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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-03-19 · Heft 12 (19.3.1915) · p. Seite 136

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 12 (19.3.1915)
Date
1915-03-19
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
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136 deutsche Volk von der Treue der deutschen Juden zum Reich und von ihrer aufopfernden Anteilnahme cm jetzigen Kriege überzeugt. * Ueber das Elend der J-uden in Polen verbreitet das „Berliner Tageblatt" folgendes ihm aus Petersburg zugegangene Telegramm: Der Korrespondent des Petersburger „Nowy Wosched" berichtet lnteressante Einzelheiten über die auf Verfügung der Militärlxchörden aus dem Gebiete der militärischen Operationen vertriebenen Juden. Rach flüchtiger Schätzung beläuft sich die Zahl der jetzt allein aus dem G o n v e r n e m e n t Plock nach Warschau zusammengeströmten Juden auf mindestens 3 0 00 0. Sie befinden sich alle in kläglichem Zustand; es wird nichts getan, uin ihre Lage zu erleichtern. * Dasselbe Blatt enthält in einer Korrespondenz „Neben den Schlachten" eine Schilderung aus Russisch-Polen, in der es folgendermaßen heißt: Rur drei halbdunkle und dumpfige Räume im Erdgeschoß sind von den Granaten verschollt geblieben, zwei kleine, nach einen: stinkigen Hofe zu gelegene, in denen die Bewohner schlafen und kochen, und ein etwas größerer mit dem Eingang von der Straße her. In letzterem verkauft an einem wackeligen und lange nicht mehr gesäuberten Ladentisch eine runzelige, schmierig gekleidete Frau, die ihr eigenes Haar, wie dort üblich, unter einer fuchsig-braunen Perücke verborgen hat, allerhand Kram: Kuchen und Talglichter, Stieselwichse und Heringe, Schuhbänder und Würste, grellbunte Bauerutücher und Batterien für elektrische Taschenlampen. Am Türpfosten lehnt, gleichgültig vor sich hinstarrend, ein Greis mit langem, schneeweißem, auf die Brust herabwallendem Bollbart — ein interessanter Kopf, der vollendete Typus des polnischen Juden, mit ein paar großen, klug und dabei gutmütig dreinblickenden Augen. Mein Freund, der Maler, tritt auf den Alten zu und bittet mit freundlichen Worten, ihn zeichnen zu dürfen. Der Greis sieht den Künstler zuerst lange an, als begriffe er die Aufforderung gar nicht; bann bewegt er den Kops hin und her, wie innerlich mit einem schweren Entschluß kämpfend. Der Maler scherzt: es tue ja nicht weh imb dauere höchstens ein kleines Stündchen; und er könne Zigaretten dabei rauchen. Der Greis schüttelt abwehrend den Kopf. Er will nicht, daß sein Bild in die Zeitung komme und „die Leute in der großen Stadt Berlin lachen über den alten Samuel Rosenblatt aus Lvwicz!" Der Maler sucht mit Aufbietung aller seiner Liebenswürdigkeit diese grundlosen Befürchtungen zu Zerstreuen. Es ist vergeblich! Dann verspricht er fünf Rubel, die doch „so schnell und schmerzlos zu verdiene!: wären." Der Alte wird bei der verlockenden Aussicht schwankend, geht in den Laden und spricht leise, aber unter eindringlichen Gebärden, mit seiner Frau, die mißtrauische Blicke auf den Künstler wirst. Schließlich sagt der Greis: „Ich werde den Rabbiner fragen. Kommt wieder in einer Stunde!" So geschieht es. Der Rabbiner entschied, der Alte habe ganz recht. Er dürfe das Geld nicht nehmen. Zahle der Künstler aber 50 Rubel für die Sitzung und der Alte stifte das Geld ohne jeden Abzug den A r m e n vo n L o wä c z, dann täte er ein menschenfreundliches Werk, und dafür solle er es ruhig dulden, daß man über ihn lache „in der große!: deutschen Stadt Berlin". * Auch ein Bericht der „München-Augsburger Abendzeitung" ist von hohem Interesse. Er lautet: Die New Iorker Zeitung „The Day" hat an den russischen Ministerpräsidenten die Anfrage gerichtet, ob die „Pogrommeldungen"!vahr seien und ob die Juden in Rußland jetzt alle „Freiheiten" wie die anderen Staatsbürger genießen? Die Antwort Goremykins lautete, wie es zu erwarten war, auf beide Fragen verneinend. Auf die Frage eins erklärte Goremykin, daß seit Kriegsbeginn weder in Polen noch an anderen Orten des Reiches Pogrome und Judenverfolgungen stattgefuuden Hütten; den J::den würde derselbe Schutz Zuteil wie allen Russen, die sich nicht gegen die Gesetze des Kriegszustandes vergangen hätten. Die Beantwortung der zweiten Frage war schon komplizierter, doch Goremykin setzte sich mit der allen russischen Staatsschranzen eigenen Skrupellosigkeit über die „Schwierigkeiten" hinweg und erklärte, daß nie und nirgendwo den Juden irgendwelche „Freiheiten" versprochen wurden. Und dann wirft er eine Frage auf, die er auch gleich beantwortet. „Aus welchem Grunde sollten die Juden jetzt vor dem Gesetz anders dastehen, als vor dem Kriege?" Goremykin sagt, die Teilnahme vor: 200 000 Juden am Kriege ist noch lange keine Veranlassung, eine Aenderung bestehender Gesetze herbeizuführen; die Juden erfülle!: eben nur eine Pflicht wie alle anderen Staatsbürger . . . Sehr richtig. Nur: die anderen Staatsbürger ersüllen Pslichtel: gegenüber dem Staate, nachdem ihnen der Staat Rechte verbürgt. „Wenn die Leute, die dafür verantwortlich sind, jetzt in der Judenfrage nicht anderen Sinnes werden, so wird das Gefüge des russischen Staatsbanes nach dem Kriege schlimmer erschüttert als in den Revolutionstagen, und diese anziehenden Stürme werden zuerst die skrupellosen Schreier Hinwegsegen, die jetzt Oel ins Feuer gießen und die Regierung zu noch schärferen Maßnahmen gegen die Juden m:rusen; diese gewissenlosen Leute sitzen in der „Nowoje Wremja", die Rußlands Unglück ist . . ." Das sind Worte der „Njetsch" . . . . In Rußland ist das Georgs-Kreuz die höchste Kriegsauszeichnung, und das Ordensstatut bestimmt, „daß auch die vierte Ordensklasse nur in den Fällen außerordentlicher Tapferkeit zu verleihen ist, wenn die Nützlichkeit der Tat erwiesen, der Georgritter sein Leben eingesetzt und seine Tat für die Kriegsoperationen von weittragender Bedeutung ist". Nach den Feststellungen der russischen Presse sind Hunderttausende von Ordensauszeichnungeu an die Truppen ver liehen, darunter aber nur achthundert Georgs-Kreuze . *. . Im Militürhospital zu Wilna lag ein Soldat, über dessen Bet: drei Georgs-Kreuze hingen; zweiter, dritter und vierter Klasse. ^UU hohen Besucher wurden an das Bett dieses. Helden geführt, dem bcitu Beine amputiert waren. Eines Tages erhielt der Soldat den Be such seiner Angehörigen, die durch den Krieg aus Polen vertrieben nach Wilna gekommen waren; doch am dritten Tage müßten sie au Befehl des Gouverneurs die Stadt verlassen . . . Ein dem Zaren hause nah verwandter Prinz besuchte das Militürhospital und kan auch ans Bett des „Georgsritters"; der richtete sich im Bett auf un> stammelte einige Worte. Doch da tönte eine harte Stimme dnrei der: Raum: „Bittschrift auf den allerhöchsten Name!: einreichen. Verärgert verließ der Prinz den Raum . . . Ein Kriegskrüppel, dreimal mit der höchsten Kriegsehrung ans gezeichnet, hat nach der Entlassu!:g aus den: Lazarett nur u: der: ihn von der Polizei angewiesenen Bezirken Wohnrecht. Seine An gehörigen, durch die Kriegsnot aus Polen vertrieben, irren von Or zu Ork; überall die polizeiliche Ausweisung. Warum? Der dreifarl dekorierte Kriegsheld und seine Angehörigen si::d Juden . . . Die Zeitung „The Day" veröffentlicht unter der Erklärung Goremykins authentische Berichte über Judenpogrome in Polen Schilderungen von Gemarterten. Goremykins Greisenlügen werde: auch jenseits des großen Teiches niemand verwundern; in der dreißig sten Kriegswoche spricht dieser hilfloseste aller russischen Minister Präsidenten immer noch von der „erhabenen Weisheit des Zaren, di alle Völker Rußlands zum Ruhme führen wird . . Das ist schließlich eine russische Angelegenheit, die die russische- Juden angeht. Erstaunlich ist. nur eins, daß die Aufrufe Zangwill in den „Times" an die amerikanischen Juden, in die britische Arme einzutreten und gegen deutsche Barbarei zu käurpsen, von amerika nischer Seite nicht geharnischt zurückgewiesen werden. „Es ist Zeit daß wir von Rußland abrücken." Diese Worte standen iu den „Times nach dem „Ritualmordprozeß" Beilis in Kiew. Und jetzt: „Die Jude Amerikas müssen helfen, die Welt von der deutschen Bedrückung ui: Tyrannei zu befreien." Und die Juden Amerikas, was tun sie? * Das „Prager Tagblatt" veröffentlicht ein Gedicht, das diese Tage ein einfacher Mann aus Czernowitz, einer der viele!: arme: Flüchtlinge aus der Bukowina, nach Prag mitbrachte. Es ist in de Sprache der Ostjuden, im sogenannten „Jargon" abgesaßt, und di darin ausgedrückte Empfindung ist so unmittelbar und stark, da. Bildhaste der Sprache so naiv und anschaulich, daß die Verse trvi ihres seltsam entstellten Deutsch wie ein altes Volkslied klingen Das Gedicht lautet:

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