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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-19 · Heft 12 (19.3.1915) · p. Seite 137

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 12 (19.3.1915)
Date
1915-03-19
Page
Seite 137 (sequence 5)
Language
German
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187 Das Li ed der Flüchtlinge. Wie die Nüssen senen kan Czerniwitz zurückgekimmen. Ob ech geklärt of a neuven, Zi soll ech Czerniwitz verbleiben, Zi soll ech in der weiten Welt. In die Fenster Hot men inz ungeklopt: Steht of, weil der Feind ist dagegen; In en Hemd miß mir antloifen. In überlosen dus ganze Vörmögen. Wie mir senen nor as das Stieb aransgekimen, Is gewesen in der Stadt a groißer Lärm, A jeder.is gelofen mit seinen Kindern A soi wie der Auszug von Mizrajem. Wie dus Militär ot nor ubgezeugen Is geworen a groiß gerider, Ener is aw un die Eltern In der anderer un Schwester in un Brüder. _ Unsre schöne Heimat miß nur schan verlassen Und fahren in ein fremden Land, Wie wir senen elend in verlassen Und mit kenem nit bekannt. Wie Nur senen kan Suczawa gekimmen Mit a Jummer in mit a groiß Gewehu, A soi senen nur alle stehn geblieben. In men Hot nischt gewißt wie zi gehn. In Schilaran Hot men inz genommen. Es is inz awäde gewehn weh. Die Kost nor die Neschunie zu erhalten In dns Geleger a Bintale Hee. Ich wollt aweg gefahren In der weiten Welt, Derech ein Sach nor miß mir leiden Wuß mir aner kein Gratzer Geld. Ach süßer Gott hob rachmunes of inz In helf inz araus as der Neilt. Mir sollen schan kenen a hem furen. Mir sollen nit bedürfen kan fremd Brod. O Endlich werden aus Rußland, dem Barbarenlande, das uns ut das Schrecklichste gewöhnt hat, so fürchterliche Dinge gemeldet, daß sie alles Bisherige noch übersteigen. Das eine ist in Rundschreiben des Auslandskomitees des Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes in Littanen, Polen und Rußland md handelt darüber, wie in Russisch-Polen Judenprogrome organisiert werden, und lautet so: v e st u n g N o w o g e o r g i j e \x> s k. Nr. 89. — 27. November 1914. Befehl an die Truppen der befestigten Zone. In deutschen Blättern wird mitgeteilt, daß die deutschen Truppen n den russischen Juden zuverlässige Verbündete gefunden haben, die : äuen nicht bloß Proviant Zustellen, sondern für sie auch die besten : Spione sind und ihnen jegliche Dienste — oftmals auch uneigennützig! leisten, wenn dies nur den russischen Interessen zum Nachteil geeicht. Von einem Sieg der Deutschen erwarten die Juden ihre Beeeiung vom Joche des Zaren und von den Verfolgungen der Polen, sehnliche Nachrichten treffen auch fortgesetzt von den Truppen ein. Um das Militär vor den schädlichen Umtrieben der jüdischen Be-; ölkerung zu bewahren, hat der Oberbefehlshaber der Truppen be- : oh len, bei Besetzung bevölkerter Ortschaften von der jüdischen Beölkerung Geiseln zu nehmen und die Einwohner zu warnen, daß im lalle einer verräterischen Handlung irgendeines der örtlichen Ein- -ovhner nicht nur im Zeiträume der Besetzung des Ortes durch unsere Gruppen, sondern auch nach deren Abzug, die Geiseln hingerichtet wer-; oen werden, was nötigenfalls auch zu vollstrecken ist.! Bei Besetzung bevölkerter Ortschaften muß durch eine sorgfältige j Durchsuchung festgestellt werden, ob nicht Vorrichtungen zum draht-! losen Telegraphieren, Signalisatiousapparate, Taubenpoststatioueu, unterirdische Telegrapheneinrichtungen und dergleichen vorhanden sind. Mit den daran beteiligten Personen ist nach der ganzen Strenge des Gesetzes zu verfahren. (Vergl. Telegramm des Generals Oranowsky Nr. 3432 a. o.) Unterzeichnet: Chef der befestigten Zone, General der Kavallerie B o b y r j. Angefertigt: 2. XII. 6 Uhr abends. Der oben angeführte Truppenbefehl zeigt mit einer Anschaulichkeit, die keinem Zweifel Raum läßt, daß die höchste russische Militärbehörde sich rnit der Verbreitung der Legende vorn jüdischen Landesverrat befaßt. Von ihr werden die widersinnigen Beschuldigungell gegen die Juden in Umlauf gesetzt, daß sie den feindlichen Truppen Spionagedienste leisten und mit ihnen in Verbindung treten mit Hilfe . . . eigens dazu hergerichteter versteckter Telephon- und Telegraphenvorrichtungen. Um den Soldaten und der nichtjüdischen Bevölkerung einen anschaulichen Beweis des Verrates der Juden 31t liefern, werden von der jüdischen Bevölkerung Geiseln genommen. Geiseln von der eigenen Bevölkerung — das ist die neueste echt-russische -- Leistung! So werden laut Anordnung aus Petersburg Pogrome organisiert, wobei gleichzeitig nrit geschickter Hand geübter Gaukelspieler eine Ausstattlillg geschaffen wird zur Rechtfertigung der Greueltaten der russischen Militärbehörden, die Massenhinrichtungen, Militärpogrome und die Ausweisung der gesamten jüdischen Bevölkerung aus den Ortschaften des Operationsgebiets eingeführt haben. Das andere, geradezu Haarsträubende, das Entsetzlichste, was eine schaurige Phantasie sich nur ausdenken könnte, wird von dem „Berliner Tageblatt" veröffentlicht. Der Artikel hat folgenden Wortlaut: 1 5 0 0 jüdische Familien von den R u s s e n gegen die k. u. k. Front g e t r i e b e n. W i e n, 9. März. (W. T. B.) Alls dem Kriegspressequartier wird gemeldet: Heute nachmittag erschien vor der befestigten Stellung unserer Truppen nördlich Nadworna ein russischer Parlamentär, der mitteilte, auf Befehl des russischen Kommandanten würden morgen vormittag ungefähr fünfzehnhundert Judenfamilieu, welche heute bei Kamiona und Tysmieniczanh versammelt worden seien, über die russische Linie hiuaus zu den österreichisch-ungarischen Truppen abgeschoben werden. Da die Jlldenfamilien befürchteten, von den Oesterreichern angeschosseu zll werden, sei der Parlamentär erschienen, um dies ulitzuteileu. — Durch dieses unerhört brutale Vorgehen bezweckt der Feind zweifellos. Tausende von Unbeteiligten, die er brotlos und obdachlos gemacht hat, gleich einer Viehherde vor sich herzutreiben, u m s i ch ungefährdet ll n s e r e n S t e l l u n g e n nähe r n zu köuueil. Die Verwirklichung dieses scheußlichen Vorhaberls, das als eine Schande des Jahrhunderts bezeichnet werden muß, kann bei dem tiefsten Mitgefühl für die armen Opfer der barbarischen Willkür aus militärischen Gründen nicht geduldet werden. Der Nauru vor den befestigten Stellungen nruß nämlich, da ein Waffenstillstand für das Abschieben der Judenfamilien von: Feinde w e d e r a n g e b 0 t e 11 noch unsererseits wegen des Herangehens feindlicher Verstärkungen annehmbar ist, bei jeder Annäherung von der Seite des Feindes unbedingt unter Feuer genommen werden. Dem russischen Kommandanten wurde daher durch einen Parlamentär nachstehende schriftliche Antwort übersandt: Das Ueberschrciten der eigenen Linie von Feindesseite kann unter keinen Umständen für irgend jemand gestattet werden; daher wird der Raum vor der eigenen Front unter Feuer gehalten werden. Ich ersuche, die Judenfamilien in Kamiona und Tysmieniczanh hiervon in Kenntnis zu setzen. Ich füge hinzu, daß die ungeheure Verantwortung für die beabsichtigte unmenschliche H a n d l u n g, Tausende unschuldiger Landbewohner gegen unsere Stellungen zu treiben, ausschließlich dem russischen Kommandanten zufällt, der diesen barbarischen und jeden: Kriegsgebranch hohnsprechendeu Befehl erteilt hat, dies um so mehr, als keine Gewähr dafür besteht, daß diese Unschuldigen n i ch t b l 0 ß a l s S ch i l d für die A n n ü h e r u n g der russischen Truppen dienen werden. Es wird dafür gesorgt, daß dieses Verhalten vor aller Welt gebrandmarkt werde.

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