Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1915)
- Date
- 1915-03-12
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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stellung, daß sie bei dem ersten Feste der neuen Kirche an der spitze des Frauenvereins den Bischof vor tausend und abertausend Leuten begrüßen würde. Und diesen großen Triumph wollte ihr Mann jetzt aufs spiel setzen. Kollar hat recht, wenn er das Gerücht verbreitet, aaß Littauer auch jetzt noch lieber an den Tempel von Jerusalem denkt als an die Basilika der Gottesmutter. O, wieviel Unannehmlichkeiten ihr schon dieser Mensch mit seinem Zurückiehnen in die alte Welt bereitet hat. Aber diesmal soll es ihm nicht gelingen, sie vor der christlichen Gesellschaft zu kompromittieren. Und ganz heimlich schloß sie sich denjenigen an, >ie sich gegen Littauer verbündeten. Littauer sah es und sein Herz war voll Erbitterung. Die Kirche der Jungfrau Maria forderte zu viele Opfer von ihm. Er hatte ihr seine alte Religion, seine Freunde, seine Lebensgewohnheiten opfern müssen, jetzt forderte sie noch seine Ehre and seinen häuslichen Frieden zum Opfer. Um diese beiden tat es ihm am meisten leid, wenngleich in seinem Bedauern derselben auch der Kummer um die anderen Verluste enthalten war. „Du hast recht gehabt, Gastvn," klagte er seinem Sohne. .Ich stecke zwischen zwei Welten. Die eine nimmt mich nicht auf und die andere hat mich hinausgestoßen. Ob ich verwärts oder rückwärts schaue, überall sehe ich nur Feinde. Nicht wahr, ich muß unterliegen?" Gaston tröstete, beruhigte ihn. Es sei vergebens, sich um vergangene Dinge zu grämen. Wahr sei es, daß er allein dastehe, aber daraus folge noch nicht, daß er den Verlust nicht kragen werde. „Nun, ich werde mich auch nicht ergeben," sprach Littauer. „Solange ich kann, will ich für meine Ehre kämpfen." „Nur vorsichtig," ermahnte ihn der Sohn. „Kollar ist ein gefährlicher Gegner." „Ich kenne ihn. Denn," er lächelte bitter, „so sind wir eben." „Wir?" fragte Gaston verwundert. „Wer denn?" „Nun, wir getaufte Juden." „Aber Vater!" „Ja, ja, mein Sohn. Nicht du bist der Typus der getauften luden, auch ich bin es nicht, sondern Ludwig Kollär ist es. Sie Welt, die jüdische wie die christliche Welt, formt sich nach aesen Kollars ihren Begriff von den Abtrünnigen. Man verabscheut uns, weil die Gewissenlosigkeit und Erbärmlichkeit der Dollars verabscheuenswert ist. Ach, wie ich mich selbst verabscheue, daß ich mich in meinen alten Tagen zu denen herabgewürdigt habe! Wie konnte ich nur eine solche Lage schassen, n welcher ich jenen ähnlich geworden! Wenn ich das be- M'nfe, fühle ich, daß ich meine Leiden verdient habe." Gaston wußte nichts darauf zu erwidern, denn auch ihn alterten diese Empfindungen. Schon längst glaubte er nicht nehr an seine Rassentheorie. Wenn sich der Jude tauft, wer vlgt dem unsichtbaren Entwicklungsvorgang der Rassenräfte? Niemand. Diese Kräfte verwachsen mit einer anderen traft, die ihre Wurzeln nicht in geheimen Schichten verbreitet, andern sich stolz ans Tageslicht drängt. Ein Jude, welcher ich getauft hat, ist kein Jude mehr, sondern ein getaufter Jude, )er Embryo einer neuen Art, der unausgeprägt, formlos, in einer befruchtenden Fäulnis ekelerregend ist. Die Welt, die üdische sowohl wie die christliche Welt, verabscheut den gerauften Juden deshalb, weil das, was dieser vorstellt, nichts anderes ist als die Energie der Fäulnis. Sie sprachen nicht mehr von dieser peinlichen Sache. Litauer widmete seine ganze Zeit dem Kirchenbau. Der große Bauplatz sah einer Stätte der Verwüstung ähnlich. Da ließ er eine Säule, dort einen Pfeiler niederreißen. Fleckweise ließ er den Boden bis zur untersten Ziegellage aufwühlen und, wo es möglich ivar, Verbesserungen vornehmen. „Nur um Aufschub zu gewinnen," flüsterte Kollar dem Pater Luzian ins Ohr. „Ich wußte doch, daß er lieber fasten als das Kreuz anbringen wird." „Und ich werde Ihnen zeigen, daß dieser Jude ganz vergebens manövriert." Wirklich waren alle seine Bemühungen vergebens. Der große Tag kam, jener gewisse Tischebow, an welchem das Kreuz auf die Kuppel gesetzt werden sollte. Die Stadt prangte im Fahnenschmuck, auf dem Kirchenplatze hatte man dem Bischof eine Triumphpforte errichtet. An den Fensterbrüstungen waren kostbare Draperien angebracht, und vor dem Haupteingange der Kirche stand der mächtige Flaschenzug, jene Vorrichtung, die das goldene Kreuz in die schwindelhafte Höhe heben sollte. Pater Luzian war schon früh morgens dagewesen nnd hatte ein Blumensträußchen an das Kreuz gebunden, so zärtlich, wie ein verliebter Jüngling seiner Liebsten ein kostbares Geschmeide nin den Hals legt. Die Gerüste waren mit grünem Laube, mit kleinen Fähnchen und Heiligenbildern ansgeschmückt. Und in weiter Entfernung von diesen strahlte das aus golddurchwirktem Purpurstoff angesertigte Prunkzelt des Bischofs. Die Arbeiter bewegten sich wortlos und mürrisch zwischen den Gerüsten. Kinder und Arbeitslose trieben sich auf dem Platze herum. Sie sahen aus der Ferne die prunkvollen Vorbereitungen und rieten, was es da wohl geben würde. Einzeln erschienen dann die Notabilitäten, manche mit den Familienangehörigen. „Ah," sprach Frau Suhajda freudig erregt zu Frau Kvrläth, „daß ich Sie auch hier sehe." „Auch mich freut es. Teuerste." „Aber wie kommt es, daß Sie nicht mit dem Frauenverein gekommen sind?" „Nun, ich bitte Sie, ich werde mich doch nicht hinstellen." „Wegen Frau Littauer?" „Gewiß. Man könnte glauben, daß ich auch eine Jüdin bin." Darüber lachten sie dann, flüsterten und tuschelten miteinander. Frau Suhajda sagte, daß sie eigentlich gar nicht kommen wollte, denn sie glanbe nicht, daß heute die Kreuzeinweihung stattfinden wird. „Sie wissen doch, Teure, was die Leute sprechen." „Wird dieser Jude das wirklich wagen?" „Von diesem anmaßenden Volke ist alles zu erwarten." Sie wollte noch mehr sagen, doch eben erschien unter Frau Littauers Führung der christliche Frauenverein und machte vor dein Zelte des Bischofs halt. Die beiden Frauen eilten hin. Frau Korlüth umarmte Frau Littauer. „Servus, mein Herz. Wie geht es dir? Was treibt ihr denn immer? Ach, wie schön du bist!" Frau Suhajda wieder lobte das Paradezelt, weil sie wußte, daß Frau Littauer dieses auf eigene Kosten hatte anfstellcn lassen. Auch Frau Keöcheöghy kam zum Vorschein, die schöne, vornehme Frau Keöcheöghy. Auch sie umarmte Frau Littauer, dann betrachtete sie von allen Seiten ihre Toilette nnd musterte sie aufmerksam. „Fühlst du dich wohl, mein Herz? Du bist aufgeregt, nicht wahr?" „Ein wenig." „Du bist auch bleich. Hast du vielleicht nicht gefrühstückt?" Sie sagte es so harmlos, daß man keine böse Anspielung dahinter vermuten konnte. Die Christendamen wandten dennoch ihre Köpfe weg, um ein Lächeln zu verbergen. Weit entfernt von der Kirche lungerten ein paar Juden herum. Einige waren aus Letöce. Die Neugierde hatte sie hierher geführt. Was wird jetzt geschehen? Ist es wahr, daß Littauer nicht zugeben wird, daß man das Kreuz befestige? Lautlos bewegten sie sich aus den Kieswegen. Die meisten