelt, an vielen Orten ermordet worden. Zudenl ist diese Bevölkerung aus einer Menge von Städten verwiesen worden, wo sie bisher wohnen durfte, mit 24stündiger Frist hinausgetrieben; so wurden ungefähr 1500 Familien aus Grodzisk, einer Stadt unweit von Warschau, die ich recht gut kenne, hinausgejagt, während alles, was sie in den Häusern hinterlassen hatten, geraubt und geplündert wurde. Außerdem sind die Inden aus acht Städten hinausgetrieben worden, von wo sie zur Hauptstadt strömten, die sie unmöglich beherbergen konnte. Dies geschieht zur selben Zeit, wo eine Menge junge Juden, die sich im Kriege -auszeichneten, Tapserkeits- und Ordenszeichen erhalten, imb während die Regierungspresse die Juden wegen ihrer Sammlungen zugunsten der Verwundeten und der Hinterbliebenen, sowie wegen ihrer Errichtung von Krankenhäusern und dergleichen rühmt. Daß der Pöbel in Russisch-Polen, wie anderswo in Europa, von einem lebhaften Judenhaß erfüllt ist, kann nicht wundernehmen, und es würde wahrhaftig einen Schriftsteller, der vielleicht kräftiger als irgendein Jetztlebender unter Nicht-Polen seine Ergebenheit an das polnische Volk -ausgesprochen hat, nicht dazu bewegen, eine Anklage wider die Polen zu erheben. Gingen die Pogrome vom Pöbe. aus, so wäre dazu nichts zu sagen. So wäre der Fall in Polen der nämliche wie in Kischinew und anderswo im eigentlichen Rußland. Was mich aber reden gemacht hat, das ist der unermeßliche Unterschied zwischen den Verhältnissen in Rußland und in Russisch- Polen, und zwar, daß, während sich in Rußland alle ausgezeichneten Schriftsteller des Landes, ein Wladimir Korolenko, ein Leonid Andrejew, ein Maxim Gorki, alle In tellektuellen überhaupt, der unglücklichen Juden a n - n e h m e n und d i e A ufwieg e l u n g z u> Pogrom e n a l s e i n e Scha n de u n d Schm a ch b etr ach te n , die polnische Intelligenz, Männer wie N i e m o j e w s k i und S w i e n t o ch o w s k i sich an die Spitze der B e w e g u n g g ege n die Juden gestellt u n b dadurch o sfe n bart haben, wie weit augenblicklich die polnische Intelligenz an wahrer Kultur hinter der russischen z u r ü ck st e h t. Das eben ist die Hauptsache und dem ist jetzt nicht mehr abzuhelfen. Das Unglück ist ja geschehen, und ich schreibe dies nicht ohne lieber legung, sondern in vollem und berechtigtem Ernste. Denn es handelt sich uni Menschenleben und menschliche Existenzen zu Tausenden. Sie werden vernichtet als Opfer mittelalterlicher Vorurteile, welche auszumerzen und nicht großzuziehen die Aufgabe des Geistesadels loa re. Persönlich habe ich mich wahrlich nur wenig zu beklagen. Man hat wohl nicht ganz vergessen, welch innige Liebe für Polen und die Polen ich öfters kundgegeben habe. Ein Herr Luninski, der sich noch in Kopenhagen aushalten soll, hat mich in polnischen Blättern den „großen" Dänen in Gänsefüßchen genannt und allerorten gedroht, eine Streitschrift gegen mich herausgeben zu wollen. Herr Wilhelm Feldmann, der mir vom früher her vorteilhaft bekannt war, teilt im „Berliner Tageblatt" mit, die Stadt Bechawa, in der einige Missetaten

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